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Literarische Kommunikation

Geschichte der literarischen Kommunikation in Russland im 19. und 20. Jahrhundert

Lilia Antipow, Erlangen/Nürnberg

1. Autonomisierung, Kommerzialisierung und Entstehung des literarischen Publikums: Literarische Kommunikation zwischen 1800 und 1890

1. Zwar konnte Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits auf eine jahrhundertlange literarische Tradition zurückblicken. Doch es handelte sich in erster Linie um eine Tradition religiösenSchrifttums, die sich seit dem 11. Jahrhundert - neben der mündlich überlieferten Folklore - im Umkreis der orthodoxen Kirche in der altkirchenslavischen Sprache und mit einem eigenen Gattungssystem etablierte. Diese sogenannte "altrussische Literatur" ("drevnerusskaja literatura"), wie sie später von den Literaturhistorikern bezeichnet wurde, hatte weder einen eigenen Literaturbegriff noch ein ästhetisches Eigenbewusstsein herausgebildet. Für sie war eine "Bindung des Ästhetischen an das Religiöse" (Grübel) typisch, sie vereinte Züge religiöser, politischer und moralischer Traktate mit denen des "fiktiven" Erzählens. Dabei war die "ästhetische Funktion" der religiösen und politischen untergeordnet. Die Literatur war in das religiöse Ritual eingegliedert, diente der geistlichen Erbauung der Gläubigen, und verschaffte den russischen Herrschern politische Legitimation. Die für das Literatursystem spezifischen Handlungsmuster und Rollen hatten sich noch nicht herausgebildet. Das Verfassen von Büchern konzentrierte sich auf den Umkreis der Klöster, Fürsten- und Zarenhöfe. Die orthodoxe Kulturtradition, die weder die Autonomie des Individuums noch das Schreiben als zweckfreie Tätigkeit anerkannte, verhinderte die Entwicklung des "Schriftstellers" zu einer eigenständigen gesellschaftlichen und kulturellen Rolle. Wie für den altrussischen Ikonenmaler lag für den altrussischen "knižnik" - in der Regel gehörte er zur "schwarzen Geistlichkeit", zum Mönchtum - der Ursprung seiner Kreativität in Gott; er betrachtete sich lediglich als"Medium" bzw."Vollstrecker" des göttlichen Willens, sein "Schreiben" galt ihm als ein religiöser Auftrag bzw. als sakrale Handlung. Oft signierte er seinen Text nicht und blieb anonym. Das Lesen als individuelle und soziale Tätigkeit war unter der Bevölkerung wenig verbreitet, erst recht galt dies für das Lesen als Akt der Literaturrezeption. Dies ging sowohl auf den herrschenden Analphabetismus als auch auf die Grundhaltung zum Buch und zum Lesen zurück. Sie war ebenfalls durch die orthodoxe Kirche beeinflusst; für sie fand die Aneignung des Glaubens nicht durch individuelle Lektüre der biblischen Literatur, sondern im Ritual statt. So blieb der Rezipientenkreis der altrussischen Literatur weitgehend auf Vertreter der politischen Eliten und den Klerus beschränkt, der vor allem das Lesen zu erbaulichen Zwecken praktizierte. In Anbetracht dieser Umstände war ein funktional differenziertes System der Buchproduktion und Distribution kaum entwickelt, das gleiche galt für das Bibliothekswesen. Bis in das 18. Jahrhundert hinein waren die wichtigsten Zentren des Buchdrucks und die Bibliotheken an den Zarenhof und die Kirche gebunden.

Erst der gesellschaftliche und kulturelle Wandel, der durch die von Peter I. und Katharina II. politisch vorangetriebene Europäisierung Russlands im 18. Jahrhundert ausgelöst wurde, bewirkte einen tiefgreifenden Umbruch in der Entwicklung der literarischen Kommunikation. Die zunehmende Säkularisierung der russischen Gesellschaft und Kultur führten dazu, dass das "Schreiben" allmählich seine religiöse Bestimmung verlor und sich eine weltliche Literatur nach europäischem Beispiel herauszubilden begann. Zwar war deren Sprache noch im bedeutenden Maße durch das Altkirchenslavische beeinflusst, doch in ihren Gattungen und poetischen Formen lehnte sie sich bereits an den europäischen Barock und Klassizismus an. Die Individualisierungsprozesse in der russischen Gesellschaft und Kultur sowie die Übernahme des Kulturmodells der europäischen Adelselite trugen ferner zur Entstehung der Institution des "Autors" und der Aufwertung des "literarischen Schreibens" bei; gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat der "Schriftsteller" als neue soziale Rolle in Russland hervor.

Ungeachtet dessen kann von einer literarischen Kommunikation und einem Literatursystem im modernen Sinne im Russland des 18.Jahrhunderts noch nicht gesprochen werden. Das Lesepublikum der neuen Literatur blieb noch vergleichbar klein. Zwar hat die Kultivierung des"Verstandes und Herzens" spätestens seit der Regierungszeit Katharinas II. Eingang in das Bildungs- und Erziehungsideal der adeligen Schichten - hier in erster Linie der Frauen - gefunden und die Entwicklung eines spezifischen literarischen Leseninteresses unter seinen Angehörigen gefördert. Doch Werke russischer Autoren bildeten nur einen kleinen Bestandteil im Lektürekanon; die Mehrheit der Adeligen, so die Annahme, zog Übersetzungen aus den Fremdsprachen vor (Rejtblat). Noch seltener fanden Angehörige des "dritten Standes" - Beamte, Kaufleute etc. - den Weg zum Buch eines russischen Autors, obwohl bei ihnen seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ein zunehmendesInteresse an Buch undLektüre zuverzeichnen war (Rejtblat). Bei denBauern fehlten dafürohnehin alleVoraussetzungen. Entsprechend niedrigblieb derEntwicklungsstand desliterarischen Verlags-, Druck-Buchhandels- undBibliothekswesens.

Die literarische Kommunikation im 18. Jahrhundert fand ineinemsehrengen Rahmen statt, mit dem Schriftsteller, dem Zaren, demHof,denadeligen Eliten - allen voran den reichen Mäzenen - undzumindestineinem gewissen Umfang der Literaturkritik als Akteure.Dabeioffenbartesich bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts eintiefgreifenderKonflikt zwischen Schriftstellern und Autokratie; erwurdedurch ihredivergierenden Vorstellungen über die Funktion derLiteraturund dasSelbstverständnis des Literaten, darüber, welche RollediepolitischenInstitutionen des Zarenreiches in derliterarischenKommunikationspielen sollten, ausgelöst. Während sich dieLiteratur mitihrerFunktion der "politischen Repräsentation" und der"ErziehungderUntertanen" nicht mehr zufrieden geben wollte undihreAutonomiezunehmend auch als "Autonomie vom Staat" verstand, sahdieAutokratie -ihrer Zielsetzung entsprechend - die Literatur stetsindenAufgabenbereich des "wohlgeordnetenPoliceystaates"(Raeff)eingebunden, wies ihr eine systemstabilisierendeFunktion zu undzeigtewenig Bemühungen, ihr diese Autonomie zugewähren.DemEmanzipationsstreben des Schriftstellers setztesiedessenVerpflichtung auf den "Dienst für den Staat" entgegen.Dabeibegann siegegen Ende des 18. Jahrhunderts ihrenZensurapparatauszubauen, setztedie aus ihrer Sicht politischilloyalenSchriftsteller administrativenund rechtlichen Verfolgungenaus. Auf deranderen Seite waren dieSchriftsteller mit den Ansprüchender Adeligenkonfrontiert, für diedie Literatur ihre Funktion nichtzuletzt in der"Unterhaltung" hatte.In der Tat sollten "politischeRepräsentation","Erziehung derUntertanen" und "Unterhaltung" imwesentlichen dieFunktionen derLiteratur im 18. Jahrhundert bleiben.Danach richtetensich Thematik,Sprache und Poetik ihrer Werke aus. DerZarenhof, wo einefestlichversammelte Gesellschaft dem Rezitieren desHofdichterslauschte, unddie literarischen Salons des Adels, die in den1780er und1790er Jahrenunter dem Eindruck des europäischenSentimentalismusüberwiegend in denHauptstädten eingeführt wurden, warendie dominantenFormen derliterarischen Kommunikation. Außerhalb diesespolitischenundgesellschaftlichen Rahmens wurde die Literatur durchsolche Medienwiedas Buch und die literarischen Almanache vermittelt,die in den1790erJahren gegründet wurden. Der gesellschaftliche StatusderLiteratur unddes Schriftstellers in den Schichten, die sie zurKenntnisnahmen, d.h.vor allem im Adel, war sehr hoch. Für das DenkenundHandeln desrussischen Adeligen erhielt die LiteratureineVorbildfunktion; gegendas Ende des 18. Jahrhunderts begann er "nachdemBuch zu leben"(Lotman). Diese beachtliche Autorität derweltlichenLiteratur wurdeihr von der Literatur des Alten Russlandsvererbt unddurch dieAufklärung bestätigt.

