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Die Mehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung

Die Mehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung. Ein kritischer Beitrag zur historischen Gedächtnisforschung

Moritz Csáky,

Wien/Graz

Gedächtnis und Erinnerung sind heute ohne Zweifel zu dominantenDenkfiguren avanciert, nicht nur in den Kultur- undSozialwissenschaften, sondern ebenso in der medizinischen Hirnforschungoder bei der Entwicklung neuronaler Netzwerke, die sich die Erkenntnisder komplexen Struktur des Nervensystems zunutze zu machen versucht.[1] Die Literaturwissenschaft oder die Kulturanthropologie profitierenebenso von dieser aktuellen Forschungsperspektive wie medizinische,naturwissenschaftliche oder technische Disziplinen. ZahlreicheForschungsprogramme, die sich den "lieux de mémoire", "Orten derErinnerung" zuwenden, belegen die Aktualität von Gedächtnis und Erinnerungin der gegenwärtigen historischen Forschung. Die umfangreichenPublikationen und öffentlichkeitswirksamen Aufbereitungen derhistorischen Erhebungen sind auch ein Reflex auf das allgemeineInteresse solchen neuen Fragestellungen gegenüber. [2] Ich glaube, dassdie schon fast ausufernde Thematisierung von Gedächtnis und Erinnerungsich nicht zuletzt gesellschaftlichen Veränderungen verdankt, das heißtkonkreten individuellen und kollektiven Erfahrungen in einerLebenswelt, in der wir uns gegenwärtig befinden. Ich will das imfolgenden mit einigen Beispielen zu verdeutlichen versuchen.

1. Sozial-kulturelle Folgen der Globalisierung

Die Tatsache, dass zunehmende Mobilitäten, Migrationenbeziehungsweise die immer rascher funktionierenden, Raum und Zeitüberwindenden Informations- und Kommunikationstechnologien im Zeitalter der Globalisierungtraditionelle Identitäten zu destabilisieren scheinen, dass sichIndividuen in der Gegenwart von alten, vermeintlich "stabilen" Identifikatorenlösen und sich mit dem Angebot einer Vielzahl von neuen, "beliebigen"Identifikatoren auseinander setzen müssen, haben dazu geführt, dassauch die herkömmlichen sinnstiftenden Vorgaben von "nationalen"Identitäten ins Wanken geraten sind. Die "Glokalisierung", dasheißt die Verortung des Lokalen, "Nationalen" im Globalen (RobertRobertson) [3] oder: die Entterritorialisierung beziehungsweiseEntlokalisierung kleinräumiger, "nationaler" beziehungsweise regionalerkultureller Muster und Erinnerungen und deren Überführung in dasKosmopolitisch-Globale (Arjun Appadurai), [4] in ein globalesGedächtnis also, hat freilich auch gegenläufige kulturelleRegionalismen beziehungsweise den erneuten Rekurs auf "nationale", dasheißt lokale kulturelle Werte auf den Plan gerufen. [5] Denn in einerderart veränderten Situation stellt sich vor allem die Frage nach den Konditionen von Identitätsbildungenaufs neue, die nun zunehmend von flüchtigen, flottierenden, nationalimmer weniger kodierten kulturellen Bezugspunkten bestimmt werden; vontransnationalen Identifikatoren also, die nicht nur auf einer,sondern auf einer Vielzahl von "Geschichten" beruhen, die folglich anunterschiedlichen Gedächtnissen beziehungsweise an eine globalenGedächtnis partizipieren. [6] Wenn man sich heute zur Erklärung solchersozial-kultureller Verquerungen zunehmend mit den Phänomenen derKreolisierung, der Hybridität von Kultur oder mit Mehrfachidentitätenin einem postkolonialen Kontext auseinander setzt, kann das Interessefür solche Probleme gleichfalls als die Folge einer Situationinterpretiert werden, in der wir uns gegenwärtig befinden. Wird siedoch von Tendenzen bestimmt, die die Auflösung beziehungsweise dieFragmentierung eindeutiger, homogener Identitätsräume zur Folge haben.Unabhängig davon, ob wir eine solche Entwicklung akzeptieren oderablehnen, haben solche Erfahrungen zweifelsohne dazu beigetragen,Wahrnehmungsmuster beziehungsweise theoretische Erklärungen für denProzess der ökonomischen und kulturellen Globalisierung zu entwerfen.Freilich sollte man dabei zumindest zwei Probleme bedenken:

Erstens könnte man Ursache und Wirkung unter einemumgekehrten Aspekt betrachten. Man könnte sich zu recht die Fragestellen, ob die Theorieentwürfe, mit denen man diese Situation zuerklären versucht, die sozial-kulturellen Folgen der Globalisierungbloß reflektieren und deuten, oder ob diese Theoriediskurse nichtvielmehr an der Visualisierung beziehungsweise Etablierung einersolchen von uns wahrgenommenen Realität zumindest mitbeteiligt sind.

Zweitens dürfte es angebracht sein, die Prozesse derGlobalisierung in einem längerfristigen, zeitübergreifenden Kontext zubetrachten. Anders ausgedrückt: Ist das, was wir heute beobachten underleben, wirklich so neu? Mitte des 19. Jahrhunderts charakterisierteKarl Marx die Kapitalisierung der Wirtschaft und die Folgen, die sichaus dem Prozess der Modernisierung ergaben, mit Worten, die auch fürdie Globalisierung der Gegenwart ihre Gültigkeit behalten haben:

"Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes dieProduktion und Konsumation aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Siehat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden derIndustrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industriensind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werdenverdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage füralle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehreinheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörigeRohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst,sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelleder alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse tretenneue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrerBefriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalenSelbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr,eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in dermateriellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigenErzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationaleEinseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und ausden vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eineWeltliteratur." [7]

In der "ersten Moderne", den Jahrzehnten um 1900, wurde man sichähnlicher Phänomene von Veränderungen bewusst und reflektierte dabeivor allem den Verlust von Stabilität:

"Reisetag wie so viele andere in den letzten Jahren" notiertebeispielsweise Stefan Zweig 1935. "Ist es, weil die Welt so unruhighin- und herschwankt, dass man sich gewöhnt hat, im Gleitenden zuleben? [ ... ] Reisen ist mir kein fremder Zustand mehr, sondernbeinahe ein natürlicher. Man hat sich stärker losgelöst von denBindungen und Gewohnheiten, von Haus und Besitz – beides fragwürdiggeworden und kaum mehr entbehrt. [ ... ] Und wenn es Sinn ist einesLebens, sich im Zeitlichen und Geistigen immer wieder eine neue Formder Freiheit zu entdecken, so ist es vielleicht das Beste, mitmöglichst wenig Last zu leben, die Kunst, ohne Sentimentalität vielVergangenheit hinter sich zu lassen." [8]

Doch gerade die "Entwicklung eines globalen Gedächtnisses, das auf gemeinsamen globalen Erfahrungen beruht", [9] die Entortung von Gedächtnisalso und das globale "Crossover", das kulturelle Elemente lokalerProvenienz mit globalen zu verschränken weiß, sollte beziehungsweisekönnte auch für die Thematisierung von Gedächtnis und Erinnerung einenPerspektivenwechsel, einen "Turn" herbeiführen. Dem gegenüber glaubeich, dass zumindest die historische Gedächtnisforschung solcheErkenntnisse kaum nutzt, sie ist noch allzu sehr einer Sichtweiseverhaftet, die für das 19. Jahrhundert kennzeichnend war. Konzentriertsie sich doch zumeist auf solche Gedächtnisorte, Symbole oder "Mythen",die für die Konstruktion einer lokalen, das heißt konkret nationalenkollektiven Identität, für eine nationale Sinnstiftung von Relevanzwaren. Damit vereinnahmt sie fast unbewusst Gedächtnis in eineausschließlich oder vornehmlich national-lokale Perspektive, ohne vonden Erkenntnissen, Analysen und Theoriebildungen über kulturelle undidentitätsbildende Prozesse in der Gegenwart zu profitieren. Die Frage,ob Prozesse, die heute wahrgenommen werden, Prozesse akzelerierterkultureller Wechselwirkungen und Hybridisierungen, in einer ähnlichenWeise nicht auch in der Vergangenheit von Bedeutung waren, ist, wie dasZitat von Stefan Zweig andeutet, durchaus berechtigt. Ist daher dievorzugsweise Fokussierung historischer Darstellungen auf das Problemder Konstruktion von lokalen (nationalen) Identitäten nicht eineEinengung, welche der Realität aus dem Weg geht? Und verschreibt sicheine solche Perspektive nicht ideologischen Vorgaben, nationalenNarrativen des 19. Jahrhunderts? Und ist die Vorgabe eines solchenNarrativs, dass jedes Individuum beziehungsweise jede soziale Gruppesich für eine Identität zu entscheiden hätte, aufgrund vonAnalysen über die Gegenwart, die in analoger Weise auch für dieVergangenheit zutreffen, haltbar?

2. Der Holocaust

Der Holocaust, die Shoah, ist seit der zweiten Hälftedes 20. Jahrhunderts für das kollektive Bewusstsein ohne Zweifel vondominanter, von konstitutiver Bedeutung geworden. Die Erinnerung an dieVerbrechen des Nationalsozialismus und die Erkenntnis, dass dieseVerbrechen unter den Augen einer willfährigen oder schweigendenMehrheit begangen wurden, hat den Holocaust zu einem zentralen Ort des Gedächtnissesgemacht, dessen erinnernde Aneignung zu einer moralischen Verantwortunggeworden ist. Ähnlich wie die zunächst zeitlich und räumlich begrenzteErfahrung der "Revolution" von einem lokalen, das heißt "französischen"beziehungsweise europäischen allmählich zu einem umfassenderen,universalen Gedächtnisort mutierte, löste sich auch der Holocaust inder Postmoderne von einer zunächst lokalen Erinnerung der Opfer und derTäter zu einem umfassenden, globalen Ort des Gedächtnisses, [10] aufdas sich erinnernd zu beziehen nicht nur für das individuelle, sonderngleichermaßen für das nationale und internationale politische Handelnbestimmend geworden ist. So wurde das Engagement der internationalenStaatenwelt im ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren mit demHinweis auf Genozide und ethnische Säuberungen begründet. DieSensibilisierung für solche Gräuel verdankte sich nicht zuletzt derErinnerung an die organisierte, gezielte Vernichtung der Juden währenddes Nationalsozialismus. Die Erfahrung des Holocaust mahnt also nichtnur zu kontinuierlichem Gedenken und Erinnern, er ist zugleich einBeispiel für die "Entgrenzung", für die "Entterritorialisierung"beziehungsweise "Entlokalisierung" oder "Glokalisierung" von Gedächtnisund Erinnerung.

