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Osteuropa im Blick der Migrationsforschung

Barbara Dietz, München

Im letzen Jahrzehnt nahm das wissenschaftliche Interesse an den Ursachen und Folgen von internationalen Migrationen deutlich zu. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens das Land verlassen, in dem sie geboren wurden. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass etwa 175 Millionen Menschen, das sind ca. 3 Prozent der Weltbevölkerung, nicht in ihrem Herkunftsland leben. Wird nach den Gründen internationaler Wanderungen gefragt, dann sind zunächst ökonomische Motive bedeutend, wozu häufig familiäre Anlässe treten. Hervorzuheben ist, dass auch (Bürger)kriege, politische und ethnische Repressionen, religiöse Verfolgung und ökologische Katastrophen zu internationalen Migrationen beitragen. Obschon grenzüberschreitende Wanderungen kein neues Phänomen sind, zeichnen sich seit einigen Jahren deutliche Veränderungen im internationalen Migrrationsgeschehen ab. Viele Länder, die vormals nur Sendeländer waren, nehmen mittlerweile auch Immigranten auf. Dazu kommt, dass Transitmigrationen generell an Bedeutung gewonnen haben, ebenso wie kurzfristige oder zirkuläre Wanderungen, bei denen Migranten zwischen Heimat- und Aufnahmeland hin- und herpendeln.

Ein Blick in die osteuropäische Geschichte zeigt, dass interne und internationale Migrationsbewegungen die Bevölkerungsentwicklung, die Politik und die Gesellschaften der Region auf vielfältige Weise prägten. In der komplexen osteuropäischen Migrationsgeschichte spiegeln sich nicht nur die ökonomischen Probleme der Region und die mit der Herausbildung von Nationalstaaten verbundenen Konflikte, sondern auch die Geschichte von (Bürger)kriegen, ethnischen Spannungen und internationalen Auseinandersetzungen (Bade 2000). Schließlich entwickelte sich Osteuropa seit der politischen Transformation am Ende der achtziger Jahre zu einem neuen Migrationsraum, dessen Brisanz im Zusammenhang mit der Osterweiterung der Europäischen Union nochmals deutlich wurde.

Wie hat sich die Migrationsforschung mit den Wanderungsbewegungen in Osteuropa und mit den Migrationen über die Grenzen der Region hinweg auseinandergesetzt, welche Fragen wurden gestellt und welche Erkenntnisse liegen vor? Bei der Beantwortung dieser Fragen ist zunächst darauf zu verweisen, dass es eine, sich im traditionellen Sinne auf einheitliche Fragestellungen, theoretische Grundannahmen und methodische Vorgehen berufende Migrationsforschung nicht gibt. Hier muss auf die Herangehensweise verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen Bezug genommen werden, die sich jedoch in jüngster Zeit verstärkt um einen fruchtbaren interdisziplinären Austausch bemühen.

1. Migrationsforschung: ein interdisziplinärer Ansatz

Typischerweise wird unter Migration ein mehr oder weniger permanenter Wechsel von Personen aus einer soziokulturellen Umgebung in eine andere verstanden, wobei dieser Umzug sowohl innerhalb eines Landes (interne Migration) stattfinden kann als auch über dessen Grenzen hinaus (internationale Migration). Daran anknüpfend beschäftigt sich die Migrationsforschung mit den Fragen, warum Personen ihre Herkunftsgebiete verlassen und wie ihre Wanderungsentscheidungen die wirtschaftliche und soziale Situation in den Herkunfts- und Aufnahmeregionen verändern.

Um die Bestimmungsgründe von Wanderungen auf der deskriptiven Ebene zu untersuchen, nutzen traditionelle Ansätze der Migrationsforschung häufig Modelle, die internationale Migrationen im Rahmen von sogenannten Push- und Pull-Faktoren erklären. Damit ist gemeint, dass es vom Aufnahmeland (Pull-Faktoren) oder vom Sendeland (Push-Faktoren) ausgehende Kräfte gibt, die Migrationen bestimmen. Unter Push-Fatoren werden beispielsweise politische Krisen, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit oder ökologische Katastrophen im Herkunftsland verstanden, während sich Pull-Faktoren auf wanderungsrelevante Aspekte im Aufnahmeland beziehen, die eine Verbesserung der Lebenssituation erwarten lassen. Es wird jedoch in der jüngsten Zeit zunehmend darauf hingewiesen, dass Push-Pull Modelle keine theoretischen Erklärungen formulieren, sondern dass sie in erster Linie ein Mittel zur Klassifizierung von Migrationen sowie deren Bestimmungsfaktoren sind (Massey et al. 1998: 12).

Allerdings werden die Ursachen und Konsequenzen internationaler Wanderungen bereits seit längerem von verschiedenen wissenschaftliche Disziplinen – so der Wirtschafts-, Politik- und Geschichtswissenschaft sowie der Soziologie – im Rahmen theoretischer Überlegungen analysiert. Nach wie vor aber formuliert jede Forschungsdisziplin ihre bevorzugten Fragestellungen, Hypothesen, theoretischen Konzepte und Methoden, obschon der Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen zunimmt (Brettell, Hollifield 2000).

1.1. Disziplinen und Forschungsfragen

In den meisten Fällen werden Migrationstheorien unabhängig von besonderen politischen und geographischen Zusammenhängen entwickelt, während die Untersuchung spezifischer Wanderungsbewegungen eine empirische Frage ist. Demzufolge greifen auch die Untersuchungen zu Migrationsbewegungen in Osteuropa auf die vorherrschenden Theoriemodelle der verschiedenen Forschungsdisziplinen zurück, die dann für eine Analyse der spezifischen Wanderungsbewegungen genutzt werden.