Neben dieser literarischen Tradition, für die bereitsim19.Jahrhundert die kanonische Bezeichnung als "hohe"eingeführtwurde,entstanden und entwickelten sich im 18. JahrhundertProtoformendersogenannten "Massenliteratur". Diese "populäre" Literaturhatteeinebreite Palette von Themen sowie sprachliche undpoetischeFormenentwickelt, die sich von denen der "hohenLiteratur"unterschieden,verfügte im Hausiererhandel (ofeni) über eigeneFormenderLiteraturvermittlung und hatte ihren Leser in den städtischenundzumTeil auch in den dörflichen Unterschichten. In mancherleiHinsichtwardie "populäre Literatur" bereits der "hohen" voraus: Früheralsdortsetzte hier der Prozess der ProfessionalisierungdesSchriftstellersund die Etablierung einer entsprechendeneigenständigenökonomischenRolle ein. Soweit zur "Vorgeschichte" derliterarischenKommunikationin Russland im 19. Jahrhundert.2. DasErwachen desrussischenNationalbewusstseins und die Konstituierung dermodernenrussischenNation, die Modernisierung der Wirtschaft undGesellschaft,die trotzdes Widerstandes seitens der Autokratie undderkonservativenpolitischen und gesellschaftlichen Elitenvoranschritt,gaben derEntwicklung der literarischen Kommunikation im19. Jahrhundertneueentscheidende Impulse. Sie führten zurAusdifferenzierung der fürdieliterarische Kommunikation typischenInstitute und Handlungsrollen,zurEmanzipation des Schriftstellers vonder Kirche, zur AnerkennungseinerUrheberschaft am Werk (krönenderAbschluss: die EinführungdesAutorenrechts 1828) und zur Sicherungseines ökonomischenundrechtlichen Status unter den Bedingungen einesentstehendenBuchmarktes.

Der Anstieg des allgemeinen Bildungsniveaus derBevölkerung,dieIntensivierung des kulturellen Austausches zwischen DorfundStaat(Rejtblat), die Übernahme des Kulturmodells des Adelsdurchdienichtadeligen Schichten, die Entstehung undEntwicklungdesliterarischen Buchmarktes führten dazu, dass sichzwischen den1820erund 1860er Jahren ein Lesepublikum für dierussischeLiteraturherausbildete. Während in den 1820er und 1830erJahren nuretwa 5 % derBevölkerung, d.h. 2,5 Millionen Menschen, Bildungbesaßen[1], betrugdieser Anteil um die Wende von 1860er zu den 1870erJahrenbereits 8%[2], und 1897, wie die Volkszählung zeigte, verfügtenbereits45,3% derStadt- und 23,8% der Landbevölkerung übereineElementarbildung [3].Der konsequente Ausbau des Russisch-undLiteraturunterrichts an denGymnasien setzte in der RegierungszeitdesZaren Nikolaus I. ein; erging auf die Initiative seines MinistersfürVolksbildung S. Uvarovzurück, der darin eine Voraussetzung fürdieStärkung derstaatsbürgerlichen Gesinnung der Untertanen im SinneseinerTrinität"Autokratie-Orthodoxie-Volkstümlichkeit" sah. Seit den1860erJahrenintensivierten sich die Bemühungen, den LiteraturunterrichtindenSchulen für das Volk auszubauen; sie wurden vor allendurchVertreterder intellektuellen Eliten des Landes - derprominentesteunter ihnenwar der Schriftsteller Lev Tolstoj -unternommen. Eine nochgrößereRolle als in der Bildung und Erziehung derMänner spieltederLiteraturunterricht seit dem Ende des 18. Jahrhundertsin derBildungund Erziehung der Frau. Während der adelige Mann vorallemüberFähigkeiten verfügen sollte, die ihn für den Staats-undMilitärdienstgeeignet machten, gehörte die Beherrschung des"Bereichesder Ästhetikund der schönen Künste" - einschließlich derLiteratur -zumTugendkanon einer adeligen Frau. Die partielle AdaptiondesadeligenKulturmodells, in dem das Lesen seit dem letzten Dritteldes18.Jahrhunderts einen bedeutenden Platz einnahm, durch denNichtadelunddie zunehmende kulturelle Orientierung des Dorfes an derStadttrugenihrerseits dazu bei, dass sich zunehmend mehr Angehörigedes"drittenStandes", der städtischen Unterschichten und derBauernschaftderLiteratur zuwandten. Der grundlegende Wandel in derEinstellung zuBuchund Lektüre zeichnete sich im "dritten Stand" bereitsin den1820erJahren ab, in den sozialen Unterschichten der Stadt fand erinden1870er und 1890er Jahre statt (Rejtblat). ZumaktivenLeserkreiszählten zu diesem Zeitpunkt auch Bauern, die noch zuBeginndesJahrhunderts eine durch die Orthodoxie geprägte EinstellungzumBuchgezeigt hatten, im Buch, weil ohne Gottes Segenverfasst,ein"Satanswerk" und Lesen als müßige, unbäuerliche,adeligeBeschäftigunggesehen hatten.