3. Die Transformationen von 1989/90

Spätestens seit den Transformationen von 1989/1990 ist dieerinnernde Vergegenwärtigung einer wie auch immer vorgestelltenVergangenheit plötzlich wieder von prävalenter Bedeutung geworden. [11]Nach der Auflösung klarer Ordnungssysteme versuchte man nach solchenOrientierungsmustern Ausschau zu halten, die unmittelbar vor derEtablierung in zwei politische Blöcke soziale Kohärenz und Stabilitätversprachen. So präsentiert sich der Renouveau von verbindlichenGeschichtsbildern, von nationalen Mythen in Ost und West nicht zuletztin Form von historischen "Erzählungen", die mit dem Rekurs auferfundene Traditionen (Eric Hobsbawm) [12]  operieren; er machtdeutlich, dass gerade im Augenblick, als man sich anschickte,vermeintliche Wertesysteme, das heißt bis dahin gültige, verbindlicheIdeologien hinter sich zu lassen, die erinnernde Konstruktion eines indie Vergangenheit zurückprojizierten Wertekanons, als Surrogatgleichsam, zu einem wesentlichen Kriterium für die Konstruktion einerneuen kollektiven Identität geworden ist. Eine solche Feststellungbezieht sich freilich nicht nur auf jene Gesellschaften, die sich derideologischen Umklammerung des Realen Sozialismus im ehemaligen Ostenentzogen hatten, auch der sogenannte Westen, die europäisch-atlantischeGemeinschaft, wurde durch den "Fall der Mauer", der die jahrzehntelangePolarisierung in West und Ost, in Gut und Böse also, obsolet erschienenließ, zutiefst, ja vielleicht noch mehr verunsichert als der ehemaligeOsten. Der Systemwechsel von 1989/90 betrifft also nicht nur dieehemaligen sozialistischen Staaten beziehungsweise Gesellschaften.Während hier die Frage nach einer anscheinend vierzig Jahre lang nichtoffen thematisierten nationalen Identität neu ansteht und folglich voneiner "Wiederkehr der Geschichte" gesprochen wird, hat sich –als Folge dieser radikalen Veränderungen – auch im ehemaligen WestenEuropas eine Verunsicherung breit gemacht, die nicht nur neonationaleAttitüden zum Beispiel in Form einer "politisch korrekten"patriotischen Rhetorik, sondern die Suche nach Identifikatoren einesgesamteuropäischen beziehungsweise europäisch-atlantischenGedächtnisses hervorgerufen hat. In der EU bemüht man das Auffinden vongemeinsamen europäischen Werten, an denen sich Gesellschaften hierauszurichten hätten, man beginnt an einem verbindlichen Cultural Heritagezu konstruieren und Europa sogar auf einen religiös fundierten,christlichen beziehungsweise jüdisch-christlichen (biblischen)Wertekanon einzuschwören, der – so wünschen es sich manche – auch ineiner europäischen Verfassung einen Niederschlag finden sollte.Typischer Weise klammert man bei solchen Überlegungen die dritte derabrahamitischen Religionen, den Islam und damit die ganze arabischeKultur, aus, obwohl auch diese eine historisch nichtwegzudiskutierende, tragende Rolle für das Zustandekommen einesübergreifenden europäischen Selbstverständnisses geleistet hat. DieDiskussion um verbindliche, gemeinsame, europäische "Werte" magfreilich auch ein, vielleicht nicht ganz bewusster, Reflex auf diejüngst von Jacques Derrida und Jürgen Habermas ins Spiel gebrachten"Abstiegserfahrungen" sein, die sich für die Völker beziehungsweiseStaaten Europas aus den kontinuierlichen Niederlagen seit dem 19.Jahrhundert, aus dem Verlust von Kolonien und aus den Katastrophen undZivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts angesammelt und zurSchwächung des zuvor identitätsbestimmenden Eurozentrismus beigetragenhaben. [13] Doch erst die Transformationen von 1989/1990 waren derAuslöser für die bewusste, erinnernde Vergegenwärtigung einer wie auchimmer vorgestellten Vergangenheit. [14] Diese Transformationen habensich freilich nicht nur auf die Situation in Europa ausgewirkt, siehaben gleichermaßen auch zu einem globalen politischenParadigmenwechsel beigetragen.

4. Ground Zero

Die traumatischen Ereignisse des 11. September 2001, diemediale Vermarktung und politische Instrumentalisierung dieserErfahrung, deren Ziel die Sichtbarmachung von kultureller Differenz,das heißt die Konstruktion eines neuen Feindbildes ist, das die eigenenökonomischen, politischen und militärischen Aktionen rechtfertigensollte, haben nicht nur das Bewusstsein von Brüchen und Veränderungenvertieft, sondern einen virtuellen Gedächtnisort aufgebaut und zurDisposition gestellt, auf den sich kollektives Erinnern nun globalauszurichten hätte. Ein zunächst lokales traumatisches Erlebnis wurdezu einem globalen uminterpretiert, mit dessen Hilfe sich nun auch dieVergangenheit in einem ganz neuen Licht darstellen konnte. In der Tatwird Geschichte immer wieder neu "gelesen", die Vergangenheit(Gedächtnis) wird letztlich immer wieder von einem sich Erinnern in derGegenwart eingeholt: "Die Vergangenheit ist immer neu" hatte schonItalo Svevo gemeint.

"Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile vonihnen, die in Vergessenheit versunken sind, tauchen wieder auf, anderewiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwartdirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters. Siebenötigt diese Töne und keine anderen. So erscheint die Vergangenheitbald lang, bald kurz. Bald klingt sie auf, bald verstummt sie. In dieGegenwart wirkt nur jener Teil des Vergangenen hinein, der dazubestimmt ist, sie zu erhellen oder zu verdunkeln". [15]

***

Aus diesen Überlegungen ergeben sich für mich einige allgemeine Schlussfolgerungen:

Erstens: Stellt man sich die Frage nach dem Zustandekommen und den Inhaltenvon personalen und kollektiven Identitäten wird man unmittelbar mit demProblem von Gedächtnis und Erinnerung konfrontiert. Der erinnerndeRekurs auf eine "reale" oder vielleicht "erfundene", virtuelleVergangenheit (Gedächtnis) ist für die Konstruktion von Identitäten vondominanter Bedeutung. Für die Analyse solcher Identitätskonstruktionenist es daher unvermeidlich, sich mit der prozesshaften, mehrdeutigenAktualisierung und Instrumentalisierung von Gedächtnisinhalten alsIdentifikatoren auseinander zu setzen.

Zweitens: Gedächtnis und Erinnerung können nicht gleichgesetzt werden. Erinnerungist ein dynamischer Vorgang, durch den Gedächtnis, das heißt dieInhalte, derer man sich erinnert, aktualisiert und Vergangenesangeeignet wird. Dass und wie man sich erinnert, ist von konkretenUmständen, das heißt vom sozialen Umfeld abhängig. Das hat zur Folge,dass auch Gedächtnis sich insofern verändert, als selektivunterschiedliche Inhalte, die das Gedächtnis "aufbewahrt",erinnert oder diesem sogar hinzugefügt werden. Insofern dynamisiert dieErinnerung nicht nur den "Ort", auf den sie sich bezieht, sie ist ander "Konstruktion" von Gedächtnisorten mitbeteiligt.

Drittens folgt daraus, dass nicht nur die Erinnerung sondernauch das Gedächtnis weniger mit der Vergangenheit zu tun haben,sondern, wie Elena Esposito jüngst betont hat, Bewusstsein in der Gegenwartbestimmen, "denn nur in der Gegenwart kann man sich erinnern odervergessen". [16] Die Geschichte, oder das Gedächtnis, in dem, wie manmeint, Vergangenes "ruht", ist daher nicht ein geschützter Bereich derHistorikerinnen und Historiker, Geschichte ist vielmehr ein bis in dieGegenwart andauernder lebendiger, dynamischer Prozess, der dasindividuelle und kollektive Bewusstsein steuert. " [... ] die Kenntnisder Vergangenheit [ist]", wie Friedrich Nietzsche gemeint hat, "zuallen Zeiten nur im Dienste der Zukunft und Gegenwart begehrt [ ... ],nicht zur Schwächung der Gegenwart, nicht zur Entwurzelung einerlebenskräftigen Zukunft [ ... ]." [17]