Eine herausragende Bedeutung bei der Untersuchung internationaler Migrationsbewegungen nimmt die Wirtschaftswissenschaft ein, die sich vordringlich mit den Bestimmungsgründen von Migrationsentscheidungen beschäftigt und die weitergehend prüft, wie internationale Wanderungen die ökonomische Situation der Migranten, aber auch die der Sende- und Aufnahmeländer beeinflussen. Eine der einflussreichsten ökonomischen Theorien in diesem Zusammenhang, die neoklassische Theorie der Arbeitskräftewanderung, geht davon aus, dass Lohndifferenzen zwischen verschiedenen Ländern (Regionen) zu Migrationen führen, die nicht selten durch Arbeitslosigkeit im Herkunftsland verstärkt werden (Bauer, Zimmermann 1998, Borjas 1999). Während die Vertreter der neoklassischen Theorie somit die Seite des Arbeitsangebots im Migrationsprozess betonen, wird von konkurrierenden Ansätzen die Nachfrage nach Arbeitskräften als der eigentliche Auslöser von Wanderungen angesehen (Piore 1979). Es wird argumentiert, dass die Struktur der Arbeitsmärkte in den entwickelten Industrieländern den Anstoß für Arbeitskräftewanderungen geben. Der letztgenannte Punkt hebt darauf ab, dass in zahlreichen hochindustrialisierten Ländern segmentierte Arbeitsmärkte bestehen, zwischen denen sich kein Arbeitsmarktgleichgewicht herstellt. Eine Nachfrageerhöhung nach Arbeitskräften auf dem sekundären Arbeitsmarkt führt unter diesen Bedingungen zu einer vermehrten (kurzfristigen) Anstellung von Arbeitsmigranten, nicht aber zu Lohnerhöhungen. Knappheit an niedrigqualifizierten Arbeitskräften im industriellen Sektor ist im Rahmen dieser Argumentation der wesentliche Faktor für die Rekrutierung ausländischer Arbeiter.

Es ist bemerkenswert, dass die aktuellen Migrationen in Osteuropa und im Ost-West Kontext häufig einen ökonomischen Hintergrund haben. Die großen Einkommensunterschiede innerhalb osteuropäischer Staaten, besonders aber zwischen Ost- und Westeuropa stellen einen großen Migrationsanreiz dar. Dies wird offensichtlich, wenn das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in osteuropäischen Staaten betrachtet wird, das in Rumänien etwa bei 24% des EU-15 Durchschnitts im Jahre 2001 lag, und in Polen bei ca. 42%. Dazu kommt, dass die Arbeitslosigkeit in osteuropäischen Ländern während der letzten Jahre deutlich zugenommen hat: im Jahre 2003 hatte Polen beispielsweise eine Arbeitslosenquote von 19,2% zu verzeichnen. Weiterhin gibt es in einigen ost- und westeuropäischen Staaten eine hohe Nachfrage nach günstigen, niedrigqualifizierten, häufig saisonalen Arbeitskräften, die – entsprechend der Theorie der segmentierten Arbeitsmärkte – Arbeitsmigranten aus ärmeren Nachbarstaaten anziehen. Diese Ausgangsbedingungen machen deutlich, dass ökonomisch motivierte Ost-West-Wanderungen bei Freizügigkeit einen hohen Stellenwert haben werden.

Anders als bei ökonomischen Analysen, die Arbeitsmarktfaktoren in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, wird von der Politikwissenschaft die Rolle des Staates bei internationalen Migrationen betont (Hollifield 2000). In diesem Zusammenhang wird beispielsweise untersucht, wie staatliche Organe die Ein- und Auswanderung sowie die nationalen Grenzen kontrollieren (Joppke 1998). Zudem analysiert die Politikwissenschaft die Beziehung zwischen Bevölkerungsbewegungen und der Sicherheits- sowie der Außenpolitik. Gefragt wird weiterhin, welche Auswirkungen die verschiedenen Politikinstrumente in Sende- und Aufnahmeländern haben und welche Migrantengruppen – Arbeitsmigranten, Familienangehörige, Asylbewerber und Flüchtlinge – an internationalen Wanderungen beteiligt sind. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Analyse staatlicher Regelmechanismen gelegt, die Immigrations- und Emigrationsbewegungen kontrollieren.

Zweifellos haben staatliche Regulierungen stets eine dominante Rolle in der Migrationsgeschichte Osteuropas gespielt. Dies wird am Migrationsgeschehen seit dem Ende der achtziger Jahre nochmals besonders deutlich, als die Aufhebung von Ausreisebarrieren die Vorbedingung für die zunehmenden internen, vor allem aber für die Ost-West Migrationsbewegungen war. Zeitgleich ist festzustellen, dass die westeuropäischen Aufnahmeländer einer verstärkten Immigration aus Osteuropa ablehnend gegenüberstanden und daher die bestehenden Einreisebeschränkungen keineswegs zurücknahmen, sondern eher verschärften.

Für Soziologen ist es wiederum von zentralem Interesse, den Wanderungsprozess im Zusammenhang sozialer und institutioneller Beziehungen zu verstehen. Untersuchungen darüber, wie Institutionen und soziale Beziehungen die Migrationsentscheidungen und die Migrationsbewegungen beeinflussen, dominieren ihre theoretischen Überlegungen (Faist 2000). Als Folge davon spielen Konzepte des sozialen Kapitals und der sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle bei der Erklärung der Migrationsdynamik (Portes 1997). Zudem analysieren Soziologen die Entwicklung von Migrationssystemen, das heißt die institutionellen Verknüpfungen von Sende- und Aufnahmeländern, und sie fragen danach, wie diese internationale Wanderungen beeinflussen.

Ein Blick auf die osteuropäischen Staaten zeigt, dass einige unter ihnen durch langfristige Wanderungsbeziehungen verbunden sind, während andere nur eine vergleichsweise marginale Migrationstradition aufzuweisen haben. Das gleiche gilt auch im Ost-West Zusammenhang, wo einige osteuropäische Staaten vielfältige Migrationsbeziehungen zu westeuropäischen Ländern entwickelten. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Länder mit bereits existierenden Wanderungsbeziehungen eine stärkere Migrationsdynamik entfalten als solche, die keine Wanderungstraditionen haben. Beispielsweise bestehen zwischen Deutschland und Polen sowie zwischen Polen und der Ukraine vergleichsweise enge Migrationsbeziehungen und -netzwerke, was erwarten lässt, dass das Potential für künftige Wanderungen hier relativ groß ist.