In den 1810er bis 1830er Jahren behielt der Salon seineFunktionalsForm literarischer Kommunikation, doch bereits einJahrzehntspäterwurde sie vom literarischen Kreis (literaturnyjkružok)übernommen.Gleichzeitig stieg die Bedeutung desliterarischenBuchmarktes und desZeitschriftenwesens in der VermittlungderLiteratur; dies führte dazu,dass auch die alten FormenderLiteraturförderung, wie z.B. dasMäzenatentum, ihre bisherigeRolleverloren. Während im zweiten Vierteldes 19. Jahrhunderts dasDruck- undVerlagswesen erst im Entstehenbegriffen war, und lediglicheinige,obwohl auch renommierte Verlegerwie A. Smirdin dasBuchgewerbebetrieben, kam es nach 1850 infolge derzunehmendenVerbreitung desLesens und der Entwicklung derpolygraphischen Technik,die eineVergrößerung der Auflagen und eineReduzierung desBuchstückpreisesermöglichte, zu einer Explosion in derBuchproduktion.Betrug dieGesamtzahl aller veröffentlichten Titel 1855noch 1 239, sostieg sie1895 bereits auf 11 548. [4] Die GesamtauflageallerrussischsprachigenPublikationen erhöhte sich zwischen 1887 und1901 von18,5 Millionen auf56,3 Millionen. [5] Während in den 1830erJahrenlandesweit nur 100Buchhandlungen (knižnye lavki) bestanden sind[6],belief sich die Zahl1868 auf 568 und 1893 auf 1725. [7] GegenEnde des19. Jahrhundertshatte sich in Russland bereits einüberregionalerBuchmarktherausgebildet, der Städte wie Dörfer, Zentrumwie Peripherie -wennauch im unterschiedlichen Maße - erfasste. ImGegenzug ging z.B.derAnteil des traditionellen Hausiererhandels inder Verbreitung desBuchesin ländlichen Gegenden seit den 1880er und1890er Jahrenauffälligzurück, obwohl er seine Bedeutung im gewissenUmfang bis zurRevolutionbehalten sollte (Rejtblat). Der Anstieg derZahl vonSchriftstellern,die die Literatur zu ihrem Beruf machten, unddieEntwicklung deszahlungsfähigen und engagierten literarischenPublikumstrugen fernerdazu bei, dass in den 1820er und 1830er Jahrender Übergangvomliterarischen Almanach zur literarischen Zeitschriftals FormenderLiteraturvermittlung stattfand (Rejtblat). In derzweiten Hälfte des19.Jahrhunderts wurden die sogenannten "dickenZeitschriften"("tolstyežurnaly") wie "Der Zeitgenosse"("Sovremennik") und"VaterländischeAufzeichnungen" ("Otečestvennyezapiski") zum zentralenForum für denLiteraturdiskurs; die um ihreRedaktionen versammelteLiteraturkritikentwickelte sich zumbestimmenden Faktor derliterarischenKommunikation. Die "dickenZeitschriften" brachten nichtnur diewichtigsten literarischen Werkean die Lesern, sondern waren auch-eigens mit ihrem Institut derliterarischen Rezension - anderliterarischen Norm-, Kanons- undGeschmacksbildung maßgebendbeteiligt.Wie auf dem Buchmarkt war imZeitschriftenwesen - zumindestseit den1850er Jahren - ein permanenterAnstieg der Gesamtauflagezuverzeichnen; so wuchsen sie bei den"dicken Zeitschriften" zwischen1860und 1900 von 30.000 auf 90.000Exemplare an. [8] Die OrientierungdesZeitschriftenwesens anInteressen verschiedenerpolitischer,gesellschaftlicher undliterarischer Bewegungen und Gruppen(Narodniki,Marxisten, Liberalen)sowie einzelner Leserschichten(Familien, Frauen,Jugend) führte zuseiner hohen Differenzierung(Rejtblat).

Im Gleichschritt mit dem Buchmarkt unddemZeitschriftenwesenentwickelte sich das Bibliothekswesen; der Staat,dieKirche,politische und gesellschaftliche Gruppen nahmen aufdiesenProzessEinfluss. Dabei sind in Russland im 19. JahrhundertdreiHaupttypen vonBibliotheken zur Entfaltung gekommen - die"öffentlicheBibliothek"(publičnaja biblioteka), die Leihbücherei unddieVolksbibliothek. DieGründungen der "öffentlichen Bibliotheken"setztenin den 1820er und1830er Jahren ein. Sie wurden von derpolitischenFührung derAutokratie entschieden vorangetrieben, die aufdiese WeisederVolksaufklärung ("narodnoe prosveščenie"), derModernisierungderLandwirtschaft und der Stärkung der StaatsgemeinschaftVorschubleistenwollte (Rejtblat). Die Bilanz dieses Unternehmens bliebjedochzunächsthinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. DadieZusammensetzungder Bibliotheksbestände statt an den InteressenderLeser an denen deroffiziellen Stellen ausgerichtet war, hieltsichihnen die breiteLeserschaft anfangs fern, so dass sie auchihreaufklärerische Funktionkaum wahrnehmen konnten. Anders verhielt essichmit denLeihbüchereien. DieseprivatwirtschaftlichenBuchunternehmenentwickelten sich zum populärstenBibliothekstypus. Seitden 1860erJahren hat die demokratischeIntelligencija im Rahmen ihresProjektsder Volksaufklärung den Ausbauder Volksbibliotheken("narodnyjebiblioteki") bei den ländlichenVerwaltungen (zemstvo) undSchulengefördert. 1856 bestanden landesweiterst 49 Bibliotheken, 1882gab esschon 517 öffentliche -gemeinschaftlich und privat organisierte-Bibliotheken (ohne Angaben fürMoskau, Petersburg undeinigeGouvernements), und 1894 belief sich dieseZahl auf 792 (einschl.der96 Volksbibliotheken), wobei 1894 noch3.000Schulbibliotheken(priškol'nye biblioteki) hinzugerechnet werdenmüssen.[9] 1910 wurdedie Zahl der Leser in den städtischen Bibliothekenauf2,6 Millionen(ca. 11% der Stadtbevölkerung) geschätzt; zumgleichenZeitpunkt wurdedie Zahl der Leser in den dörflichenBibliotheken auf 3Millionen (ca.2,9% der Dorfbevölkerung) veranschlagt.[10]

Wie Studien zur Frauengeschichte aus der jüngsten Zeitgezeigthaben,spielten Frauen als Schriftstellerinnen,JournalistinnenundVerlegerinnen in der literarischen Kommunikationwährend derzweitenHälfte des 19. Jahrhunderts bereits eine erheblicheRolle, wobeisiesich erst gegen die gesellschaftlichen Konventionendieser Zeit,dieihnen die literarische Tätigkeit vorenthielten,durchzusetzenhatten.In den 1890er Jahren stellten Frauen ein Drittelder Vertreterderkünstlerischen und literarischen Berufen dar. [11]

Die Verstärkung des russischen Nationalbewusstseins wareinewichtigeVoraussetzung dafür, dass sich neben der Literaturtheorieseitdemersten Drittel des 19. Jahrhunderts die GeschichtederrussischenLiteratur als wissenschaftliches Fach herausbildete.IhrSchwerpunktlag ursprünglich auf der Erschließung, EditionundBeschreibung derQuellen zur altrussischen Literatur. 1804 entstanddie"Gesellschaftfür russische Geschichte und Altertümer"("Obščestvoistorii idrevnostej rossijskich"), die sich diesenAufgabenwidmete.Gleichzeitig erschienen die ersten Standardwerke zudiesemThema, soz.B. die "Geschichte der russischen Dichtung,überwiegend imAltertum"("Istorija russkoj slovesnosti, preimuščestvennodrevnej") vonS.P.Ševyrev. Seit der Regierungszeit Nikolaus I. wurde dieIntegrationderLiteraturwissenschaft in die akademische Forschung undLehre,dieEinrichtung von Lehrstühlen für russischeLiteraturundLiteraturgeschichte an den Universitäten gefördert. Um dieWendevonden 1830er zu den 1840er Jahren war dieser Prozess sogutwieabgeschlossen. Die methodische EntwicklungderLiteraturwissenschaftvollzog sich im 19. Jahrhundert im Wechselvonmythologischen,biographischen, kulturgeschichtlichenundhistorisch-vergleichendenSchulen und Richtungen.