5. Historische Rekonstruktionen von Gedächtnisorten

Wie ich hier bereits angedeutet und auch anderwärts ausgeführt habe [18] ist es auffallend, dass Programme der historischen Gedächtnisforschung,die in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern eingerichtet wordensind, solchen Orten, Inhalten und Erinnerungsweisen ihre Aufmerksamkeitzuwenden, die in der Vergangenheit für die Bildung von kollektiven nationalenIdentitäten von besonderer Bedeutung waren.[19] Die historischeRekonstruktion solcher Gedächtnisorte ist also das primäre Ziel dieserUntersuchungen. Darüber hinaus geht es aber noch um mehr. Wie EtienneFrançois und Hagen Schulze in der Einleitung zu den von ihnenredigierten "Deutschen Erinnerungsorten" ganz explizit betonen,bezwecken sie mit der historischen Darstellung auch "einigeOrientierungspunkte [zu] hinterlassen" und einen "Akt derSelbstbestimmung" zu setzen. Friedrich Nietzsche paraphrasierend heißtes da u.a.: "Unsere Bände sind nicht entstanden, 'damit das Lebenverkümmert und entartet', sondern sind als Aufruf zur 'Tat' und zum'Leben' gedacht. Weit entfernt davon, 'bloße Belehrung' zu sein,möchten sie eher zur 'Belebung' beitragen". [20] Dem Beispiel PierreNoras ("Les Lieux de mémoire") folgend werden nicht nur solchetopographischen und metaphorischen Gedächtnisorte vorgestellt, die inder Vergangenheit von Bedeutung gewesen sind, vielmehr weist man dieseneine bis in die Gegenwart gültige Relevanz zu. Das heißt es wird mitder historischen Präsentation von deutschen Erinnerungsorten dieVorstellung verbunden, dass diese auch für die Deutschen in dieGegenwart von konstitutiver Bedeutung wären. Ähnlich argumentieren auchandere historischen Gedächtnisprogramme, vor allem Pierre Nora in den"Lieux de mémoire", der Frankreich unter diesem Gesichtspunkt als eine"réalité symbolique" begreift. [21] Aus einer solchen funktionalen,identitätsstiftenden, das heißt "nationalen" Codierung vonGedächtnisorten, die den Symbolhaushalt eines Volkes (Nation)repräsentieren, begründet sich auch die Thematisierung von eindeutigvoneinander abgrenzbaren "französischen", "deutschen" oder"italienischen" historischen "Orten", denen ein differentes"nationales" Gedächtnis zugrund liege und die daher eindeutig, nämlich"national" erinnert werden können/sollen. Ein solches Verfahrenbedeutet freilich nichts anderes als sich auf die Position dernationalen Geschichtsbetrachtung des 19. Jahrhunderts zurückzuziehen,die nun in das 21. Jahrhundert hinübergerettet wird. Diese Art vonhistorischer Gedächtnisforschung bedient sich folglich, vommethodischen Gesichtspunkt aus betrachtet, weniger eines bloßhistorisch-rekonstruierenden Verfahrens, sie übernimmt vielmehr,vielleicht ohne es zunächst zu intendieren, die Aufgabe derfunktionalen Konstruktion eines für die b>Nationsbildungverbindlichen, eindeutigen Gedächtnisses, auch wenn betont wird, dasshier vor allem die unterschiedliche Art der Erinnerungsweisen(commémorations) Gegenstand des historischen Interesses wäre. [22]

5.1. Rekonstruktion, Konstruktion oder Dekonstruktion von Gedächtnisorten?

Während es in der bislang beschriebenen Bestandsaufnahme dersozial-politischen Inanspruchnahme und der historischen Thematisierungvon Gedächtnisorten vornehmlich darum geht, Gedächtnis unter derPerspektive seiner Instrumentalisierung für die Konstruktion von kollektiven nationalen Identitätenzu analysieren, muss man sich fragen, ob diese eindeutige Rückkoppelungvon Erinnerung an Gedächtnis, wie es die historischenGedächtnisprogramme de facto praktizieren, nicht nur denErfahrungshorizont der Gegenwart außer acht lässt, sondern dieVergangenheit vornehmlich unter einem Aspekt zu deuten versucht, dersich im Prinzip der nationalen Sichtweise des 19. Jahrhundertsverdankt. Ohne Zweifel entstanden kollektive Kohärenz und kollektivesBewusstsein bereits in der Vergangenheit auch neben und jenseitsnationaler Identitätskonstruktionen. Und angesichts gesellschaftlicherProzesse in der Gegenwart ist es in der Tat nicht plausibel, sich aufeine historisch-deskriptive Rekonstruktion von nationalenGedächtnisorten zurückzuziehen, zumal eine solche Rekonstruktion, wiebereits angedeutet, unvermittelt in eine Konstruktion vonnational relevanten Gedächtnisorten mündet. Dem gegenüber könnte mansich solcher grenzüberschreitender, "enträumlichter" Bezüge besinnen,die für Gedächtnis stets kennzeichnend sind. Anders gefragt: Gibt esneben national konnotierten nicht auch transnationale Gedächtnisorteund sind Gedächtnisorte insgesamt, auch wenn sie zuweilen im Sinne dernationalen Ideologie vereinnahmt wurden, nicht prinzipielltransnational angelegt beziehungsweise deutbar? Sind Gedächtnisortenicht mehrdeutiger als die nationale Perspektive vorzugeben scheint?Gedächtnisorte als Identifikatoren, auf die man sich auch in derVergangenheit immer wieder bezogen hat, hatten zwar eine in bezug aufsoziale Gruppen oder Schichten identitätskonstitutive, jedochkeineswegs eine ausschließlich oder vornehmlich nationsstiftendeFunktion. In der Tat lassen sich "entnationalisierte" Vernetzungen undVerquerungen beispielsweise gerade an solchen "Gedächtnisorten"nachweisen, die sich in einer Lebenswelt vorfinden, die von einertraditionalen kulturellen Heterogentität, von einer dichten kulturellenDifferenz gekennzeichnet ist.

Mein Vorschlag lautet daher, schon allein aufgrund dieser Einsicht, Gedächtnisorte nicht bloß zu rekonstruieren und damit, ohne es sich auch immer wirklich einzugestehen, zu konstruieren, sondern Gedächtnis und Erinnerung, das heißt Gedächtnisorte einem dekonstruktivistischen Verfahren zu unterziehen. Unter Dekonstruktionverstehe ich hier weder ein philosophisches, das heißtantimetaphysisches Konzept, wie es Jacques Derrida vertritt, noch eineigenes methodisches Verfahren, sondern vornehmlich eine bewussteVeränderung der Sichtweise, die es ermöglicht, Gedächtnisortebeziehungsweise Gedächtnis und Erinnerung unter jenen vielfältigenPerspektiven zu erfassen, von denen sie bestimmt werden. Eine solchemultiperspektivistische Sicht schärft den Blick vor allem fürDifferenzen, für Mehrdeutigkeiten, die kulturellen Prozessen imallgemeinen und Gedächtnisorten im speziellen eigen sind. DieBerechtigung eines solchen dekonstruktivistischen Verfahrens – WalterBenjamin spricht in einem analogen Zusammenhang von der "Destruktion" der Geschichte – möchte ich mit folgenden zusätzlichen Argumenten kurz skizzieren.

Wir können an uns selbst beobachten, dass Erinnerung als Prozess derdynamischen Aktualisierung von Gedächtnis nicht etwas Gleichbleibendes,Festes, Konsistentes ist, dass beispielsweise die Erinnerung an ein unddasselbe Erlebnis, das wir einmal hatten, "flüssig", flüchtig, dasheißt immer unterschiedlich ist. Man erinnert sich zwar des einmalErlebten, doch treten in der zeitlichen Abfolge von Erinnerungenunterschiedliche Inhalte in den Vordergrund. Dies hängt natürlich mitdem Entwicklungsprozess zusammen, dem wir ausgesetzt sind, dasheißt es hat etwas zu tun mit der andauernden, prozesshaftenKonstruktion unserer eigenen, personalen Identität. Die jeweilskonkrete Situation, in der wir uns befinden, mag nicht nur ein Anlasssein, sich zu erinnern, sie bestimmt auch die Intensität und dieInhalte der Erinnerung. Der soziale Kontext spielt dabei ebenso eine Rolle wie der räumliche.Folgt man der Überlegung von Maurice Halbwachs, wonach das individuelleGedächtnis im kollektiven verankert ist, dann wird auch die Art derErinnerung von der sozialen Umwelt, in der wir uns befinden,beeinflusst. Man wird sich dessen erst bewusst, wenn man wahrnimmt,dass wir in der Tat unterschiedlich beziehungsweise andere Inhalteerinnern, wenn wir uns in jeweils unterschiedlichen sozialenZusammenhängen bewegen. Ein Zusammentreffen mit Jugendfreunden, die wirlanger Zeit nicht gesehen haben, lässt Erinnerungen wach werden, diewir jahrzehnte lang nicht mehr hatten. In ähnlicher Weise wirdErinnerung auch von der räumlichen Umgebung beeinflusst. Begegnet maneiner Person in einer ungewohnten Umgebung, ist es möglich, dass wirdie Person zunächst nicht erkennen (erinnern), und wenn wir sieerkennen, vermögen wir sie vielleicht nicht einzuordnen, denn wirbegegnen ihr nicht in dem gewohnten Raum. Ernst Mach spricht in diesemZusammenhang davon, dass in einem solchen Falle die Person "zweimalgegeben wäre", in dem ihr angestammten und in dem neuen Raume.

"Auf einem Spaziergang durch die Straßen von Innsbruck" schreibtMach, "begegnet mir ein Herr, dessen Gesicht, Gestalt, Gang undRedeweise mir die lebhafte Vorstellung eines solchen Gesichtes, Gangesu.s.w. in einer andern Umgebung, in Riva am Gardasee, erregt. Icherkenne den Herrn A, der in der Umgebung I als sinnliches Erlebnis vormir steht, als denselben, der auch einen Bestandteil meinerErinnerungsvorstellung mit der Umgebung R ausmacht. Das Wiedererkennen,Identifizieren hätte keinen Sinn, wenn A nicht zweimal gegeben wäre.Alsbald fallen mir auch mit A in R geführte Gespräche ein, ich erinneremich der Ausflüge in seiner Gesellschaft u.s.w." [23]

Wenn damit zum Ausdruck kommt, dass man sich unterschiedlicherinnert und dass durch die vielfältigen Weisen der Erinnerung auchGedächtnis, an dem sich Erinnerung ausrichtet, b>mehrdeutig wird,heißt das noch nicht, dass dieser "b>Gedächtnisort" sichverflüchtigen würde. Er ist und bleibt da, erweist sich aber durch dieunterschiedlichen Erinnerungsmodi als polyvalent. Eineunterschiedliche Erinnerungsweise verändert, verrückt zwar auch denBezugspunkt der Erinnerung, nämlich den "Ort", beraubt ihn aber nichtall jener anderen Gedächtnisinhalte, die im Augenblick nicht erinnertwerden.

5.2. Textualität und Performanz

Diese Überlegungen lassen noch von einer anderen Perspektive, der Texttheorieverdeutlichen. Ein niedergeschriebener Text beinhaltet eine Vielfaltvon Aussagen und Überlegungen, die sein Verfasser bewusst vermittelnwill. Um sich den Lesern verständlich zu machen, bedient er sich einer"Sprache" – in einem wörtlichen und übertragenen Sinne – die mit seinerund seiner Leser Lebenswelt korrespondiert. Nicht nur die konkrete Sprache,in der der Text verfasst wurde, sondern auch konkrete Beispiele, dieMetaphorik oder die Darstellung von Handlungsabläufen verdanken sicheinem konkreten sozial-kulturellen Kontext, der in den Text des Autorsmit einfließt (Julia Kristeva). Michail Bachtin spricht in diesemZusammenhang daher von der "Polyphonie" eines geschriebenen Textes,Stephen Greenblatt verweist auf die "Zirkulation sozialer Energie", diein literarischen Texten sichtbar würde. Ein literarischer Text istdemnach schon aus der Sicht dessen, der diesen Text verfasst, nichteindeutig, sondern ambivalent, mehrdeutig, subversiv.