In der Tradition ihrer Disziplin beschäftigen sich Historiker in erster Linie mit Migrationsbewegungen ausgewählter Epochen und Regionen, wobei ihre Fragestellungen denen anderer wissenschaftlicher Disziplinen ähnlich sind. Im Kern wird untersucht, warum Menschen ihre Heimat verlassen und welche Folgen dies für Individuen und Gesellschaften hat (Bade 1992, 2000). In den meisten Fällen sind historische Migrationsstudien deskriptiv, wobei sie die Dokumentation individueller oder gesellschaftlicher Wanderungsbewegungen in den Mittelpunkt der Analyse stellen. Es ist allerdings eine Stärke von historischen Migrationsstudien, dass sie ein detailliertes Bild von Wanderungsbewegungen in verschiedenen Epochen und geographischen Regionen präsentieren und auf diese Weise einen Vergleich im historischen und räumlichen Kontext ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist eine Fülle von Studien zu nennen, die bestimmte Wanderungsbewegungen, z.B. solche zwischen Deutschland und Polen in ausgewählten Epochen untersuchten (Kleßmann 1978, Pallaske 2002).

1.2 Typologien, Ebenen der Analyse und Daten

Unabhängig von der Forschungsdisziplin wird bei der Analyse von Wanderungsbewegungen häufig zwischen freiwilligen und erzwungenen Migrationen unterschieden. Im Allgemeinen wird diese Unterscheidung vor dem Hintergrund der Wanderungsmotivation getroffen. Während freiwillige Migrationen zumeist einen ökonomischen oder familiären Hintergrund haben, werden erzwungene Wanderungen durch (Bürger)kriege, ethnische, politische und religiöse Verfolgungen oder durch Naturkatastrophen hervorgerufen.

In vergleichbarer Weise differenzieren manchen Studien zwischen Arbeitsmigranten, Asylsuchenden und Flüchtlingen, wofür die Aufnahmebestimmungen des Zuwanderungslandes die Unterscheidungskriterien sind. Allerdings ist weder die Differenzierung zwischen freiwilligen und erzwungenen Wanderungen, noch diejenige zwischen Arbeitsmigranten und Asylsuchenden eindeutig. Es gibt Fälle, in denen Zuwanderer das Asylverfahren wählen, obschon sie in erster Linie aufgrund von ökonomischen Gründen ihre Heimat verlassen. Dies geschah beispielsweise zu Beginn der 1980er Jahre, als Osteuropäer in Deutschland eine Beschäftigung suchten und aufgrund des Einreisestopps für Arbeitsmigranten das damals noch vergleichsweise offene Asylverfahren wählten. In anderen Fällen kommt es vor, dass politisch oder ethnisch Verfolgte ihre Herkunftsstaaten nach Möglichkeit als Arbeitsmigranten verlassen, da sie nicht darauf zählen können, im Aufnahmeland als Asylbewerber anerkannt zu werden. Es ist allerdings auch möglich, dass sich Arbeitsmigrationen im Laufe der Zeit in Flucht- bzw. Asylbewegungen wandeln und vice versa. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Arbeitsmigranten aufgrund von gravierenden politischen Veränderungen nicht in ihr Heimatland zurückkehren können oder wenn Asylbewerber eine Beschäftigung im Aufnahmeland annehmen und damit den Status eines Arbeitsmigranten erwerben. Obschon also Arbeitsmigranten, Flüchtlinge und Asylsuchende analytisch nicht vollständig zu trennen sind, ist es dennoch für die Untersuchung von Wanderungsbewegung sinnvoll, Unterschiede der Wanderungsmotivation und der Aufnahmebestimmungen zu berücksichtigen.

Eine weitere Möglichkeit zur Formulierung von Migrationstypologien besteht darin, zwischen lang- und kurzfristigen Wanderungen zu unterscheiden. Vor diesem Hintergrund werden Wanderungen entweder als langfristige, oft permanente Umsiedlungen in das Zuwanderungsland angesehen, oder aber als kurzfristige Migrationen mit häufig zirkulärem Charakter klassifiziert. Mittlerweile ist weltweit ein Anwachsen von kurzfristigen, wiederholten Wanderungen zu beobachten, die auf die längere Sicht zur Herausbildung von zwei oder mehr Gesellschaften umspannenden transnationalen Netzwerken führen.

Seit einigen Jahren hat zudem die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Wanderungen an Bedeutung gewonnen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der ansteigenden illegalen Grenzübertritte und der starken Zunahme von Menschenschmuggel und -handel zu verstehen, die mittlerweile zu den einträglichsten Zweigen der internationalen organisierten Kriminalität zählen. Viele Staaten in West- und Osteuropa sind nachhaltig damit beschäftigt, illegale Grenzübertritte und illegale Aufenthalte zu verhindern und Menschenhandel zu bekämpfen. Vor diesem Hindergrund ist es ein besonders wichtiges Anliegen für Politiker, Regierungen und NGO’s die Hintergründe und Trends illegaler Migrationen zu analysieren.

Um internationale Wanderungen zu erklären, konzentrieren sich die meisten der bislang vorliegenden Studien entweder auf die Mikro- oder auf die Makro-Ebene. Während Studien auf der Makro-Ebene sich insbesondere auf die Rolle von Organisationen, Gruppen und Staaten im Migrationsprozess beziehen, betrachten Mikro-Studien in erster Linie die individuelle Migrationsentscheidung. Daher untersuchen Makro-Analysen vornehmlich rechtliche Bestimmungen, internationale Beziehungen und hoch aggregierte ökonomische und gesellschaftliche Variablen, während sich Mikro-Untersuchungen auf individuelle Erwartungen, Charakteristika und Präferenzen stützen. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Forschungsdisziplinen gibt es keine klaren Trennungen in Mikro- oder Makro-Forschungsrichtungen. Während Ökonomen Mikro- und Makro-Analysen gleichermaßen nutzen, ziehen Politikwissenschaftler die Makro-Ebene vor, da sie ihr Augenmerk in erster Linie auf Nationalstaaten und internationale Regimes richten. Traditionelle Soziologen stützen sich überwiegend auf Makro-Analysen, indessen die meisten Historiker eine Präferenz für Mikro-Analysen haben. In der jüngsten Zeit führten soziologische Studien die zwischen Mikro- und Makro-Analyse angesiedelte Meso-Analyse ein, um der Bedeutung von sozialen Beziehungen und von sozialem Kapital im Migrationsprozess Rechnung zu tragen (Faist 2000).