In dem Maße, in dem die gesellschaftliche Bedeutung derLiteraturseitdem Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs, verstärkten sichauchpermanentauf Seiten des Staates die Bestrebungen, seine KontrolleüberdasLiteratursystem auszuweiten. Bereits 1802 wurden die bishervondenPolizeibeamten wahrgenommenen Zensurfunktionen denZensurkomiteesanden Universitäten übertragen, die sich aus ProfessorenundMagisternzusammensetzten. An der Spitze des ZensursystemwurdedieHauptverwaltung für Schulwesen (Glavnoe pravlenieučiliš?)geschaffen,eine Abteilung des Ministeriums für Volksbildung.DieseStruktur wurdedurch die Zensursatzung (zensurnyj ustav) von 1804nocheinmalausdrücklich bestätigt. 1811 wurde dasPolizeiministeriumebenfalls mitZensurrechten ausgestattet. Gleichzeitigwurden die OrganederMilitärzensur, vor allem aber der geistlichenZensur - das Komiteefürgeistliche Zensur (duchovno-cenzurnyj komitet)bei der HeiligenSynode- reorganisiert und verstärkt. Der entscheidendeUmbruch imZensurwesenfand in den Jahren 1826 und 1828 statt. In rascherFolgewurden zweiZensursatzungen verabschiedet, die ein neues Organ mitderLeitung desgesamten Zensursystems beauftragten: 1826 dasObersteZensurkomitee(Verchovnyj cenzurynj komitet), sei 1828dieHauptverwaltung für Zensur(Glavnoe upravlenie cenzury) beimMinisteriumfür Volksbildung. Seit1826 besaß ferner die III. AbteilungSeinerMajestät des ZarenHöchsteigenen Kanzlei ("Tret'e otdelenieSobstvennojJego carskogoVeličestva kanceljarii") Zensurrechte; und 1828wurde eineneue Satzungfür geistliche Zensur angenommen, die eineErweiterungihrerKompetenzen vorsah. Im Zuge der allgemeinenVerschärfungderInnenpolitik in den 1840er Jahren wurden ferner demnachseinemGründungsdatum benannten "Komitee des 2. April1848"Zensurbefugnissezugesprochen. In den 1860er Jahren fand danneineRestrukturierung undVereinheitlichung des Zensursystems statt.Seitdiesem Zeitpunkt lagdie Zensur im Kompetenzbereich vonzweiMinisterien: dem Ministeriumfür Innere Angelegenheiten unddemMinisterium für Volksbildung. ImRahmen des ersten war dafürdieSonderkanzlei des Ministers fürVolksbildung (Osobajakanceljarijaministra narodnovo prosveščenija),im Rahmen des zweiten derRat fürBuchdruckwesen des Ministers fürInnere Angelegenheiten (Sovetministravnutrennich del po delamknigopečatanija) zuständig. 1863 wurdediegesamte Zensurverwaltungschließlich dem Ministerium fürInnereAngelegenheiten übertragen. 1865fasste der Staat die RichtlinienfürZensur noch einmal neu; mitgeringfügigen Veränderungen behieltensiebis 1917 ihre Gültigkeit. DieZensur beaufsichtigte das gesamteBuch-,Zeitschriften undBibliothekswesen, die "hohe" wiedie"Massenliteratur"; sie war dazubefugt und in der Lage, als Vor-undNachtzensur in die literarischeKommunikation auf allenStadieneinzugreifen. Dies tat sie in Form vonStreichungen der"schädlichen"Textstellen, Publikations- undVerbreitungsverbot etc. IhreRollebeschränkte sich nicht alleindarauf, wie die Forschung etwa amBeispielder III. Abteilung gezeigthat: Sie übernahm gleichzeitigdie"Beobachtung" der Schriftsteller,ihre "Erziehung" im Sinnederpolitischen Loyalität und die"Propaganda" der offiziellenIdeologie(Rejtblat). Das Recht derhöchsten Zensur blieb im 19.Jahrhundert demZaren vorbehalten.

3.Für heftigste Debatten inderliterarischen Szene Russlands im 19.Jahrhunderts sorgte die Fragenachder Funktion der Literatur.Versuche, diese Funktion zubestimmen,wurden von verschiedenen -politischen, gesellschaftlichenundkulturellen - Standpunkten ausunternommen; sie waren mit demProzessder gesellschaftlichenAutonomisierung der Literaturunmittelbarverbunden. Seit dem Ende des18. Jahrhunderts haben auch inRusslandzahlreiche Vertreter derpolitischen und kulturellen Elitendieaufklärerische undzivilisatorische Funktion der Literatur stets indenVordergrundgestellt. Aus ihrer Sicht hatte die Literatur der"Einübungderzivilisierten Verhaltensweisen" (Elias) zu dienen undstellteihreVerbreitung in der Gesellschaft einen unentbehrlichenTeildesAufklärungs- und Zivilisationsprozesses dar. Diese Schichtenhabenauchdie repräsentative Funktion der Literatur als"Attribut"der"Gebildetheit" und "Aufgeklärtheit" eines Volkesentdeckt;wiezeitgenössische Schriften behaupteten, würden nur dieseVölker alsdie"gebildetsten" und "aufgeklärtesten" verehrt, die einehochentwickelteLiteratur vorweisen können. Als Folge sahen sie inderFörderung einerrussischen Literatur die Voraussetzung dafür,dassRussland in denKreis dieser Völker aufgenommen wird. Im UmkreisderrussischenRomantik war ferner eine auf die Rezeption derdeutschenPhilosophiezurückgehende Vorstellung verbreitet, dass dieLiteraturnicht nur einmodernes Volk zu repräsentieren, sondern auchseinen"Volksgeist"auszudrücken habe. In den Staats- undGesellschaftsreformenderDekabristen wurde für die Literatur diewichtige FunktionalsInstrument der öffentlichen Meinungsbildungvorgesehen.DerLiteraturkritiker V. Belinskij erklärte, die Literaturhabezurnationalen Identitätsstiftung des russischen Volksbeizutragen,mitanderen Worten, zum "Baustein der Nation" (Hosking) zuwerden.DieLiteratur habe eine "kritische Analyse der Gesellschaft" zubieten,zum"Lehrbuch des Lebens" (N. Černyševskij) und auf diese WeisezumMittelseiner Veränderung zu werden - mit dieser Forderunghatteschließlichdie Literaturkritik des russischen Realismus versucht,dieLiteraturauf den "Dienst für die Gemeinschaft" zuverpflichten.Eine"religiös-moralische Funktion" forderte derSchriftsteller L.Tolstojfür die Literatur ein. Auf Seiten derAutokratie wurde dieLiteraturvor allem unter dem Gesichtspunkt ihresrepräsentativenunderzieherischen Wertes betrachtet; sie hatte, wovonbereits obendieRede war, den zarischen Untertanen die richtigeGesinnungbeizubringen.Vertreter dieser Positionen waren bereit, dieLiteratur imRahmen ihrerAufklärungs- und Erziehungs-, ihrer"nationalen","autokratischen" und"(bürgerlich-)demokratischenProjekten" zu fördern.Die entsprechendenRollenentwürfe für denSchriftsteller sahen für ihndie Aufgabe eines"Beschützers" undgeistigen "Führers" (Belinskij),eines "Fürsprechersdes Volkes" und"Gewissens der Nation" (Tolstoj)vor. In dem Maße, indem die Literaturzur Ware auf dem Buchmarkt wurde,wurde sie zunehmendunter ihremökonomischen Aspekt gesehen. Schließlichhaben dieÄsthetikkonzepte dersogenannten "demokratischen"Literaturkritik denbesonderen ästhetischenErkenntnischarakter derLiteratur überhauptangezweifelt und rückten siein die Nähe derNaturwissenschaften, indemsie von ihr eine"wahrheitsgetreueWiedergabe" der historischenWirklichkeit verlangten;D. Pisarev wurdenach dem Titel einer seinerStudien ("Vernichtung derÄsthetik"("Razrušenie ėstetiki", 1865) als"Vernichter der Ästhetik"(Lauer)bezeichnet.