Es ist jedoch nicht nur der Autor, sondern auch der Leser als derRezipient eines literarischen Textes an dessen Entstehung beteiligt, erhat sogar eine fundamentale "Rolle als Konstrukteur des Werks". [24]Jeder, der einen kurzen Text oder ein ganzes Buch mehrmals liest, wirddie Erfahrung gemacht haben, dass durch das wiederholte Lesen dem Textneue Gesichtspunkte, neue Zusammenhänge und neue Inhalte eingeschriebenwerden, Inhalte, die selbst dem Verfasser keineswegs bewusst seinmussten und sich daher einer nüchternen philologischen Textanalyseverschließen. Ein literarischer Text wird folglich durch seine Lektürenicht nur immer wieder mit neuen Bedeutungen aufgeladen, er wird mitjeder Relektüre neu "<KONSTRUIERT"< b>. Nochdeutlicher wird dies bei der Aufführung eines Theaterstücks, das nichtnur durch die jeweils unterschiedliche Inszenierung, die Darbietung derSchauspieler immer wieder neu entsteht, sondern zusätzlich auch durchdie Zuschauer, deren sozial-kultureller Kontext sich kontinuierlichverändert, neu und anders verstanden und eingeordnet wird. Das betrifftvor allem das Aktionstheater, bei dem die Zuschauer als Mitgestalterbewusst in die Handlung einbezogen werden. Dieser Performance-Charakterdes Theaters hat zum Ziel, Autor, Schauspieler und Zuschauer alsAkteure des Stücks mit immer neuen Sinndeutungen aufzuladen. [25] DieseErkenntnisse sind selbstverständlich auch für die These von derMehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung von Bedeutung.

Auch die Vergangenheit beziehungsweise Gedächtnisorte sind einem"Text" vergleichbar, der gelesen, dechiffriert, das heißt erinnertwerden kann. [26] Das "Lesen" (Erinnern) dieses Textes geschiehtbeispielsweise, individuell oder kollektiv, durch die Entschlüsselungder an solchen Gedächtnisorten angesammelten Artefakte oder durch dieEinsicht, dass diese oder jene Elemente, die in ihnen angesammelt sind,zum Beispiel eine Emblematik oder eine allegorischeAusschmückung, bloß Umschreibungen für etwas sind, das hinter diesenäußeren Merkmalen steht. Die Elemente sind also nicht für sich da,sondern für etwas anderes, für eine ganz bestimmte Bedeutung, dievielleicht zunächst nicht unmittelbar wahrgenommen wird. Ein Monument,ein Denkmal, zum Beispiel die Büste eines Politikers, beinhaltet nachdem Willen jener, die dieses Denkmal errichtet haben, eineunmissverständliche Aussage, vielleicht eine bestimmte politischeBotschaft, die mit der visuellen Darstellung des Politikers vermitteltwerden soll: Er möge auch von der Nachwelt nicht vergessen werden. InWirklichkeit ist die Büste freilich nur ein Artefakt und als solchesnur der Hinweis auf diesen Politiker, sie ist nicht er selbst, sie istein materialisiertes Abbild dessen, der eigentlich gemeint ist unddessen man sich durch die Ansicht des Denkmals erinnern sollte. Im Aktder Erinnerns dieser Person wird jedoch auch ein weiterer,übergeordneter, beziehungsweise hintergründiger und nicht direktvermittelbarer Bedeutungsinhalt, wie zum Beispiel Liberalismus oderNation lebendig. Verliert die Idee des Liberalismus und der Nation anRelevanz, kann dieses Denkmal eine ganz andere inhaltliche,ursprünglich nicht intendierte Konnotation erhalten. Denkmäler alsGedächtnisorte beinhalten also vielfache und vielfältige Elemente(b>Signifikanten) auf einen Bedeutungszusammenhang (Signifikat)verweisen. Beide zusammen bilden jenes Ensemble (von Zeichen), diediesen "Ort" als einen "Text" erscheinen lassen: "Die Bedeutung[signification] lässt sich als Prozess auffassen; sie ist der Akt, derSignifikant und Signifikat miteinander vereint, ein Akt, dessen Produktdas Zeichen ist." [27] Durch den Akt der individuellen oder kollektivenErinnerung kann dieses Zeichen, dieses Ensemble, dieser "Ort" gelesenwerden. Dabei kommt den "lesenden" Rezipienten, ähnlich wie beim Leseneines literarischen Textes, eine durchaus aktive Rolle zu. Auch hiergilt, was ich bereits angedeutet habe. Schon allein dadurch, dass dieErinnerungsweisen einzelner Individuen oder sozialer Gruppen sichvoneinander unterscheiden, dass die im Laufe der Zeit sich verändernde Lebenswelt die Perspektiven und Inhalte der Erinnerung verändern, verändert sich auch der Verweischarakter der in solchen Orten angesammelten Elemente. Die Elemente, die Vokabeln, die Codes, aus denen sich ein solcher Gedächtnisort zusammensetzt, sind also nicht stabil und eindeutig, sondern instabil, flüssig und ambivalent.Das hat des weiteren zur Folge, dass durch die erinnernde "Relektüre"solcher Gedächtnisorte (Denkmäler), bei der sich die Elementeverändern, diesen immer wieder neue Sinn- und Bedeutungszusammenhängeeingeschrieben werden können. Jeweils unterschiedlicheErinnerungsweisen konstruieren also den "Text" eines Gedächtnisortes(Denkmal) stets aufs neue und in einer anderen Weise. Daraus folgt,dass nicht nur die Elemente, das heißt die Signifikanten mehrdeutig,ambivalent, flüssig sind, sondern auch das, auf was verwiesen wird(Signifikat). Die wiederholte erinnernde Aneignung einesGedächtnisortes verändert dessen funktionalen Charakter, er erscheintnicht mehr eindeutig, sondern mehrdeutig. Gedächtnisorte sind daherdynamisch, sie werden durch den Akt der kollektiven und individuellenErinnerung immer wieder neu aufgeladen. Eine kulturwissenschaftlicheAnalyse muss sich diese Mehrdeutigkeit von Gedächtnisorten stets vorAugen zu halten. Sie sollte sich nicht damit begnügen, bloß eine dermöglichen Deutungsarten (Erinnerungsweisen) rekonstruieren zu wollen,oder konkret: Gedächtnisorten vornehmlich einen seit dem 19.Jahrhundert intendierten nationsstiftenden Bedeutungszusammenhangeinzuschreiben. Eine historische Rekonstruktion, die nur diesen Aspektvor Augen hat, beschreibt nur das, was die nationale Ideologie vorgab,sie folgt damit bewusst oder unbewusst nationalen ideologischenZielsetzungen. [28] Ein historisches analytisches Verfahrensollte daher versuchen, Gedächtnisorte nicht im Sinne nur einerursprünglich intendierten Funktion zu rekonstruieren, sondern diese zu de-konstruieren, zu zerlegen. Damit tritt sowohl die Mehrdeutigkeit der Elemente, ihr flüssiger Verweischarakterund die vielfältigen und mehrdeutigen Möglichkeiten ihrer jeweiligenNeu-Konstruktionen (durch die unterschiedliche "erinnernde" Lesart)hervor, als auch die Inkonsistenz von Bedeutungszusammenhängen, die Gedächtnisorten immer wieder neu eingeschrieben werden. Die den Gedächtnisorten innewohnende Dynamik,ihre Mehrfachkodierung wird dadurch deutlich sichtbar. Wenn heute,angeregt durch den Performance-Charakter von theatralischenRepräsentationen, das Performativitätsmodell auch auf Kultur übertragenwird, dann sehe ich darin keinen Widerspruch zukulturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die sich der Texttheorieverdanken. Ist doch auch der der Kultur zugrundliegende Begriff vonText flüssig und dynamisch, er reproduziert sich stets aufs neue.

Mein Vorschlag, bei Gedächtnis und Erinnerung auf Differenzen zuachten und die den Gedächtnisorten stets inhärenten Mehrdeutigkeiten zuberücksichtigen führte zu der Überlegung, solche Orte nicht vornehmlichunter dem Aspekt einer ihrer möglichen Aussagen zu rekonstruieren,sondern Gedächtnisorte einem dekonstruktivistischen Verfahren zuunterziehen. Eine solche Vorgangsweise wird nicht nur dadurcheinsichtig, dass man Erinnerung als einen prozesshaften, mehrdeutigenAkt begreift oder dass man Kultur als einen lesbaren dynamischen Textauffasst, der sich in einer kontinuierlichen Performance immer wiederneu konstituiert, dem die Erinnerung (das Lesen) immer neue Facettenabgewinnt; die Mehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung wirdvielmehr auch dann einsichtig, wenn in einer historisch-kulturellenSituation plausibel nachgewiesen werden kann, dass die im Gedächtnis,in Gedächtnisorten inkludierten Elemente prinzipiell von translokaler(transnationaler) kultureller Provenienz und von translokaler(transnationaler) kultureller Relevanz sind, dass also die Elemente,die einen Gedächtnisort konstituieren, nicht nur aufgrundunterschiedlicher Erinnerungs- beziehungsweise Leseweisen, sondern auchinsofern mehrdeutig sind, als sie sich in der Regel komplexenkulturellen Kontexten verdanken und in unterschiedlichen kulturellenKonfigurationen, in sich überlappenden Kommunikationsräumen eingesetztwerden, in welchen solchen Elementen und Codes ein unterschiedlicherVerweischarakter zukommt.