Welche Daten und Quellen nutzen die verschiedenen Forschungsdisziplinen für die Untersuchung von internationalen Wanderungen? Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen, die Makro-Analysen durchführen, beziehen sich häufig auf dieselben Quellen, zum Beispiel auf Volkszählungsdaten und auf aggregierte Statistiken. Zudem werden von politischen und Rechtswissenschaftlern Gesetzestexte, internationale Verträge und Daten zu legalen sowie illegalen Grenzübertritten verwendet. Allerdings gibt es gerade im internationalen Vergleich zahlreiche Probleme bei der Nutzung dieser Daten, da sie häufig unvollständig und nicht kompatibel sind.

Werden Migrationen auf der Mikro-Ebene untersucht, dann beziehen sich die entsprechenden Studien typischerweise auf individuelle oder Haushaltsbefragungen. Nicht selten werden ethnographische Feldarbeiten oder teilnehmende Beobachtungen durchgeführt, um spezifische Migrationsphänomene zu studieren. Geschichtswissenschaftler greifen in diesem Kontext auf historische Quellen zurück, wie beispielsweise historische Bevölkerungsregister, Archive zu Ein- und Auswanderungen, Autobiographien, Zeitungen und nicht zuletzt auf 'oral history'.

2. Migrationserfahrungen in Osteuropa: Geschichte und Politik

Seit Jahrhunderten fanden in Osteuropa zahlreiche interne und grenzüberschreitende Migrationen statt, die weitreichenden Einfluss auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Region hatten. Während West-Ost-Wanderungen bereits im 15. Jahrhundert von einer gewissen Bedeutung waren, kam es im 19. und 20. Jahrhundert zu massiven – ökonomisch motivierten – Ost-West-Wanderungen. Zudem spielten Zwangsmigrationen, Vertreibungen und Fluchtbewegungen eine herausragende Rolle in der Wanderungsgeschichte Osteuropas.

Im Rückblick kann die Migrationsgeschichte Osteuropas in vier unterschiedliche Phasen eingeteilt werden. Während die erste Phase im 15. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis zum Beginn des ersten Weltkrieges andauerte, begann die zweite Phase im Jahr 1915 und endete mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs am Ende der vierziger Jahre. Die dritte Migrationsphase war durch die eingeschränkten Wanderungen zur Zeit des kalten Krieges gekennzeichnet, während die vierte Migrationsphase mit der (partiellen) Öffnung der Grenzen in osteuropäischen Staaten als Folge der politischen Transformation am Ende der achtziger Jahre ihren Anfang nahm (Wallace, Stola 2001).

2.1. Die osteuropäische Migrationsgeschichte bis 1915

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges war die osteuropäische Migrationsgeschichte von drei geographischen Wanderungsformen gekennzeichnet. Zunächst sind die zahlreichen internen Migrationen zu nennen, die sowohl Arbeitskräfte, Familienverbände als auch ethnische Gruppen einschlossen. Hauptsächlich fanden diese Wanderungen vor dem Hintergrund von wirtschaftlichen Zwängen, (Bürger)kriegen und ethno-nationalen Konflikten statt. In der Geschichte Osteuropas spielten ethnisch begründete Wanderungen eine herausragende Rolle, die bis heute für die ethnische Vielfalt in zahlreichen osteuropäischen Regionen verantwortlich sind.

Weiterhin bestimmten die Einwanderungen von hochqualifizierten Experten, Handwerkern und sogenannten Kolonisten aus dem westlichen Europa das Bild, die häufig durch die Rekrutierungspolitik osteuropäischer Regierungen ausgelöst wurden. Ein besonders prominentes Beispiel für diese Form der Migration war die Einwanderung von Fachleuten, Handwerkern und Bauern aus deutschen Fürstentümern nach Osteuropa und in das russische Zarenreich, die bereits im 15. Jahrhundert begann (Brandes 1992). Als Folge dieser Einwanderung etablierten sich zahlreiche deutsche Gemeinden in Osteuropa und im zaristischen Russland. Jahrhunderte später, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, kehrten viele dieser einstigen Auswanderer in ihre vormalige Heimat Deutschland zurück.

Die dritte und wichtigste Wanderungsbewegung in Osteuropa vor 1915 war eine bedeutende Ost-West-Migration, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann und die hauptsächlich in die USA und nach Kanada führte. Der Hintergrund für diese Auswanderung von Osteuropäern in die Neue Welt war Armut und Arbeitslosigkeit in den Heimatländern, während es in Übersee eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften gab. In dergleichen Zeitperiode wanderten auch zahlreiche Arbeiter aus Polen und aus der Ukraine in die neuen Zentren der Eisen- und Stahlindustrie nach Deutschland und Frankreich (siehe Tabelle 1).

Zudem trugen politische Repressionen und ethnische Verfolgungen – vor allem gegen Juden im russischen Zarenreich – zu den Massenemigrationen der Osteuropäer bei. Es wird geschätzt, dass mehrere 100.000 osteuropäische Juden vor dem zunehmenden Antisemitismus und der ökonomischen Verelendung in der Ukraine, in Galizien und den baltischen Ländern flohen und sich als große ethno-religiöse Minderheitengruppen in den Metropolen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts niederließen, wie z.B. in Berlin, Wien, Paris und in osteuropäischen Städten wie Lwow, Warschau und Prag (Fassmann, Münz 1995: 471).

Tabelle 1: Internationale Migrationen aus Osteuropa*, 1850-1915 (Tausend)

PeriodeÜberseeEuropaInsgesamt
1851-19002 4055002 905
1901-19157 0076007 607

* Osteuropa schließt die osteuropäischen Staaten in den Grenzen von vor 1915 ein sowie das russische Zarenreich

Quelle: United Nations 1996: 3

Besonders die Periode zwischen 1901 und 1915 war von außerordentlich großen Auswanderungszahlen gekennzeichnet: über 7 Millionen Osteuropäer verließen damals Österreich-Ungarn und das russische Zarenreich, um in der Neuen Welt ein besseres Leben zu beginnen.