Diesen Konzeptualisierungen der Literatur, dieihrepolitische,gesellschaftliche, ökonomische und didaktischeFunktionihrerästhetischen Funktion überordneten, wurden aufSeitenderSchriftsteller die Vorstellungen entgegengehalten, die ihreundderLiteratur Autonomie gegenüber anderen Bereichen, derGesellschaftwieder Wissenschaft, in den Mittelpunkt stellten; so in derRomantik,fürdie u.a. die Betrachtung der Dichtung als OffenbarungdesIndividuumsund ein beharrliches Streben des SchriftstellersnachBefreiung auspolitischen und gesellschaftlichen Zwängen typischwaren.Im Gegenzugzur wachsenden Abhängigkeit der Literatur vomMarkt,intensiviertensich auch die Versuche der Schriftsteller, eineFunktionfür siejenseits ihres ökonomischen Zwecks zu finden.

4.ZuBeginn des19. Jahrhunderts bestanden in RusslandzweiLiteraturtraditionen - dieder "hohen" und die der"Massenliteratur". Inder "hohen Literatur" warvon den 1820er bis zu den1830er Jahren dieRomantik ("romantizm")vorherrschend; in den 1840erJahren wurde sie vomRealismus ("realizm")abgelöst, der das Profil derrussischen Literaturbis in die 1890erJahre hinein prägte. Im Vorfeldder romantischenBewegung im Russlandstand zum einen die RezeptionverschiedenerStrömungen der europäischenRomantik von der englischenDichtung Byronsbis zur deutschenPhilosophie Schellings und Herders, zumanderen derVaterländischeKrieg gegen Napoleon von 1812 undderDekabristenaufstand. Von ihrerSelbstauffassung her ist die Romantikalseine Protestbewegung gegendie Aufklärung mit ihrem Glauben andiemenschliche Vernunft und ihremdidaktischen Elan zu verstehen;somitrückt sie auch in die Nähe desSentimentalismus. In ihren Werkenbotendie romantischen Dichter undSchriftsteller einen Entwurf desMenschen,dessen Denken und Handelnvom Vor- und Irrationalen, vomGefühl, Traumund Magie beherrscht wird,d.h. allem, was die Vernunft inFrage stellt.Die Dichtung der Romantikwar eine "Dichtung desIndividuellen"; diesmeint nicht nur, dass siedas einzelne menschlicheIndividuum in ihrenMittelpunkt stellte; dasIndividuelle bezog sich hierebenso auf das"Volk" als eineeingeständige Bildung imMenschheitsgefüge, das als"schöpferischeWesenheit" (Lauer), eine eigeneKultur als Teil derWeltkulturhervorbringe. Der Mensch mit seinenLebens- undGeistesäußerungen sowiedas (russische) "Volk" werden in derRomantik zuden beherrschendenThemen. In der Nachfolge desSentimentalismus und des"Sprachstreits"der 1810er Jahre vollziehensolche Dichter wie A. Puškindenendgültigen Bruch mit der Sprache derrussischen Literatur, wiesiesich 18. Jahrhundert herausgebildet hat.Ihren starren, zum Teilnochdem Altkirchenslavischen verpflichtetenFormen, setzten siedenSoziolekt des adeligen Salons entgegen, den siespäterdurchallgemeinsprachliche Elemente erweitern. Zum konstitutivenElementderpoetischen Sprache der Romantiker werden solche TropenwieVergleiche,Metaphern und Symbole; denn nur so könnten siedemverborgenen, jamystischen Charakter der Welt poetisch überbringen.DerAusbruch derromantischen Dichter aus der Tradition hieß auchAusbruchaus derklassizistischen Regelpoetik, deren Gattungen wieOde,Lehrgedicht,Satire und Epistel für sie allmählich anBedeutungverloren. DasVorbild für die Gattungsinnovationen derRomantikerbildeten Formen derVolksdichtung, wie Verserzählungen, diesie im Zugeder Erschließungder russischen Folklore für sich entdeckten.

Mit dem Übergang von der Romantik zum Realismus in den1840erJahrenentwickelten die Schriftsteller eine zunehmend kritischeSichtauf diepolitische und gesellschaftliche Realität des ZarenreichesseitderMachtübernahme Nikolaus I.; ihr entsprach in der PhilosophiederWandelvom Idealismus zum Positivismus (Lauer). In der EntstehungderneuenLiteraturströmung hat die Literaturkritik eineausschlaggebendeRollegespielt. Černyševskijs Entwurf einer Ästhetik,den er inseinerDissertation "Die ästhetischen Beziehungen der KunstzurWirklichkeit"("Ėstetičeskie otnošenija iskusstva kdejstvitel'nosti",1855)darlegte, hatte zu seinen Kerngedanken den Satz"Das Schöne istdasLeben" ("Prekrasnoe jest' žizn'"), womit dem Lebenbzw.derWirklichkeit ein Vorrang gegenüber der Kunst eingeräumtwurde.Daranschloss sich jene Forderung von der oben bereits die Redewar:DieFunktion der Kunst habe in der kritischen Explorationundder"Abbildung der Wirklichkeit" nach dem Beispiel derWissenschaftzubestehen. Dies führte nicht nur zur VorrangstellungdesInhaltsgegenüber der Form; gleichzeitig fand ein Wandel indensprachlichenund poetischen Formen der Literatur statt. DerÜbergangzur"realistischen Methode" wurde allerdings nicht nur unterdemEindruckder ästhetischen Lehre Černyševskijs und seinerNachfolgervollzogen;vielmehr ist davon auszugehen, dass andere AutorendesrussischenRealismus auf ihrem eigenen Wege zu ähnlichenAnsichtengekommen sind(Lauer).

An der obersten Stelle der realistischen Gattungshierarchie,fürdieeine Dominanz der Erzählprosa kennzeichnend war, rangiertederRoman,auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung in den 1860er und1870erJahrendurch Autoren wie I. Turgenev, I. Gončarov, F. DostoevskijundL.Tolstoj vertreten. Sein thematischer Schwerpunkt lagaufdemProblemkomplex "Individuum und Gesellschaft" (Lauer), das esunterderBerücksichtung seiner vielfältigen Zeitbezüge zuuntersuchengalt.Dabei hat der realistische Roman, um den Eindruck vonderAuthentizitätseiner Darstellung zu erwecken, sprachlicheVerfahrenentwickelt, diesich an den Verfahren der"nicht-literarischenProduktion" (Städtke),an der "natürlichen Sprache"(Lotman)orientierten. Dies hatte einenprinzipiellen Verzicht auf Mittelder"poetischen Bildlichkeit" wieTropen, auf Mittel derpoetischenEtymologie und der poetischen Syntaxzur Folge. "Authentisch"hieß fürdie realistischen Schriftstellerferner auch "sozialeAuthentizität desSprachmaterials" (Lauer). Sieführten in die Spracheder LiteraturElemente der Umgangssprache undvon regionalen Dialektenein. Diesoziale und regionale Kennzeichnungder Figurensprache gehörtezu dentypischen Darstellungsverfahren derrealistischen Prosa. Zuihnenzählten außerdem die "Beschreibung", die"ökonomischeundsozial-psychologische Motivierung der Charaktere",der"personaleErzähler", die "Dominanz der Dialoge undDialogszenen"(Lauer). ImRealismus hatte der Leser einen anderenStellenwert, als inder starkauf die Person des Dichters bezogenenLiteratur der Romantik.Derrealistische Autor, so die Annahme, ist nichtnur umdie"Wahrhaftigkeit" des Textes, sondern auch umseine"kommunikativeBestimmtheit" (Ingarden) bemüht. Dies zeigt derBeispielder"Narodniki"-Literatur, die die Verständlichkeitbewusstanstrebt(Lauer). In dem Maße aber, in dem die realistischeLiteraturihreästhetische "Differenz" bezüglich der Nicht-Literaturzerstörte,liefsie gleichzeitig Gefahr, in dieser Nicht-Literaturaufzugehen. InderTat waren solche realistischen Gattungen wie"literarische Skizze",diesich in den 1880er und 1890er Jahrendurchsetzte, inihrer"Literarizität" kaum noch wahrnehmbar (Rejtblat).