5.3. Die "Mehrsprachigkeit" eines Raumes und die Ambivalenz von Identität

Trotz der Zugehörigkeit zu einem eigenen Kommunikationsraum(Kultur), der sogenannten "Nationalkultur", partizipierte man zumBeispiel in Zentraleuropa an zahlreichen "fremden" kulturellenElementen, was "Mehrsprachigkeit" im wörtlichen und übertragenen Sinnebegünstigte oder Mehrfachidentitäten, eine Multipolarität von individuellen und kollektiven Identitäten, zur Folge hatte. Diese Multipolaritätäußerte sich zum Beispiel in der praktischen Zwei- oderMehrsprachigkeit ihrer Bewohner. Die Zuordnung der Völkerbeziehungsweise Sprachgemeinschaften (Kommunikationsräumen) in derRegion erfolgte keineswegs nur nach dem Territorialitätsprinzip,sondern sie durchdrangen sich, verschränkten sich in den Randzonen, den"cultural encounters" und beeinflussten sich, wie zum Beispiel dieTschechen, die Deutschen und die Juden in Böhmen. Das heißt die sogenannte "Muttersprache" reduzierte sich zuweilen nicht bloß auf eine,von früher Kindheit an von der Mutter erlernten Sprache, sondern konntevon Jugend an die gleichzeitige Kenntnis mehrerer Sprachen umfassen.Bekanntlich führte der Philosoph Fritz Mauthner sein Interesse für diePhilosophie der Sprache gerade auf dieses Phänomen zurück. DiesesUmgehen mit einer mehrfachcodierten Lebenswelt konntekreativitätsfordernd sein, begünstigte aber gleichermaßen Krisen undKonflikte.

"Dieses Interesse war bei mir von frühester Jugend an sehr stark"bemerkte Mauthner in seinen Erinnerungen, "ja, ich verstehe es garnicht, wenn ein Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichsgeboren ist, zur Sprachforschung nicht gedrängt wird [ ... ] Der Jude,der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren war, mußtegewissermaßen zugleich Deutsch, Tschechisch und Hebräisch als dieSprachen seiner 'Vorfahren' verehren. Und die Mischung ganz unähnlicherSprachen [ ... ] mußte schon das Kind auf gewisse Sprachgesetzeaufmerksam machen, auf Entlehnung und Kontamination, die in ihrerganzen Bedeutung von der Sprachwissenschaft noch heute nicht völligbegriffen worden sind." [29]

Der Widerspruch, der sich aus der Forderung eines Idealtyps vonnationaler "Einsprachigkeit" und der tatsächlichen, auch immetaphorischen Sinne vorhandenen "Vielsprachigkeit" herausbildete,konnte daher immer wieder zur Ursache von individuellen und kollektivenIdentitätskrisen und Konflikten werden. Solche Verunsicherungen undIdentitätskrisen lassen sich vielfach nachweisen, sie sind ein Indizfür die in Zentraleuropa typische "Entortung" von Identitäten,die sich nicht aus einer "mémoire culturelle" alleine erklärt. DieseSituation wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem in Lemberg geboreneWiener Schriftsteller Tadeusz Rittner bewusst, der, wie die "Neue FreiePresse" festhielt, "trotz seiner polnischen Abstammung ein so durch unddurch österreichischer Poet" [30] geworden wäre. "Ich stehe zwischenDeutsch und Polnisch" bekannte Rittner fast resignierend. "Das heißt:ich kenne und empfinde beides. Meiner Abstammung, meinen innerstenNeigungen nach bin ich Pole. Und oft fällt es mir leichter, in dieserals in jener Sprache zu denken. Aber zuweilen verhält es sichumgekehrt. Von so manchem, was ich geschrieben habe, sagen dieDeutschen, es sei polnisch, und die Polen, es sei deutsch. Manbehandelt mich vielfach auf beiden Seiten als Gast. Und ich sehe sovieles, hier und dort, mit dem unbefangenen Blick eines Fremden." [31]Paradigmatisch für eine solche Situation ist jene der Juden zur Zeitder Moderne. Sie trifft aber auch auf andere zu. Der SchriftstellerHermann Bahr hatte 1903 in seiner "Abrechnung mit Österreich", einerkritischen Auseinandersetzung mit der nationalen Ideologie seiner Zeit,diese Erfahrung ins Positive zu wenden versucht: "Vielleicht ist es derBeruf der neuen Österreicher, den apolitischen Menschen zu entwickeln,der nicht blos keiner Nation angehört, sondern auch keinemStaatsverband; eine Art neuer Juden". [32]

Die Forderung, Identität auf die Kenntnis nur einer Sprachezu fixieren, war also ein Konstrukt der nationalen Ideologie, das durchdie real vorhandene Poly-glossie, durch Mehrfachidentitäten vielfachwiderlegt wurde. [33] Tatsächlich war vor allem in vielen Städten,deren Bewohner aus der Gesamtregion stammten, die Mehrsprachigkeit eineSelbstverständlichkeit. Der "Brockhaus" aus dem Jahre 1835 bemerkt zumBeispiel zu Laibach (Ljubljana): "Die Volkssprache ist wendisch, einmit vielen deutschen und ital(ienischen) Wörtern vermischterslaw(ischer) Dialekt; doch wird auch viel Deutsch, Italienisch,Französisch und Neugriechisch gesprochen". [34] Das heißt imMikrokosmos der einzelnen Länder und Städte spiegelte sich derMakrokosmos der pluralistischen, heterogenen Region. Vor allem in dengroßen Städten der Region, in Wien, Prag und Budapest, war eine solcheSituation besonders ausgeprägt und beeinflusste die Elemente undZeichen, mittels derer man kommunizierte. Der Symbolhaushalt der"Alltagssprache" war dementsprechend mehrdeutig. Wenn man sichüberlegt, dass das Bewusstsein von Personen und sozialen Gruppen, diesich in einem kulturellen Kontext, in einem Kommunikationsraumvorfinden, keineswegs nur von politischen oder ideologisch motiviertenVorgaben dominiert wird, sondern vor allem von solchen Inhalten undCodes, die im alltäglichen Umgang verwendet werden, kann man ermessen,wie bestimmend diese von flottierenden, mehrdeutigen Elementen undCodes durchsetzte Alltagssprache für das Bewusstsein werden konnte.Diese Elemente und Codes fügen sich zu Bedeutungsmustern, zueinem Zeichensystem, zu einem "lesbaren" Text, zu einer "Sprache"zusammen, mittels derer man sich verständigt, kommuniziert.Essgewohnheiten beziehungsweise die Codes der Küche gehören ebenfallszu einer solchen "Sprache" [35] und verdichten sich zuweilen zu einemimmer wieder erinnerten Bezugspunkt, zu einem Gedächtnisort katexochen.Bestimmte Speisen beziehungsweise Speisenabfolgen sind für die BewohnerWiens von identitätsstiftender Bedeutung, zum Beispiel dieGulaschsuppe, das Wienerschnitzel und "Powidltatschkerln" (eineSüßspeise). Man erinnert sich ihrer, wenn man sich beispielsweise nichtin Wien befindet und freut sich, wenn man "gulasch con patate" aufeiner Speisekarte in Trento entdeckt. Die Elemente der für Wiencharakteristischen Speisenabfolge haben sich zu einemidentitätsstiftenden Gedächtnisort Wiens zusammengefügt. Tatsächlichsind sie anderen kulturellen Kontexten, anderen "Sprachen" entlehnt undhier eigentlich Fremdelemente, denn sie leiten sich aus derungarischen, italienischen und tschechischen (böhmischen) Küche ab, woihnen in einer unterschiedlichen kulturellen Konfiguration eine analogeidentifikatorische Funktion zukommt. Die Elemente, die "Vokabeln", diediese Wiener "Alltagssprache" der Küche aufweist, verdanken sich alsoeiner translokalen, transnationalen Provenienz, sie erweisen sich alsmehrdeutig, da ihnen in unterschiedlichen Kontexten eineunterschiedliche Relevanz zukommt. [36]

Die Elemente, mittels derer Individuen hier kommunizieren, bildeneine "kreolisierende" Sprache. Dies betrifft zum Beispiel die konkreteWiener Umgangssprache, von der festgestellt wurde: "So zahlreichefremdsprachige Einflüsse sind im Dialekt keiner anderen europäischenGroßstadt festzustellen wie hier." [37] Theodor W. Adorno hat daraufhingewiesen, dass sogenannte Fremdelemente bis in die Gegenwart einintegraler Bestandteil der Wiener Sprache geblieben sind, [38] siewurden zu konstitutiven Elementen einer kulturellen Tradition, gegendie freilich immer wieder angekämpft wurde. Adorno leitet selbst das"Raunzen" des Wieners, die Unzufriedenheit mit sich selbst, aus einersolchen Situation ab. Ähnliches gilt, so Adorno, auch für die Wienermusikalische Sprache, für die durchgehend die Verwendung heterogenerpopularer musikalischer Elemente kennzeichnend wäre:

"Wie Beethoven und Brahms hatte Schönberg, obwohl in Wien geboren,etwas vom Zugewanderten, gleich vielen Bewohnern der Metropole derDonaumonarchie. Nicht nur weil sein Vater aus der Slowakei und seineMutter aus Prag stammte. Ihn selber umgab eine Schicht des Fremden,nicht ganz Zugehörigen, nicht ganz in die westliche ZivilisationHineinpassenden. Der Haß, dem er bis heute drinnen und draußenbegegnet, hat damit gewiß etwas zu tun." [39]

Anders ausgedrückt: Es war, wie Zygmunt Bauman meint, dersystematische "Angriff des 'Sesshaften', der ortsgebundenen Lebensweisegegen das Nomadische und die dazu gehörenden Lebensformen [ ... ] diemit den auf Begrenzung und Territorialität fixierten Vorstellungen des[ ... ] Nationalstaats in Konflikt gerieten." [40] Vergleichbar derPop-Musik der Gegenwart, die sich aus heterogenen, weltweiten Elementenzusammensetzt, machte vor allem die Unterhaltungsmusik Wiens Anleihenaus der Gesamtregion und reicherte diese mit "kosmopolitischen",gesamteuropäischen und amerikanischen Elementen an. Das Neujahrskonzertder Wiener Philharmoniker beweist zur Genüge, dass nicht nur derWalzer, sondern ebenso der Csardas, die Mazurka und die Polka Wienrepräsentieren. [41] Vergleichbares ließe sich auch über Architektur,Theater, Museum oder über Verhaltensweisen und Bräuche sagen, die hiermaßgeblichen Anteil an der Bildung kollektiver Identitäten haben. [42]

***

Der Hinweis auf die translokale beziehungsweise transnationaleProvenienz solcher Elemente sollte freilich nicht darüberhinwegtäuschen, dass sie selbstverständlich "national" vereinnahmbarbleiben, das heißt instrumentalisiert werden können und auch wurden.Das historische Interesse an b>Gedächtnisorten sollte daher nichtnur darin bestehen, sie unter dem Gesichtspunkt ihrer nationalenInstrumentalisierung zu rekonstruieren. Viel interessanter scheint mir,Gedächtnisorte in dem bereits angedeuteten Sinne zu dekonstruieren, dasheißt die Mehrdeutigkeit der in ihnen enthaltenen Inhalte zuanalysieren und einzelne ihrer Elemente zu rekontextualisieren. Einbereits in traditionalen Gesellschaften nachweisbares "Flottieren" vonkulturellen Elementen und deren Partizipation an unterschiedlichenGedächtnisorten erfährt insbesondere in der Gegenwart eine akzeleriertequantitative und qualitative Steigerung. Nietzsche nannte bereits dieModerne, die Zeit also, in der er lebte, ein "Zeitalter derVergleichung", in dem der Austausch von kulturellen Meinungen undGütern zu einer neuen Art von Identitätsbildungen führen würde. Diesgilt erst recht für heute.