2.2. Die osteuropäische Migrationsgeschichte zwischen 1915 und 1949

Im Gegensatz zu den Migrationen in Osteuropa vor dem Ersten Weltkrieg waren die Wanderungen danach in erster Linie durch politische und ethno-nationale Ursachen gekennzeichnet. Es ist offensichtlich, dass die politische Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg riesige Migrationsbewegungen hervorrief. Diese Migrationen wurden entweder von Regierungen organisiert, um potentielle ethnische Konflikte zu vermeiden, oder die Angehörigen ethnischer Gruppen wanderten in ihre (vormaligen) Heimatländer, um ethnischer Diskriminierung zu entgehen (United Nations 1996: 3). In der kurzen Zeit zwischen 1919 und 1920 sahen sich ca. 5 Millionen Osteuropäer aus ethno-nationalen Gründen gezwungen, innerhalb von Europa umzuziehen

Tabelle 2: Internationale Migrationen aus Osteuropa*, 1919-1949 (Tausend)

PeriodeÜberseeEuropaInsgesamt
1919-19201705 0005 170
1921-19301 2267001 926
1931-1939347500847
1945-1949---2 1002 100

* Osteuropa schließt die osteuropäischen Staaten in den Grenzen von vor 1915 ein sowie das russische Zarenreich

Quelle: United Nations 1996: 3

Im Vergleich zur Periode vor dem Ersten Weltkrieg verloren die Wanderungen aus Osteuropa in die Neue Welt zwischen 1919 und 1939 weitgehend an Bedeutung. Dafür waren in erster Linie die Einwanderungsbeschränkungen verantwortlich, die von den Zuwanderungsstaaten, hauptsächlich den USA, errichtet wurden. Mit der Einführung des neuen Immigrationsgesetzes im Jahre 1924 verringerten die USA die Aufnahmequoten für osteuropäische Immigranten deutlich.

Nicht nur die Auswanderung in die Neue Welt, auch die innereuropäischen Wanderungen waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen von Beschränkungen gekennzeichnet. In den meisten Fällen kontrollierten die neu formierten europäischen Nationalstaaten sowohl Ein- als auch Auswanderungen. Dies hatte zur Folge, dass zum ersten Mal bilaterale Vereinbarungen über Arbeitsmigrationen zwischen west- und osteuropäischen Ländern abgeschlossen wurden, um der westeuropäischen Nachfrage nach geringqualifizierten Arbeitskräften in der Landwirtschaft, im Bauwesen und im Bergbau gerecht zu werden. Die wichtigsten Aufnahmeländer dieser Arbeitsmigrationen waren Frankreich und Deutschland, während Polen und die Tschechoslowakei die wichtigsten Senderegionen waren. In der Folge der wirtschaftlichen Depression im Jahre 1929 wurde jedoch die Rekrutierung von Arbeitsmigranten aus Osteuropa in den westeuropäischen Staaten deutlich eingeschränkt.

Die mit Abstand folgenschwersten Migrationen in der Periode zwischen 1919 und 1949 fanden jedoch während des und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Vor dem Hintergrund von Umsiedlungen, Zwangsmigrationen, Fluchtbewegungen und Vertreibungen kam es zu enormen Ost-West, aber auch West-Ost-Wanderungen. Die Niederschlagung des nationalsozialistischen Deutschland zwang 12 Millionen Deutsche in Osteuropa und der vormaligen Sowjetunion, ihre vormalige Heimat zu verlassen und nach West- und Ostdeutschland zu wandern. Insgesamt flohen 7 Millionen Deutsche aus Polen und 1,5 Millionen aus der UdSSR, weitere 3,2 Millionen Deutsche wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben (Fassmann, Münz 1995). Weniger bekannt ist, dass es in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer erzwungenen Massenumsiedlung von 1,5 Millionen Polen und polnischer Juden kam, die aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten in Ostpolen in westliche, vormals von deutschen Truppen besetzte Landesteile Polens ziehen mussten. Zudem fanden eine Reihe von Ost-West-Migrationen statt, die verschiedene ethnische Minderheiten, 'displaced persons' und Kriegsgefangene betrafen, die in ihre Heimatländer zurückkehrten oder die – teilweise gegen ihren Willen - dorthin zurückgeschickt wurden. So mussten beispielsweise Weißrussen, Litauer und Ukrainer, die sich nach dem Krieg in Deutschland, Österreich oder Polen niedergelassen hatten, in die Sowjetunion zurückkehren.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die osteuropäischen Wanderungsbewegungen zwischen 1915 und 1949 in erster Linie durch (zwangsweise) Umsiedlungen, Flucht, Vertreibungen und durch politische und ethnische Verfolgungen ausgelöst wurden, während ökonomische Gründe in dieser Periode eine vergleichsweise geringe Rolle spielten.

2.3. Migrationen in Osteuropa in der Zeit des Kalten Krieges

Mit der Gründung kommunistischer Staaten in Osteuropa begann nach 1945 eine Periode eingeschränkter und kontrollierter Migrationen, die bis zur politischen Transformation dieser Staaten am Ende der achtziger Jahre währte. Allerdings muss festgehalten werden, dass es nicht vollständig unmöglich war, aus Osteuropa und der Sowjetunion zu emigrieren. In besonderen Fällen ließen die Regierungen in osteuropäischen Staaten und der UdSSR Emigrationen zu, insbesondere bei Familienzusammenführungen oder aufgrund von ethnischen oder religiösen Motiven. Zumeist wurden die Auswanderungen dann gestattet, wenn sich die aufnehmenden Staaten (z.B. die USA, Israel, Frankreich und Deutschland) in besonderer Weise für die migrationswilligen Gruppen einsetzten. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die Zeit des Kalten Krieges von ethnisch und religiös motivierten Wanderungsbewegungen in Osteuropa bestimmt war.

Im Rückblick ist die Migration von ca. 5 Millionen Menschen aus Ost- nach Westdeutschland die bedeutendste Bevölkerungsbewegung in dieser Zeit, die vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Probleme und politischer Repression in Ostdeutschland und im Zusammenhang mit den privilegierten Aufnahmebedingungen von Ostdeutschen in Westdeutschland stattfand. Zudem kamen zwischen 1950 und 1989 etwa 2 Millionen Deutsche (sogenannte Aussiedler) aus der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen, Ungarn und der Sowjetunion nach Deutschland. Ihre Aufnahme und ihre unmittelbare Einbürgerung nach der Einreise wurde durch das deutsche Grundgesetz legitimiert. Bei der Aufnahme deutscher Zuwanderer aus Osteuropa spielten jedoch auch ideologische Argumente eine wichtige Rolle. In der Zeit des Kalten Krieges wurden Emigranten aus kommunistischen Staaten als Bestätigung für die Überlegenheit des westlichen Systems angesehen.