2. Literarische Kommunikation zwischen ästhetischer Moderne und "Massenkultur": Das späte Zarenreich (1890-1917).

1. Aus der Sicht der Intelligencija häuften sich Endedes19.Jahrhunderts in Russland diepolitischen,wirtschaftlichen,gesellschaftlichen undkulturellenKrisenerscheinungen. Derrussisch-japanische Krieg und dieNiederlageRusslands 1905 spitztendie Situation noch weiter zu. DieStimmungslageder Intelligencijaschwankte zwischen der Einsicht, dassdas politischeundgesellschaftliche System des Landes reformbedürftigwar, undderapokalyptischen Vorahnung einer heranrückenden Katastrophe.InihrenKreisen und in der Presse, die unter ihrem Einfluss stand,wurdeeineheftige Polemik geführt; ihr Gegenstand war dierussischeGeschichte,das Weltbild des Rationalismus und derwissenschaftlicheFortschritt,die Rolle der Intelligencija und derKultur in derGeschichte undGesellschaft. Die "Umwertung aller Werte",die dieGesellschaft, vorallem ihre Eliten, erfasst hatte, betraf auchdieSchriftsteller.2. Inden Jahren zwischen 1890 und 1917 existierte inderLiteraturszene inRussland ein nebeneinander von Realismus,Symbolismus,Akmeismus undder Avantgarde, vertreten in erster Liniedurch denFuturismus.

In der Entwicklung des Lesepublikums waren in dieserZeitzweiTendenzen dominierend: die Entstehung einer elitärenLeserschicht,diemit dem Rezipientenkreis der zeitgenössischen,modernenLiteraturdeckungsgleich war; die Demokratisierung des Lesensals Folgedessteigenden Bildungsniveaus der sozialen Unterschichten,derEntwicklungdes Buchmarktes und des wachsenden Interesses amLesen(Rejtblat).

Um mit dem zweiten Abschnitt zu beginnen: Verlagshäuser wieWolfundMarks entwickelten sich zu modernen Unternehmen, diedemgehobenenliterarischen Massenpublikum eininhaltlichanspruchvolles,repräsentativ gestaltetes und erschwinglichesBuch zurVerfügungstellten. Die Versorgung der Leser aus dem"Volk"übernahmentraditionsreiche Großunternehmen wie Sytin. ZurProfilbildungdessozial-demokratischen Verlagswesens trug die 1898erfolgte GründungdesVerlages "Wissen" ("Znanie") entscheidendbei.SeinPublikationsprogramm von "Znanie" war durch dieIdeenderVolksaufklärung und der Demokratisierung des Lesensbestimmt.Hiersetzte sich das "Billigbuch" als Medium derLiteraturvermittlungdurch.Es machte die Leser aus den städtischen unddörflichenUnterschichtenmit der russischen Klassik sowiedergesellschaftskritischenzeitgenössischen Prosa bekannt. Auf demBereichdes Verlags- undZeitschriftenwesens entwickelten die neuentstandenliterarischenGruppen und Bewegungen eine regeGründungstätigkeit. Soriefen dieSymbolisten etwa den Verlag "Apollo"ins Leben. Im UmkreisdieserStrömung entstanden neue Zeitschriften, wie"Welt der Kunst"("Miriskusstva"), "Waage" ("Vesy"), das "Goldene Vlies"("Zolotoeruno") und"Apollo" ("Apollon"). Symbolistische Bücher wieZeitschriftenwaren vomsymbolistischen Konzept der "Lebenskunst"beeinflußt. Esforderte seineGestaltung nach den Prinzipien der Kunst,die"Ästhetisierung desLebens". Bücher und Zeitschriften hatten dieKunstnicht nur zu"vermitteln", sondern in der Einheit von InhaltundGestaltung zu"repräsentieren". Dem elitären Charakter desSymbolismusentsprach,dass ihre Buch- und Zeitschriftenpublikation einekleineAuflage hattenund sich an ein elitäres Publikum wandten.

Im Umkreis der symbolistischen Strömung und der Avantgardehattensichin dieser Zeit auch andere Formen derLiteraturvermittlungetabliert. Sofand im Rahmen des Konzepts der"Lebenskunst" dieRenaissance desliterarischen Salons statt. Zweisolcher Salons - der"Turm" ("Bašnja")von V. Ivanov und die"Religiös-philosophischeGesellschaft"("Religiozno-filosofskoeobščestvo") von D. Merežkovkijund Z. Gippius -sind im Umkreis derführenden Köpfe dieser Strömungentstanden; zu derenBesuchern zählteeine kleine Zahl vonAuserwählten. In den Salons wurdeder Versuchgemacht, "das Leben inKunst zu verwandeln"; in derProgrammatik des"Turms" stand außerdemdie Idee im Vordergrund, dass die"Ästhetisierungdes Lebens" nicht im"individuellen", sondern im"kollektiven" Akt derKunstproduktion und-rezeption vollzogen wird.Dieser Vorstellungentsprach, dass das"platonische Symposion" zurgrundlegenden Form derKommunikation imSalon wurde (Ebert).Symbolistische Verlage,Zeitschriften und einzelneBuchpublikationenwurden von russischenGroßindustriellen wie Poljakov,Rjabušinskij undanderen großzügigunterstützt. Da sie sich an einelitäres Publikumwandten und der"Massenproduktion" ihrer Werke derenVeröffentlichung inkleinenExklusivauflagen vorzogen, waren sie aufdieses Mäzenatentumangewiesen.Ganz anders die Futuristen, vor allemder Kubo-Futurismus.Sie suchtenden unmittelbaren Kontakt zwischen demSchriftsteller und demLeser,wollten die Dichtung aus der Enge derprivaten Sphäre, aus demSalon aufdie Straße führen. Mit ihrenaufseherregenden Performances aufdenöffentlichen Plätzen, die sichdirekt an "Lesermassen" wandten,schufensie neue Kommunikationsformen,die der individuellen Buchlektüreund demelitären Salongespräch derAuserkorenen diametral entgegengesetztwar.3.Der Vielfalt derliterarischen Gruppen und Strömungen entsprachauch dieVielfalt derAnsichten bezüglich der Funktion der Literatur undderRolle desSchriftstellers. Ihre Extrempositionen waren nichtmehrvermittelbar.So wies die "realistische Schule" in der Tradition des19.Jahrhunderts(v.a. L. Tolstoj) der Literatur einegesellschaftliche,moralische unddidaktische Funktion zu und legte dieSchriftsteller aufdie Rolle des"geistigen Lehrers der Gesellschaft"fest. DassymbolistischeGegenkonzept lautete, die Literatur vonsozialenBindungen, Didaktismusund moralischem Auftrag zu befreien undihrebesondere, "ästhetische"Funktion zu ergründen. Symbolistenbegriffendie Selbstäußerung desSchriftstellers als Zweck der Literatur;siebestanden - zumindest biszur Revolution von 1905 - auf einerstriktenTrennung der Ästhetik vonder Ethik. Während die Realisten denGrundsatzvertreten hatten "Wasgut ist, ist schön", kehrten dieSymbolistendiesen Grundsatz in seinGegenteil; für sie hieß es: "Wasschön ist, istgut".