"Je weniger die Menschen" so Nietzsche, "durch das Herkommengebunden sind, um so grösser wird die innere Bewegung der Motive, um sogrösser wiederum, dem entsprechend, die äussere Unruhe, dasDurcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen. Fürwen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich undseine Nachkommen zu binden? Für wen giebt es überhaupt noch etwasstreng Bindendes? [ ... ] Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutungdadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden können; wasfrüher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nichtmöglich war, entsprechend der Gebundenheit aller künstlerischenStilarten an Ort und Zeit. [ ... ] Es ist das Zeitalter derVergleichung! Das ist sein Stolz, – aber billigerweise auch seinLeiden. Fürchten wir uns vor diesem Leiden nicht!" [43]

Das von mir geforderte dekonstruktivistische Verfahren wird nicht nur dadurch einsichtig, dass man erstens Erinnerung als einen prozesshaften, mehrdeutigen Akt analysiert, oder dass man zweitens Kulturals einen lesbaren dynamischen Text auffasst, der sich in einerkontinuierlichen Performance immer wieder neu konstituiert, dem dieErinnerung (das Lesen) immer neue Facetten abgewinnt; dieMehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung wird vielmehr drittensauch dann einsichtig, wenn in einer historisch-kulturellen Situationplausibel nachgewiesen werden kann, dass die im Gedächtnis, inGedächtnisorten inkludierten Elemente prinzipiell von translokalerkultureller Provenienz und von translokaler kultureller Relevanz sind,wenn also die Elemente nicht nur aufgrund unterschiedlicherErinnerungs- beziehungsweise Leseweisen, sondern auch insofernmehrdeutig sind, als sie sich einem komplexen, hybriden Kontextverdanken, das heißt aus unterschiedlichen kulturellen Konfigurationenstammen und in unterschiedlichen kulturellen Konfigurationen mitunterschiedlichem Verweischarakter eingesetzt werden. Dies trifft ganzbesonders auf eine Situation zu, wie sie sich in Zentraleuropa und auchin anderen Regionen von dichten ethnischen, sprachlichen undkulturellen Überlappungen vorfindet, wie zum Beispiel in der, imwörtlichen und metaphorischen Sinne, "mehrsprachigen" Schweiz. Ichmeine, dass man aus einer solchen Perspektive auch die Frage nach einemgesamteuropäischen Bewusstsein beziehungsweise nach europäischenIdentitäten (im Plural) neu stellen könnte. Der vermehrte Versuchverbindliche, eindeutige europäische Gedächtnisorte als Identifikatorenfür eine europäische Identität (im Singular) vorzugeben folgtMustern, von denen man sich seit dem 19. Jahrhundert bei derKonstruktion von nationalen Identitäten leiten ließ. Dies birgt vorallem die Gefahr in sich, dass dabei die real vorhandenen"Mehrsprachigkeiten", das heißt kulturelle Pluralitäten,Mehrdeutigkeiten, Überlappungen, Widersprüchlichkeiten und flottierende(nomadisierende) kulturelle Elemente ausgeschlossen oderunberücksichtigt bleiben würden, statt der prinzipiell mehrdeutigenLesart von Gedächtnisorten Rechnung zu tragen.

6. Schlussfolgerungen

Wenn zumindest einige der Gesichtspunkte, die ich angedeutet und zubegründen versucht habe, zutreffen sollten, könnte man zusammenfassendfolgendes festhalten:

Erstens: Gedächtnis und Erinnerung sind seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unbestritten zu leitenden Denkfigurengeworden. Die Zivilisationsbrüche, "Abstiegserfahrungen" und radikaleTransformationen der letzten hundert Jahre, die Entgrenzung vonüberschaubaren "Räumen" durch Prozesse der Globalisierung mit der Folgeder Verschränkung von lokalen und globalen Elementen, die sich als"beliebige" Identifikatoren anbieten, bedeuten die Verabschiedung vonherkömmlichen Mustern und damit die Erschütterung von vermeintlich"stabilen" individuellen und kollektiven Identitäten. Gedächtnis alsBezugspunkt für ein reflektiertes, das heißt erinnerndes Bewusstseinist anscheinend nicht nur instabiler, sondern auch beliebiger geworden.

Zweitens: Damit wird einmal mehr deutlich, dass Identitätkein fester Besitz, sondern ein Prozess ist, der sich in Fluss befindetund unabgeschlossen bleibt. In einer solchen Situation wird diere-aktive Ausschau nach vermeintlich stabilen Inhalten, an die man sichhalten, nach "Gedächtnisorten", derer man sich eindeutig zu erinnernvermag, stärker. Auch der Ruf nach Werten, nach einem eindeutigenkulturellen Erbe, nach einem unhinterfragbaren nationalen Gedächtnissind Indizien dafür. Nicht nur die Konjunktur der historischenGedächtnisforschung, die die Rekonstruktion von solchen"Gedächtnisorten" betreibt, die für eine nationale kollektive Identitätausschlaggebend waren beziehungsweise sind, ist ein Beleg für einesolche Stabilitätsstrategie, sondern ebenso aktuelle Versuche,Gedächtnis öffentlichkeitswirksam national, im Sinne des Verständnissesideologischer Vorgaben des 19. Jahrhunderts, zu verorten. Dass einsolches Verfahren weder einer kritischen Analyse standhält noch einerpostulierten gemeinsamen europäischen Identität zuträglich ist, istevident. Eric Hobsbawm hat darauf aufmerksam gemacht, dass dieIdentifizierung des Wilhelminischen Deutschen Reiches mit dem HeiligenRömischen Reich Deutscher Nation eine der gelungensten "inventions oftradition" wären, an die man, zumindest in Deutschland, auch heute nochmehrheitlich glauben würde. Die Intention des WilhelminischenKaiserreiches war, so Hobsbawm, "to establish the continuity betweenthe Second an the First German Empire, or more generally, to establishthe new Empire as the realization of the secular national aspirationsof the German people.”[44] Das noch immer virulente Festhalten amKonzept nationaler Entitäten, die in ihrer Summe die europäischeIdentität ausmachen würden, ruft mir eine Mahnung ins Gedächtnis, dieFriedrich Nietzsche vor mehr als hundert Jahren niedergeschrieben hat:

"Wir 'guten Europäer': auch wir haben Stunden, wo wir uns eineherzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben undEngen gestatten [ ... ], Stunden nationaler Wallungen, patriotischerBeklemmungen und allerhand anderer alterthümlicherGefühls-Überschwemmungen. Schwerfällige Geister, als wir sind, mögenmit dem, was sich bei uns auf Stunden beschränkt und in Stunden zu Endespielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden, in halben Jahren dieEinen, in halben Menscheleben die Anderen, je nach der Schnelligkeitund Kraft, mit der sie verdauen und ihre 'Stoffe wechseln'. Ja, ichkönnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche auch in unsermgeschwinden Europa halbe Jahrhunderte nöthig hätten, um solcheatavistische Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zuüberwinden und wieder zur Vernunft, will sagen zum 'guten Europäertum'zurückzukehren." [45]

Drittens: Angesichts von Erklärungsversuchen(Theoriebildungen) über die Situation unserer eigenen Gegenwart, inwelcher sich Gedächtnis und Erinnerung als mehrdeutig erweisen, ist dieFrage naheliegend und berechtigt: Waren Gedächtnisorte alsIdentifikatoren in der Vergangenheit tatsächlich so stabil, wie mancheKonstrukteure von kollektiver Identität seinerzeit vorgaben? Einekritische Auseinandersetzung mit Gedächtnisorten kommt in der Tat zurSchlussfolgerung, dass die in diesen versammelten Elemente prinzipiell ambivalent (transnational) waren und dass daher auch die Erinnerungen dieser Elemente mehrdeutigsein konnten und auch mehrdeutig waren. Eine solche Bestandsaufnahmewird auch von psychologischen Erkenntnissen über Gedächtnis undErinnerung (Ernst Mach) gestützt und von der Einsicht geleitet, dassKultur als "Text" beziehungsweise Kultur als performativer Vorgang einvieldeutiges, polyphones Gebilde ist, dessen erinnernde Relektürebeziehungsweise Inszenierung auch dessen Inhalte zu verändernbeziehungsweise zu verschieben vermag.

Viertens: Die Erkenntnis über die Mehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung ist zwar ein Hinweis auf die Relativitätihrer jeweiligen funktionalen Inanspruchnahme, es ist aber nicht einRelativismus in dem Sinne, dass Gedächtnisinhalte beliebig verändertwerden könnten. Ein "Ort" des Gedächtnisses, der zum Beispiel auf einEreignis oder ein kollektives Erlebnis in der Vergangenheit verweist,wird dadurch, dass er unterschiedlich erinnert werden kann, nichtaufgehoben. Und auch die Hervorhebung bestimmter Inhalte, die in diesemOrte lagern, durch unterschiedliche Erinnerungsmodi, eliminiert nichtjene anderen Inhalte, die im Augenblick nicht erinnert werden oder alsvergessen erscheinen. "’Nur die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblickshat Realität'". – Soll das heißen" fragt Ludwig Wittgenstein, "dass ichheute früh nicht aufgestanden bin? Oder, dass ein Ereignis, dessen ichmich in diesem Augenblick nicht erinnere, nicht stattgefunden hat?"[46] Was erinnert wird oder wie erinnert werden soll, ist weitgehendsozial konditioniert, es reflektiert zuweilen das, was man daskollektive Bewusstsein einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeitnennen könnte.