Neben Angehörigen der deutschen Minderheit konnten auch Juden, die in Rumänien und der Sowjetunion lebten, ihre bisherigen Heimatländer während des Kalten Krieges verlassen. In diesen Fällen hatten sich die Aufnahmeländer Israel und die USA stark für das Recht der jüdischen Minderheit auf Ausreise eingesetzt. Es wird geschätzt, dass ca. 1,25 Millionen Juden zwischen 1950 und 1989 aus Rumänien und der UdSSR auswanderten. Zudem konnten noch etwa 170,000 Menschen, darunter Armenier, Griechen, Finnen und die religiöse Gruppe der Pfingstler die Sowjetunion mit den Zielen Frankreich, USA, Griechenland und Finnland verlassen. Rückblickend stellte eine Publikation der Vereinten Nationen allerdings fest, dass die Hintergründe der Migrationen zur Zeit des Kalten Krieges vielschichtiger waren als oft dargestellt: "The causes of these migratory streams are complex and difficult to disentangle. For the most part ethnic Germans and Jews had the option to leave because of their ethnic background. However, having suffered discrimination in the past and in the present, although possibly less seriously, they were also attracted by the prospects of experiencing broader political and religious freedom, as well as better employment and income opportunities, and consequently higher living standards. Similar causes were driving the moves of the majority of the others, but the importance of the individual factors varied" (United Nations 1996: 5).

Neben den ethnisch und religiös bedingten Auswanderungen in den Westen fanden zwischen 1950 und 1989 noch eine Reihe von Ost-West-Migrationen statt, deren Ursache politische Umbrüche in Osteuropa waren. Da ist zunächst der Aufstand in Ungarn zu nennen (1956), dann der Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten in die Tschechoslowakei und schließlich die Einführung des Kriegsrechtes in Polen (1981). Es wird geschätzt, dass kurz nach 1956 etwa 200,000 Menschen aus Ungarn in den Westen flohen, 160,000 politische Flüchtlinge die Tschechoslowakei nach 1968 verließen und etwa 225,000 Polen nach der Einführung des Kriegsrechtes im Westen Aufnahme fanden. Weiterhin ist davon auszugehen, dass ca. 400,000 Bürger aus osteuropäischen Staaten und der UdSSR während der achtziger Jahre in westlichen Ländern um Asyl nachsuchten, das Personen aus kommunistischen Staaten im allgemeinen problemlos gewährt wurde.

Überdies war in der Periode des Kalten Krieges noch eine größere Arbeitskräftewanderung aus Polen zu verzeichnen, die jedoch in den meisten Fällen keine legale Basis hatte. Geschätzt wird, dass ca. 700,000 Polen an dieser Arbeitswanderung beteiligt waren. In der Zeit des Kalten Krieges kamen somit insgesamt etwa 10 Millionen Menschen aus Osteuropa in den Westen, obschon die Emigrationsbarrieren außerordentlich hoch waren.

2.4. Migrationen in Osteuropa seit dem Ende der achtziger Jahre

Nachdem osteuropäische Staaten und die vormalige Sowjetunion die Emigration ihrer Bürger am Ende der achtziger Jahre erheblich erleichterten, entstanden in dieser Region neue Migrationsmuster und es bildeten sich neue Wanderungsräume heraus. Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen die geographischen und politischen Ausgangsbedingungen der jüngsten Wanderungsbewegungen in Betracht gezogen werden. Ein Blick auf die Karte Osteuropas zeigt, dass Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn an Deutschland und Österreich angrenzen, was Migrationen in jedem Falle erleichtert. Diese Länder, die seit Mai 2004 Mitglieder der EU sind, grenzen wiederum an osteuropäische Staaten, die noch nicht zur EU gehören (z.B. Rumänien) oder aber die östlich der EU Grenzen liegen, wie z.B. die Ukraine, Russland und Weißrussland. Vor diesem Hintergrund erscheint das Argument stichhaltig, dass das durch den Kalten Krieg in zwei (Migrations)zonen geteilte Europa nun zumindest aus drei (Migrations)zonen besteht (Wallace, Stola 2001: 16). Diese sind die EU-15 Staaten, die neuen osteuropäischen Beitrittsländer und die Staaten, die außerhalb der Grenzen der Europäischen Union liegen.

Im Rückblick gesehen war der Fall des eisernen Vorhangs und die Auflösung der Sowjetunion von beträchtlichen Migrationsbewegungen begleitet. Es fand beispielsweise am Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre eine enorme Steigerung der Ost-West Grenzübertritte statt. Obschon die meisten Osteuropäer damals mit einem Touristenvisum nach Westeuropa reisten, arbeiteten viele von ihnen für kurze Zeit im Westen oder sie betätigten sich dort als Kleinhändler. Dennoch fanden keineswegs Massenwanderungen statt, wie dies von westlichen Organisationen (United Nations) und Medien vorausgesagt worden war.

Als Folge der politischen Transformation in Osteuropa können in dieser Region einige neue Migrationstendenzen identifiziert werden, die sich in der jüngste Zeit herausgebildet haben:

     

  • Zunächst sind neue Arbeitsmigrationen zu nennen, die entweder innerhalb der osteuropäischen Staaten stattfinden oder die westliche Länder zum Ziel haben (Kraler, Iglicka 2002). Innerhalb Osteuropas sind es oft geringqualifizierte Arbeitskräfte aus ärmeren Nachbarländern, die in angrenzenden Staaten arbeiten, die also z.B. aus der Ukraine nach Polen kommen. Es muss allerdings festgehalten werden, dass auch hochqualifizierte Personen als Arbeitsmigranten in osteuropäische Staaten kommen, wobei diese in den meisten Fällen Manager oder Experten aus dem Westen sind. Zudem entwickelte sich im letzen Jahrzehnt auch eine Ost-West Arbeitsmigration, die überwiegend auf bilateralen Verträgen basiert. Generell nehmen illegale Arbeitskräftewanderungen in Osteuropa und im Ost-West Kontext zu, seit die Migrationsbarrieren in osteuropäischen Staaten deutlich gelockert wurden.