Im Kultur- und Literaturmodell der Kubo-Futuristen hattedieLiteratureine entscheidende Rolle bei der "Zerstörung" der altenundder"Errichtung" der neuen Welt zu übernehmen. Die Futuristen, dieauchvomTechnikmythos beherrscht wurden, wiesen dem Schriftstellernichtnur dieRolle eines "Provokateurs des öffentlichen Geschmacks"undZerstörers derüberkommenden Welt, sondern auch dieeines"Handwerkers", "Technikers"und "Konstrukteurs" der neuen Weltzu(Städtke). Es liegt auf der Hand,dass damit nurExtrempositionenumrissen sind, schließlich gingen dieAuffassungen,selbst innerhalbein- und derselben Strömung, weitauseinander.4. Auchin andererHinsicht bildeten Realismus, Symbolismusund Futurismus keineEinheit.Zum literarischen Realismus gehörten soverschiedene Autorenwie L.Tolstoj und V. Korolenko, A. Čechov und L.Andreev, I. Bunin undB.Zajcev, deren poetische und ästhetische Modelleeine Synthesederrealistischen, romantischen undimpressionistischenElementendarstellten. Schließlich waren dieÜbergänge zwischenRealismus undSymbolismus in der Prosa dieserJahrzehnte fließend;beispielsweisekann das Werk von A. Remizov inbeiden ästhetischen undpoetischenSystemen verortet werden.

 

3. "Verstaatlichung der Literatur" und "Leserevolution". Literarische Kommunikation unter Bedingungen der "Diktatur des Proletariats" und des totalitären Staates (1917-1953)

1. Die Oktoberrevolution, die Neue Ökonomische PolitikunddieHerrschaft Stalins schufen neue Rahmenbedingungen fürdieliterarischeKommunikation und die Entwicklung der LiteraturalsSozialsystem. DerExodus der alten gesellschaftlichen undkulturellenEliten, der infolgeder Oktoberrevolution einsetzte, führtezur Spaltungder russischenLiteratur. Neben Literatur innerhalbSovjet-Russlandsbzw. derSowjetunion, von Fachleuten noch vor kurzerZeit als"Sowjetliteratur"bezeichnet, etablierte sich in den Zentrenderrussischen Emigration inEuropa, später auch in den USA, diesogenannte"Literatur derEmigration". In der Folgezeit fand dieEntwicklung derbeidenLiteraturen unter unterschiedlichengesellschaftlichenundinstitutionellen Rahmenbedingungen statt;entsprechendunterschiedlichwaren Selbstverständnis, inhaltliche undformaleEntwicklung, dieOrganisation der Produktion, Vermittlung undRezeptionder Literatur,ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft und ihrsozialerStatus. DerHerrschaftsanspruch der Bolschewiki bezog auchdieliterarischeKommunikation mit ein. Bei gezielter DurchsetzungwurdendieEntwicklungen seit Ende der 1920er Jahre zur grundsätzlichenWende.ImZuge von Stalins "Revolution von oben" wurde gleichzeitigmitderEtablierung der totalitären Herrschaftsform, derPolitisierungderGesellschaft und der Durchsetzung der PlanwirtschaftinmehrerenSchritten die "Verstaatlichung der Literatur"(Günther)vollzogen; indiesem Zustand verblieb sie bis zum BeginnderPerestrojka, obwohl esbereits nach dem Tode Stalins zahlreicheAnsätzeseitens derSchriftsteller dafür gab, sich aus der AbhängigkeitvomStaat zubefreien.2. In dem Maße, in dem es den Bolschewikigelungenwar, sichan der Macht zu behaupten, machten sieihrenpolitischenFührungsanspruch auch auf dem Bereich der Literaturgeltend.Seit denersten Tagen nach der Oktoberrevolution wurde dasSystemderliterarischen Kontrolle und Lenkung, einschließlichderZensurausgebaut. Als seine oberste Behörde fungierte die 1919insLebengerufene Abteilung für Propaganda und Agitation des CK VKP(b).1922erfolgte die Gründung der Hauptverwaltung fürAngelegenheitenderLiteratur und der Verlage (Glavnoe upravlenieliteratury iizdatel'stv,Glavlit), seither oberste Zensurbehörde für dieLiteratur.

Obwohl die "Verstaatlichung der Literatur" bereits inden1920erJahren voranschritt, gab es noch immer eine literarischeSzenemiteiner Vielzahl von Schriftstellergruppen; die bedeutendstenunterihnenwaren Proletkul't, "Schmiede" ("Kuznica"), Linke Front derKunst(LEF),"Gebirgspass" ("Pereval"), "Serapionsbrüder"("Serapionovybrat'ja")und die Russländische Assoziation derproletarischenSchriftsteller(RAPP). Dabei betrafen die Unterschiede inihrerProgrammatik, wie imfolgenden noch zu zeigen sein wird, sowohlFragender aktuellen Politikals auch die der thematischen, formalenundfunktionellen Entwicklungder Literatur im sowjetischen Staat.

Die Bolschewiki betrieben eine Bildungspolitik, die unteranderemdieBeseitigung des Analphabetismus zu ihrem Ziel hatte;siebetrachtetendie Literatur als ein wirksames Instrumentzur"Konstruktion" des "neuenMenschen" und dersozialistischenGesellschaft, das Lesen als einwichtiges Attribut dersowjetischen"Zivilisation" ("kul'turnost'"). Siesollte allseitiggefördert werden,auch durch den Ausbau des Buch- undBibliothekswesensund, seit den1930er Jahren, des Literaturunterrichtsin den Schulen. Sieschuf dieVoraussetzungen für sowjetische"Leserrevolution" (Lovell):DieVerbreitung des Lesens in den Arbeiter-und Bauernschichten unddermassenhafte Anstieg der Zahl der Leserwährend der 1930er und1940erJahre. Zwar können die Lese- undSchreibkundigen mit dentatsächlichenLesern von Literatur nichtgleichgesetzt werden - der Kreisderletztgenannten ist in der Regelviel schmaler (Rejtblat); daaberstatistischen Daten zu dentatsächlichen Lesern fehlen, ist manaufVergleichstatistiken zurBildungssituation in Russlandangewiesen.Während die Volkszählung von1926 den Anteil der Analphabetenan derBevölkerung (über 9 Jahre) auf48,9 % bezifferte [12] ,hieltbereits die Volkszählung fest,dass 81,2% der Bevölkerung über 9Jahreund 89, 1% der Altersklassezwischen 9 und 49 Jahren zudiesenZeitpunkt lesen und schreibenkonnten; aus Volkszählung von 1959gehtschließlich hervor, dass derAnteil der Analphabeten unterderBevölkerung im Alter von 9 bis 49Jahren nur noch1,6%darstellte. [13] 