Fünftens: In bezug auf Identitäten, bei deren Konstruktionimmer wieder auf Gedächtnis und Erinnerung rekurriert wird, bleibterneut der Hinweis auf die Patchwork-Identity, auf die Multipolaritätvon Identität beziehungsweise auf die Tatsache von Mehrfachidentitäten.Gerade angesichts der Forderung nach einer "europäischen Identität" magdieser Hinweis von Bedeutung sein. Robert Musil hat das Vorhandenseinvon Mehrfachidentitäten treffend am Beispiel von "Kakanien",der utopischen Verfremdung der Habsburgermonarchie (Zentraleuropa), zuverdeutlichen versucht. Man könnte mit diesem Verweis auf "Kakanien",Jean-François Lyotard folgend, [47] die These vertreten, dassZentraleuropa schon um 1900 ein Laboratorium für Prozesse gewesen ist,die heute von globaler Relevanz geworden sind. Es sei immer falsch, soMusil, "die Erscheinungen in einem Land [nämlich Kakanien, d.Vf.]einfach mit dem Charakter seiner Bewohner zu erklären. Denn einLandesbewohner hat mindestens neun Charaktere, einen Berufs-, einenNational-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geographischen, einenGeschlechts-, einen bewußten, einen unbewußten und vielleicht auch nocheinen privaten Charakter; er vereinigt sie in sich, aber sie lösen ihnauf, und er ist eigentlich nichts als eine kleine, von diesen vielenRinnsalen ausgewaschene Mulde, in die sie hineinsickern und aus der sieaustreten, um mit andern Bächlein eine andre Mulde zu füllen. Deshalbhat jeder Erdbewohner auch noch einen zehnten Charakter, und dieser istnichts als die passive Phantasie unausgefüllter Räume [ ... ] Dieser,wie man zugeben muß, schwer zu beschreibende Raum ist in Italien andersgefärbt und geformt als in England, weil das, was sich von ihm abhebt,andre Farbe und Form hat, und ist doch da und dort der gleiche, ebenein leerer, unsichtbarer Raum, in dem die Wirklichkeit darinsteht wieeine von der Phantasie verlassene kleine Steinbaukastenstadt." [48]

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Stand: Juni 2004
Letzte Änderung: 16. Juni 2004
Email-Adresse desAutors: mc13541@onemail.at
Digitales Handbuch zur Geschichte und KulturRusslands und Osteuropas