     

  • Zweitens trugen Kleinhändler seit dem Ende der achtziger Jahre zu den Wanderungsbewegungen in Osteuropa und über die Grenzen der Region hinweg bei. Dabei entstanden provisorische Märkte in Grenzregionen oder großen Städten, die osteuropäische Kleinhändler zum Verkauf billiger Produkte nutzten. Obschon einige dieser Händler aus Ländern außerhalb Osteuropas, wie China und Vietnam kommen, reisen doch die meisten aus grenznahen Regionen der jeweiligen Nachbarländer ein. Während beispielsweise Kleinhändler in Polen überwiegend aus der Ukraine, Russland oder Weißrussland kommen, reisen sie in die Slowakei und nach Ungarn typischerweise aus der Ukraine und Rumänien ein (Wallace, Stola 2001: 31). Zu Beginn der neunziger Jahre gab es auch in einigen großen westeuropäischen Städten, z.B. in Berlin das Phänomen osteuropäischer, zumeist aus Polen stammender Kleinhändler.

     

     

  • Eine dritte wichtige Gruppe von Migranten im Raum Osteuropa besteht aus Flüchtlingen, Asylsuchenden und Personen, die aus dem Ausland in ihre vormalige Heimat zurückkehren. Zu beobachten ist, dass Flucht- und Asylwanderungen sowohl in Osteuropa als auch über die Grenzen der Region hinaus in den Westen stattfinden. Zudem hat die Rückkehr von Migranten in ihre vormaligen Heimatländer ein großes Gewicht bei den jüngsten osteuropäischen Bevölkerungsbewegungen. Diese Form der Migration ist eng mit der Heimkehr nationaler Minderheiten in ihre Nationalstaaten verknüpft. Da beispielsweise Russen, die in nichtrussischen Nachfolgestaaten der UdSSR lebten, durch die Auflösung der Sowjetunion zu Ausländern wurden, kehrten viele unter ihnen in Fällen von ethnischer Diskriminierung und ethnischen Konflikten nach Russland zurück. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 2,7 Millionen Russen zwischen 1990 und 1997 aus nicht-russischen Nachfolgestaaten der UdSSR nach Russland wanderten (Codagnone 1998). Zudem nutzten nicht wenige Juden, Deutsche, Finnen und Griechen, die in der vormaligen UdSSR ansässig waren, die größere Freizügigkeit seit dem Beginn der neunziger Jahre und reisten in ihre 'Heimatländer aus (Dietz 2000).

In der letzten Zeit gewannen auch Transitwanderungen, die mit dem Ziel Westeuropa oder USA durch osteuropäische Staaten führen, an Bedeutung. Grundsätzlich sind zwei Gruppen von Transitmigranten zu unterschieden: eine Gruppe besteht aus Osteuropäern, die aus verhältnismäßig armen oder von (Bürger)kriegen betroffenen Staaten stammen, wie z.B. aus Bulgarien, Rumänien, Moldowa, der Ukraine und dem vormaligen Jugoslawien. Die zweite Gruppe verließ nicht europäische Staaten, z.B. den Irak, Afghanistan oder Sri Lanka, wobei diese Flüchtlinge versuchen, in den neuen osteuropäischen Beitrittsländern der EU oder in den EU-15 Staaten Asyl zu beantragen.

 

Diese kurze Kategorisierung der jüngsten osteuropäischen Migrationsbewegungen zeigt, dass die Wanderungen in dieser Region sehr viel komplexer und vielschichtiger als früher geworden sind. Zu betonen ist, dass eine Reihe von osteuropäischen Staaten mittlerweile sowohl Sende- als auch Aufnahmeländer von Migranten sind. Im Jahre 1999 waren sogar mehr Menschen in die Tschechische Republik, nach Estland, nach Ungarn, nach Litauen und nach Slowenien eingewandert als ausgereist. Bemerkenswert ist weiterhin, dass kurzfristige und zirkuläre Wanderungen im Bereich der Arbeitmigrationen sowohl innerhalb Osteuropas als auch im Ost-West Kontext eine herausragende Rolle spielen. Damit haben sich auch in Osteuropa Migrationsmuster herausgebildet, die den jüngsten weltweiten Tendenzen entsprechen.

3. Ausblick: Künftige Migrationen in einem erweiterten Europa

Seit der politischen Transformation in Osteuropa wurden interne und Ost-West-Migrationen vielfach diskutiert und wissenschaftlich analysiert (Dietz 2004). Zweifellos wurde diese Thematik mit der Osterweiterung der Europäischen Union nochmals in besonderer Weise relevant. Auf der einen Seite befürchten dabei die EU-15 Staaten, dass osteuropäische Zuwanderer zu Arbeitslosigkeit und Lohndruck im Westen beitragen und dass sie die sozialen Sicherheitssysteme über Gebühr belasten. Auf der anderen Seite aber sehen die neuen osteuropäischen Beitrittsländer die Gefahr der Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften in den Westen, während sie sich von möglichen (Asyl)zuwanderungen aus ärmeren, politisch instabilen Nachbarstaaten herausgefordert fühlen.

Um Arbeitsmarktschocks in den EU-15 Ländern zu verhindern, führte die Europäische Kommission im Jahr 2004 eine siebenjährige Übergangsperiode bis hin zur vollständigen Freizügigkeit ein, in der es den Mitgliedsstaaten erlaubt ist, bislang gültige Wanderungsbeschränkungen aufrechtzuerhalten. Allerdings wird davon ausgegangen, dass die Übergangsperiode das Problem der Ost-West-Wanderungen nicht tatsächlich löst oder verringert, sondern nur auf einen spätern Zeitpunkt verschiebt (Alvarez-Plata et al. 2003: 46). Deutlich ist, dass spätestens bei Einführung der Freizügigkeit nach sieben Jahren die Frage der Integration von neuen Migranten aus osteuropäischen EU-Ländern in den Arbeitsmarkt und das Wohlfahrtssystem der EU-15 Staaten gelöst werden. Bereits jetzt haben viele Ökonomen darauf hingewiesen, dass erfolgreiche Integrationsstrategien nicht ohne strukturelle Reformen der westlichen Arbeitsmärkte und Wohlfahrtssysteme gelingen können. Zudem betont inzwischen auch die Europäischen Kommission, dass europaweite Anstrengungen nötig sind, um gemeinschaftliche Konzepte der Migrations- und Integrationspolitik zu erarbeiten. Dabei wird beispielsweise vorgeschlagen, innerhalb der Europäischen Union gemeinsame Standards der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu implementieren, um einen konkurrierenden Sozialabbau in den westlichen Wohlfahrtsstaaten zu vermeiden (Boeri 2004).

Fest steht, dass sich nach der Osterweiterung der Europäischen Union ein neuer Migrationsraum an den östlichen Grenzen dieser Region entwickeln wird. Arbeits-, Asyl-, Flüchtlings-, und Transitmigranten aus armen und politisch instabilen Ländern sowie illegale Grenzübertritte werden die Regierungen der EU-Staaten mit dem Problem konfrontieren, diese Migrationen adäquat zu lenken. Es ist zu erwarten, dass (illegale) Arbeits- und Transitwanderungen ansteigen werden, wovon insbesondere die neuen osteuropäischen Mitgliedsländer der EU betroffen sein dürften. Diese Situation hat allerdings bereits dazu geführt, dass EU Staaten sich um die Entwicklung einer gemeinsamen Politik zur Bewältigung künftiger Migrationen bemühen, die legale Zuwanderungswege definiert, das Recht von Asylsuchenden und Flüchtlingen schützt und die illegalen Grenzübertritte sowie Menschenschmuggel und -handel konsequent bekämpft. Gleichermaßen hat sich die erweiterte EU zum Ziel gesetzt, gemeinsame Standards für die Integration von Immigranten in den Arbeitsmarkt zu formulieren und ihre soziale Integration zu unterstützen. Allerdings sind die politischen Zielvorstellungen der einzelnen Mitgliedsländer der Europäischen Union sehr unterschiedlich, so dass es bislang nur zu minimalen, von NGO’s heftig kritisierten Ergebnissen bei der Formulierung gemeinsamer Politiken, so z.B. bei der vorläufigen Verabschiedung von Mindeststandards für die Asylverfahren in der Europäischen Union kam.

Ungeachtet dieser Probleme wird die Migrations- und Integrationspolitik im erweiterten Europa eine herausragende Rolle spielen, wie UN Generalsekretär Kofi Annan im Januar 2004 bei einer Rede vor den Mitgliedern des Europäischen Parlaments betont hat: "All who are committed to Europe's future, and to human dignity, should therefore take a stand against the tendency to make immigrants the scapegoats for social problems. The vast majority of immigrants are industrious, courageous, and determined. They don't want a free ride. They want a fair opportunity for themselves and their families. They are not criminals or terrorists. They are law-abiding. They don't want to live apart. They want to integrate, while retaining their identity. In this twenty-first century, migrants need Europe. But Europe also needs migrants. A closed Europe would be a meaner, poorer, weaker, older Europe. An open Europe will be a fairer, richer, stronger, younger Europe - provided Europe manages migration well" (Annan 2004).

4. Literatur

Alvarez-Plata, P., Brücker, H., Silverstovs, B. (2003): Potential Migration from Central and Eastern Europe into the EU-15 - An Update. Final Report. Berlin: DIW.

Annan, K. (2004): Why Europe needs an immigration strategy. United Nations. www.un.org/News/ossg/sg/stories/sg-29jan2004.htm.

Bade, K. J. (2000): Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Beck.

Bade, K. J. (Hrsg.), (1992): Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München: Beck.

Bauer, T., Zimmermann, F. K. (1998): Causes of International Migration: A Survey. In: Gorter, C., Nijkamp, P., Poot J. (Hrsg.), Crossing Borders: Regional and Urban Perspectives on International Migration. Aldershot: Ashgate, 95-127.

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Brandes, D. (1992): Die Deutschen in Rußland und der Sowjetunion, in: Bade, K. J. (Hrsg.), (1992): Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München: Beck, 85-134.

Brettell, C. B., Hollifield, J. F. (2000): Introduction, in: Brettell, C. B., Hollifield, J. F. (Hrsg.): Migration Theory. Talking across Disciplines. New York: Routlege, 1-26.

Codagnone, C. (1998): The New Migration in Russia in the 1990s, in: Koser, K., Lutz, H. (Hrsg.): The New Migration in Europe. Social Construction and Social Realities. Basingstoke: MacMillan Press, 39-59.

Dietz, B. (2000): German and Jewish migration from the former Soviet Union to Germany: background, trends and implications, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, 26 (4), 635-652.

Dietz, B. (2004): Ost-West-Migration im Kontext der EU-Erweiterung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 5-6, 2. Februar, 41-47.

Faist, T. (2000): The Volume and Dynamics of International Migration and Transnational Social Spaces. Oxford: Clarendon Press.

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Hollifield, J. E. (2000): The Politics of International Migration. How can we bring the state back in?, in: Brettell, C. B., Hollifield, J. F. (Hrsg.), Migration Theory. Talking across Disciplines. New York: Routlege, 137-185.

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Massey, D. S., Arango, J., Hugo, G., Kouaouci, A., Pellegrino A., Taylor J. E. (1998): Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millennium. Oxford: Clarendon Press.

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Wallace, C., Stola, D. (Hrsg.), (2001): Patterns of Migration in Central Europe. Basingstoke: Palgrave.

 

 

 

 


 

 

 

 

Stand: September 2004
Letzte Änderung: 29.9.2004
Mail-Adresse der Autorin: bdietz@lrz.uni-muenchen.de
Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas

 

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Inhalt:
1. Migrationsforschung: ein interdisziplinärer Ansatz
1.1. Disziplinen und Forschungsfragen
1.2. Typologien, Ebenen der Analyse und Daten
2. Migrationserfahrungen in Osteuropa: Geschichte und Politik
2.1. Die osteuropäische Migrationsgeschichte bis 1915
2.2. Die osteuropäische Migrationsgeschichte zwischen 1915 und 1949
2.3. Migrationen in Osteuropa in der Zeit des Kalten Krieges
2.4. Migrationen in Osteuropa seit dem Ende der achtziger Jahre
3. Ausblick: Künftige Migrationen in einem erweiterten Europa
4. Literatur

 

   

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