 
 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

[1]  Vgl. Pierre Nora: Gedächtniskonjunktur, in: Transit 22 (Winter 2001/2002), 18-31.
[2]  Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Maurice Halbwachs (undAby Warburg) sind seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts einegroße Zahl von wesentlichen, weiterführenden theoretischen Überlegungenhervorgegangen, unter denen vor allem das Konzept des kulturellenGedächtnisses (Jan und Aleida Assmann) von weitreichender Bedeutungwurde. Vgl. u.a. Yosef Hayim Yerushalmi, Zachor. Erinnere Dich!Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 1988. Jan Assmann,Tonio Hölscher (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988.Siegfried J. Schmidt (Hg.): Gedächtnis. Probleme und Perspektiven derinterdisziplinären Gedächtnisforschung, Frankfurt a. M. 1991. JanAssmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politischeIdentität in frühen Hochkulturen, München 1992, ²1997. Jacques Le Goff,Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a. M., New York 1992. PaulConnerton: How Societies Remember. Cambridge 1996 (1989). AleidaAssmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellenGedächtnisses. München 1999. Paul Ricœur: La mémoire, l'histoire,l'oubli. Paris 2000. Elena Esposito: Soziales Vergessen. Formen undMedien des Gedächtnisses der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2002.
[3]  Robert Robertson: Glokalisierung: Homogenität undHeterogenität in Raum und Zeit, in: Ulrich Beck (Hg.), Perspektiven derWeltgesellschaft. Frankfurt a. M. 1998, 192-220.
[4]  Arjun Appadurai: Globale ethnische Räume, in: ebd., 11-44.
[5]  Vgl. dazu die Untersuchung über den Rechtsextremismus in derSchweiz von Urs Altermatt, Hanspeter Kriesi (Hg.): Rechtsextremismus inder Schweiz. Zürich 1995.
[6]  Vgl. Reinhard Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantikgeschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M. 1979, v. a. 130 ff., 260 ff.
[7]  Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der KommunistischenPartei, in: Karl Marx, Friedrich Engels Werke Bd. 4. Berlin: DietzVerlag 1990, 466.
[8]  Stefan Zweig: Tagebuchblatt vom 27. September 1935 (Reise vonParis nach London), in: Ders., Tagebücher. München 1984, 383.
[9]  Jan Nederveen Pieterse: Der Melange-Effekt. Globalisierung imPlural, in: Ulrich Beck (Hg.), Perspektiven der Weltgesellschaft.Frankfurt a. M. 1998, 99. Vgl. auch: Das Ende der Toleranz? Identitätund Pluralismus in der modernen Gesellschaft, hg. von der AlfredHerrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog. München 2002.[10]  Vgl. Daniel Levy, Natan Sznaider: Erinnerung im globalenZeitalter: Der Holocaust. Frankfurt a. M. 2001.
[11]  Vgl. u.a. Christoph Reinprecht: Nostalgie und Amnesie.Bewertungen von Vergangenheit in der Tschechischen Republik und inUngarn. Wien 1996.
[12]  Eric Hobsbawm, Terence Ranger (eds.): The Invention ofTradition. Cambridge 1994 [1983]. Eric Hobsbawm: Die Erfindung vonTradition, in: Christoph Conrad ,Martina Kessel (Hg.): Kultur &Geschichte. Neue Einblicke in alte Beziehungen. Stuttgart 1998, 97-118.Vgl. dazu auch: Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. Eineuropäisches Panorama. Eine Ausstellung des Deutschen HistorischenMuseums unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl.Berlin 1998.
[13]  "Jede der großen europäischen Nationen hat eine Blüteimperialer Machtentfaltung erlebt und, was in unserem Kontext wichtigerist, die Erfahrung des Verlusts eines Imperiums verarbeiten müssen.Diese Abstiegserfahrung verbindet sich in vielen Fällen mit dem Verlustvon Kolonialreichen. Mit dem wachsenden Abstand von imperialerHerrschaft und Kolonialgeschichte haben die europäischen Mächte auchdie Chance erhalten, eine reflexive Distanz zu sich einzunehmen. Sokonnten sie lernen, aus der Perspektive der Besiegten sich selbst inder zweifelhaften Rolle von Siegern wahrzunehmen, die für die Gewalteiner oktroyierten und entwurzelten Modernisierung zur Rechenschaftgezogen werden. Das könnte die Abkehr vom Eurozentrismus befördert unddie kantische Hoffnung auf eine Weltinnenpolitik beflügelt haben". In:Jacques Derrida, Jürgen Habermas: Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg:Die Wiedergeburt Europas, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 31. Mai2003, Nr. 125, 33-34, Zit. 34.
[14]  Vgl. u.a. Christoph Reinprecht: Nostalgie und Amnesie.Bewertungen von Vergangenheit in der Tschechischen Republik und inUngarn. Wien 1996.
[15]  Italo Svevo: Zeno Cosini. Hamburg 1959, 467.
[16]  Elena Esposito: Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2002, 7.
[17]  Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachtheil der Historiefür das Leben, in: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. KritischeStudienausgabe Bd. 1, hg. von Giorgio Colli/Mazzino Montanari. München,Berlin, New York 1980, 271.
[18]  Vgl. Moritz Csáky: Gedächtnis, Erinnerung und dieKonstruktion von Identität. Das Beispiel Zentraleuropas, in: CatherineBosshart-Pfluger, Joseph Jung, Franziska Metzger (Hg.): Nation undNationalismus in Europa. Kulturelle Konstruktion von Identitäten.Festschrift für Urs Altermatt. Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2002, 25-49.Ders.: Geschichte und Gedächtnis. Erinnerung und Erinnerungsstrategienim narrativen historischen Verfahren. Das Beispiel Zentraleuropas, in:Alojz Ivanišević, Andreas Kappeler, Walter Lukan, Arnold Suppan (Hg.):Klio ohne Fesseln? Historiographie im östlichen Europa nach demZusammenbruch des Kommunismus = Österreichische Osthefte 44/2002,Wien/Frankfurt a. M. 2002 (= 2003), 61-80.
[19]  Vgl. u. a. Jacques Le Goff: Geschichte und Gedächtnis,Frankfurt a. M., New York 1992. Pierre Nora (éd.): Les Lieux demémoire, 3 Bde., Paris ²1997 (als 1. Auflage: 7 Bände, Paris 1984 ff.).Ole Feldbaek (ed.): Dansk identitetshistorie, 4 Bde., København1991-92. Raphael Samuel (ed.): Patriotism. The Making and Unmaking ofBritish National Identity, 3 Bde., London 1989. Mario Isnenghi (ed.): Iluoghi della memoria, 3 Bde., Bari, Roma 1996-1997. Tamás Hofer:Displaying Hungary's Lieux de Mémoire, in: Budapest Review of Books 4(1994/Winter), 158-162. Pim de Boer, Willem Frijhoff (eds.): Lieux demémoire et identités nationales. Amsterdam 1993. Thomas H. B. Symons(ed.): Les Lieux de la mémoire. La commémoration du passé au Canada,Ottawa 1997. Moritz Csáky, Peter Stachel (Hg.): Speicher desGedächtnisses. Bibliotheken, Museen, Archive, Teil 1: Absage an undWiederherstellung von Vergangenheit. Kompensation vonGeschichtsverlust. Teil 2: Die Erfindung des Ursprungs. DieSystematisierung der Zeit. Wien 2000-2001. Moritz Csáky, Peter Stachel(Hg.): Die Verortung von Gedächtnis. Wien 2001. Moritz Csáky, PeterStachel (Hg.): Mehrdeutigkeit. Die Ambivalenz von Gedächtnis undErinnerung. Wien 2003. Jacques Le Rider, Moritz Csáky, Monika Sommer(Hg.): Transnationale Gedächtnisorte in Zentraleuropa. Innsbruck, Wien,München, Bozen 2002. Moritz Csáky, Klaus Zeyringer (Hg.): Ambivalenzdes kulturellen Erbes. Vielfachcodierung des historischenGedächtnisses. Paradigma: Österreich (= Paradigma Zentraleuropa 1).Innsbruck, Wien, München 2000. Etienne François, Hagen Schulze (Hg.):Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001. Hannes Stekl (Hg.):Gedächtnis, Erinnerung, Identitäten = Österreichische Zeitschrift fürGeschichtswissenschaften 13/1 (2002). Aleida Assmann, Heidrun Friese(Hg.): Identitäten = Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurta. M. 1998. Lutz Niethammer: Die postmoderne Herausforderung.Geschichte als Gedächtnis im Zeitalter der Wissenschaft, in: WolfgangKüttler, Jörn Rüsen, Ernst Schulin (Hg.): Grundlagen und Methoden derHistoriographiegeschichte = Geschichtsdiskurs Bd. 1, Frankfurt a. M.1993, 31-49.
[20]  Etienne François, Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte Bd. 1. München 2001, 24.
[21]  Vgl. vor allem Pierre Nora: Comment écrire l'histoire deFrance? In: Pierre Nora (éd.): Les Lieux de mémoire Bd. 2, Paris(Quatro Gallimard) 1997, 2219-2236, Zit. 2229.[22]  Ebd. 2229 f.
[23]  Ernst Mach: Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologieder Forschung. Darmstadt 1980 (Leipzig 51926), 31 (Kapitel: Gedächtnis.Reproduktion und Association).
[24]  Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und diepoststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek b. Hamburg 1999[1988], 39.
[25]  Vgl. u.a. Victor W. Turner: Vom Ritual zum Theater. DerErnst des menschlichen Spiels. Frankfurt a. M., New York 1989. ErikaFischer-Lichte, Gertrud Lehnert: Einleitung, in: Theorien desPerformativen = Paragrana. Internationale Zeitschrift für HistorischeAnthropologie Bd. 10, Heft 1. Berlin 2001, 9-17. Erika Fischer-Lichte:Performativität und Ereignis, in: Erika Fischer-Lichte, Christian Horn,Sandra Umathum, Matthias Warstat, Performativität und Ereignis =Theatralität Bd. 4. Tübingen, Basel 2003, 11-37.
[26]  Vgl. u.a. Doris Bachmann-Medick (Hg.): Kultur als Text. DieAnthropologische Wende in der Literaturwissenschaft. Frankfurt a. M.1998. Moritz Csáky, Richard Reichensperger (Hg.): Literatur als Textder Kultur. Wien 1999. Gerhard Neumann, Sigrid Weigl (Hg.): Lesbarkeitder Kultur. Literaturwissenschaften zwischen Kulturtechnik undEthnographie. München 2000.<BRP>
[27]  Roland Barthes: Elemente der Semiologie. Frankfurt a. M. 1983, 41.
[28]  Vgl. Jürgen Link, Wulf Wülfling (Hg.): Nationale Mythen undSymbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen undFunktionen von Konzepten nationaler Identität. Stuttgart 1991.
[29]  Fritz Mauthner: Erinnerungen. München 1918, 32-33.
[30]  Neue Freie Presse, 29. VI. 1921.
[31]  Das Literarische Echo 1916/17, 400 f. Die Informationen überRittner verdanke ich einem ungedruckten Manuskript von Anna Milanowski(Wien): Der Zeitzeuge Tadeusz Rittner und seine polnischen Feuilletons.
[32]  Hermann Bahr: Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Bd. 3:1901 bis 1903, hg. von Moritz Csáky, bearb. von Helene Zand und LukasMayerhofer. Wien, Köln, Weimar 1997, 411 (Eintragung vom 28. November1903)
[33] Fernand Braudel machte wohl als erster darauf aufmerksam,dass man auch in Frankreich von einer Vielfalt von Identitäten ausgehenmüsste. Vor allem der Unterschied zwischen der "France d'oc" und der"France d'oïl" wären identitätsprägend. Vgl. Fernand Braudel,L'identité de la France t. 1: Espace et histoire. Paris 1990, 80ff.
[34] Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände Bd. 6. Leipzig (Brockhaus) 1835, 449.
[35] Vgl. Essen und Trinken I und II = Kunstforum international Bd. 159, April/Mai 2002 und Bd. 160, Juni/Juli 2002.
[36] Rolf Schwendter: Arme essen, Reiche speisen. Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie. Wien 1995.
[37]Maria Hornung: Sprache, in: Othmar Pickl (Hg.), ÖsterreichischesStädtebuch Bd. 7: Peter Csendes, Ferdinand Opll, Friederike Goldmann(Hg.): Die Stadt Wien. Wien 1999, 85.
[38] "Zu diesemSachverhalt stimmt es, daß in kulturell geschlossenen Bereichen derdeutschen Sprache, wie dem Wienerischen, wo vorbürgerlich-höfische,elitäre Züge durch Kirche und Aufklärung mit der Volkssprachevermittelt sind, die Fremdwörter, von denen dieser Dialekt wimmelt,jenes exterritorialen und aggressiven Wesens entragten, das ihnen sonstim Deutschen eignet. Man braucht nur einmal von einem Portier etwas voneinem rekommendierten Brief gehört haben, um des Unterschiedsinnezuwerden, einer sprachlichen Atmosphäre, in der das Fremde fremdist und zugleich vertraut, so wie im Gespräch jener beiden Grafen überHofmannsthals Schwierigen, in dem der eine beanstandet, 'er läßt unsdoch gar zu viele Worte auf –ieren sagen, worauf der andere antwortet:'Ja, da hätt' er sich schon ein bisserl menagieren können'". Theodor W.Adorno, Wörter aus der Fremde, in: Theodor W. Adorno, GesammelteSchriften, hg. von Rolf Tiedemann, Bd. 11: Notizen zur Literatur.Darmstadt 1998, 216-232, Zit. 220.
[39] Theodor W. Adorno: Wien,in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann,Bd. 16: Musikalische Schriften I-III. Darmstadt 1998, 431-453, Zit.439. Über die Verwendung popularer Elemente vgl. u.a. ebd. 442: "Alsechter Wiener hat Schönberg an einem Medium teil, mit dem man ihn kaumzusammen denkt und das ihm selbst sicherlich nicht gegenwärtig war. Esist das der österreichischen Volksmusik und derjenigen Komponisten, dievon ihr unreflektiert gespeist waren. Nichts widerlegt das in jedemBetracht törichte Cliché vom intellektuellen Schönberg gründlicher, alswas alles er jenem Medium verdankt, wie viele der konstitutivenBestimmungen der neuen Musik dorther stammen."
[40]  Zygmunt Bauman: Flüchtige Moderne. Frankfurt a. M. 2003,20.
[41]  Dazu: Moritz Csáky: Ideologie der Operette und WienerModerne. Ein kulturhistorischer Essay. Wien, Köln, Weimar²1998.
[42]  Vgl. zu Architektur/Theaterbau und Identität:Heidemarie Uhl: Kulturelle Strategien nationaler Identitätspolitik inGraz um 1900, in: Johannes Feichtinger, Peter Stachel (Hg.): Das Gewebeder Kultur. Kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte undIdentität Österreichs in der Moderne. Innsbruck, Wien, München 2001,83-104. Zu Museum: Monika Sommer: Das steiermärkische LandesmuseumJoanneum als Speicher des Gedächtnisses, in: Moritz Csáky, PeterStachel (Hg.), Speicher des Gedächtnisses Teil 1: Absage an undWiederherstellung von Vergangenheit. Kompensation vonGeschichtsverlust. Wien 2000, 129-147. Dies., Zwischen flüssig undfest. Metamorphosen eines steirischen Gedächtnisortes, in: JohannesFeichtinger, Peter Stachel (Hg.): Das Gewebe a.a.O. 105-126. ZuTheater: Elisabeth Großegger: "Das Burgtheater hat überhaupt nichts zutun als an seinen Traditionen festzuhalten ..." Burgtheater undTradition aus kulturwissenschaftlicher Sicht, in: Johannes Feichtinger,Peter Stachel (Hg.), Das Gewebe a.a.O. 189-208.
[43]  FriedrichNietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I (Nr. 23), in: FriedrichNietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. 2, hg. vonGiorgio Colli/Mazzino Montanari. München, Berlin, New York 1980,44.
[44]  Vgl. Eric Hobsbawm, Mass-Producing Traditions: Europe,1870-1914, in: Eric Hobsbawm, Terence Ranger (eds.): The Invention ofTradition. Cambridge 1994 (1983), 263-307, v. a. 274 ff.
[45] Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, in: FriedrichNietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. von GiorgioColli, Mazzino Montinari, Bd. 5. München, Berlin, New York 1980,180-181.
[46]  Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe Bd. 11: The BigTypescript, hg. von Michael Nedo. Wien, New York 2000, 333.
[47] Nach Lyotard ist Delegitimierung nicht erst ein Phänomen desausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern wäre bereits im Wien derJahrzehnte um 1900 nachweisbar. Freilich sei man damals mit dieserSituation noch nicht zurecht gekommen, was jenem Pessimismus und jenerTrauerarbeit ("travail de deuil") Vorschub geleistet hätte "der dieGeneration der Jahrhundertwende in Wien genährt hat: die KünstlerMusil, Kraus, Hofmannsthal, Loos, Schönberg, Broch, aber auch diePhilosophen Mach und Wittgenstein. Sie haben ohne Zweifel dasBewusstsein wie die theoretische und künstlerische Verantwortung derDelegitimierung so weit wie möglich ausgedehnt". Wittgenstein hättedann "in seiner Untersuchung der Sprachspiele die Perspektive eineranderen Art von Legitimierung als die der Performativität" entworfen:"Mit ihr hat die postmoderne Welt zu tun". Jean-François Lyotard: Daspostmoderne Wissen. Wien 1986, 121-122.
[48]  Robert Musil: DerMann ohne Eigenschaften, hg. von Adolf Frisé. Reinbek b. Hamburg 1983,34 (Kap. 8).

 

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Inhalt:

1. Sozial-kulturelle Folgen der Globalisierung
2. Der Holocaust
3. Die Transformationen von 1989/90
4. Ground Zero
5. Historische Rekonstruktionen von Gedächtnisorten
5.1. Rekonstruktion, Konstruktion oder Dekonstruktion von Gedächtnisorten?
5.2. Textualität und Performanz
5.3. Die "Mehrsprachigkeit" eines Raumes und die Ambivalenz von Identität
6. Schlussfolgerungen
7. Bibliographie

 

 

 

   

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