Als Institutionen der Literaturvermittlung haben derBuchmarkt,dasZeitschriftenwesen und die Bibliothek ihre Rolle auchnach1917behalten. Dabei war ihre Entwicklung in diesen Jahrenvondreigrundlegenden Tendenzen gekennzeichnet:Umstrukturierung,quantitativerAufbau und politische Kontrolle. Sowurden bereits in denersten Jahrennach der Revolution die gesamte Buch-undZeitschriftenproduktion indas staatliche Eigentum überführt; durchdieGründung desStaatsverlages 1919 (Gosudarstvennoe izdatel'stvo)triebensie fernerdie staatliche Monopolisierung des Buch- undPressemarktesentschiedenvoran. Selbstauflösung bzw. gewaltsameLiquidierungvorrevolutionärerVerlage und Zeitschriften und Gründungneuer an ihrerStelle war diezweite Stufe der strukturellen Neuordnungdes Buch- undPressewesensnach der Revolution. So entstanden zu Beginnder 1920erJahrezahlreiche neue "dicke Zeitschriften", von denen einige,wie"Novyjmir", "Zvezda", "Molodaja gvardija", "Oktjabr'" bis indiejüngste Zeitihre Bedeutung in der literarischenKommunikationbehielten. Auf dieallseitige Förderung seitens der Parteiund desStaates, die spätestenszu Beginn der 1920er Jahre einsetzte,gingferner die quantitativeEntwicklung des Buch- undZeitschriftenwesenzurück. Über dieEntwicklung der Buchproduktionzwischen 1914 und 1938gibt folgendeStatistik Aufschluss. Während 1914die Gesamtzahl aller imRussischenReich veröffentlichten Titel 32.000betrug, belief sie sich1927 auf33.000 und erreichte 1933 44.000; nacheiner kurzenZwischenphase umdie Mitte der 1930er Jahre, als dieBuchproduktionzurückging,erreichte sie gegen 1938 wiederum eine Ziffervon 40.000.Dieentsprechenden Zahlen für die Gesamtauflagen derBuchproduktionlautenfür das Jahr 1914 130 Mio. Exp., für 1928 265 Mio.und für 1938693Mio. Exemplare [14]  Ein quantitativesWachstum war auchinder Produktion von schöngeistiger Literatur zuverzeichnen; wurden1921gerade 308 Titel auf den Markt gebracht, sostieg diese Zahl 1928auf5.516 Titel. [15]  Dieser Trendsetzte sich in derzweitenHälfte der 1930er Jahre weiter fort, nachdemzuvor auchdieliterarischen Buchproduktion zeitweilig stagniert hatte.FürdieEntwicklung der Gesamtauflagen der Zeitschriften in den1920erbis1950er Jahren liegen keine repräsentative Zahlen vor. Mansetzt fürsieein quantitatives Wachstum beim gleichzeitigen Rückgang derZahlderZeitschriften an. Für das Jahrzehnt zwischen 1946 und 1957weistdieStatistik Auflagensteigerung bei der Zeitschrift "Novyj mir"(jeHeft)von 61.000 im Jahr 1946 auf 140.000 im Jahr 1957aus;ähnlicheWachstumsraten wiesen auch andere"dickeZeitschriften"auf. [16] 

Umstrukturierung, quantitativer Aufbau undpolitischeKontrollebestimmte nach 1917 auch die EntwicklungdesBibliothekswesens. DaBibliotheken wichtige Aufgaben in derErziehungder Bevölkerungübernehmen sollten, wurden sie bereits in denerstenMonaten nach derRevolution unter staatliche Aufsicht gestellt.AlsFolge deroffiziellen Politik, die auf eine gezielte FörderungderBibliothekenangelegt war, hat sich ihre Zahl alleine zwischen 1929und1939 mehrals verdoppelt (von 29.000 auf 77.600); ihrgesamterBuchbestand wuchsin dieser Zeit von 72 Mio. auf147Mio. [17]  Abgesehen vonBuch-, Presse- undBibliothekswesengab es weitere Möglichkeiten, dieLiteratur an die Leserzu bringen. Sowurden in den 1920er Jahren voneinigen Vertretern derAvantgarde, denenes insbesondere darauf ankam,die "revolutionärenMassen" an derProduktion der Literatur unmittelbarzu beteiligen,Dichterlesungen auföffentlichen Plätzen veranstaltet.Formen derLiteraturvermittlung warenauch Literaturabende und Bühnen-,Rundfunk-und Kinoadaptionen vonliterarischen Werken.

Literaturkritik und Literaturwissenschaften blieben auchnach1917wichtige Rollen im institutionellen Gefüge desLiteratursystems.Dabeiwar die Literaturkritik in den 1920er Jahren nochsehrstarkpolarisiert; sie zerfiel in verschiedene Lager undkonntesowohlPositionen der Partei und des Staates als auchdereinzelnenliterarischen Gruppen vertreten, vergleichbares galtfürdieLiteraturwissenschaft.

Hatten Institutionen des Literatursystems in den 1920erJahrennocheine gewissen Autonomie, so ging sie im Zugederstalinschen"Revolution von oben" verloren. Im April 1932 wurdenallebis dahinbestehenden Schriftstellervereinigungen aufgelöst unddereinheitlicheVerband der sowjetischen Schriftsteller (Sojuzsovetskichpisatelej(SSP)) gegründet. Das bereits bestehende InstitutderliterarischenZensur wurde einer strukturellen Reorganisationunterzogenund seit1931 konsequent ausgebaut. Das private Verlags- undDruckwesenwurdeliquidiert, die gesamte Buch- undZeitschriftenproduktion instaatlicheHand überführt und aufplanwirtschaftliche Grundlagenumgestellt, ihrebisherige Leitung durchneue, politisch loyale undlenkbare Kaderersetzt. In den folgendenJahrzehnten unterstand dasgesamteLiteratursystem - der Schriftsteller,der Leser, jedeInstitution derLiteraturvermittlung, die Literaturkritikund dieLiteraturwissenschafteinem strukturell undfunktionalausdifferenzierten staatlichenKontroll- und Lenkungsapparat.An dessenSpitze stand das CK VKP (b)und seine Abteilungen für AgitationundPropaganda; zu seinenStrukturen gehörten Justiz-,Gerichts-,Staatssicherheits- undPolizeiorgane und die Zensur, vertretensowohldurch den Glavlit alsauch durch die Verlags-undZeitschriftenredaktionen; sie standen ineinem vielseitigenstrukturellund funktional begründetenAbhängigkeitsverhältnis zueinanderundkonnten in die literarischeKommunikation auf allen Ebenen - d.h.sowohlin die Produktion, alsauch in die Vermittlung und die RezeptionderLiteratur -intervenieren. Auch der SSP stelltekeineInteressenvertretung derSchriftsteller dar, sondern war in dasSystemder Literaturlenkungstrukturell und funktional eingebunden.

3.Inden 1920er Jahrengingen die Meinungen darüber, welche FunktiondieLiteratur in dersoeben entstehenden sowjetischen Gesellschaftzuübernehmen hatte, weitauseinander. Zwei Grundpositionen lassensichausmachen. Die erstewurde von den Anhängern der proletarischenGruppenund den Futuristenvertreten. So räumten Proletkul't und"Kuznica" der"Erziehung des"neuen Menschen"" und der "Errichtung derkommunistischenGesellschaft"Priorität gegenüber allen anderenFunktionen der Literaturein.Futuristen im Umkreis Majakovskijserklärten die LiteraturzumInstrument der "Revolutionisierung des Welt",womit sieallerdingsnicht die "banale" Erziehung des Menschen meinten,sonderndie"Revolutionisierung des Bewußtseins" durch Zerstörungder"Schablonen",der "eingefahrenen Schemen" der Wahrnehmung unddesDenkens; derKünstler, dem diese Aufgabe zufallen sollte, war fürsieein"Ingenieur", ein "Konstrukteur" der neuen Welt(Eimermacher).DieserAuffassung widersprachen andere Schriftsteller,wofür dieMitgliederder "Serapionovy brat'ja" stellvertretend genanntseien. Siestrebtendie Rückbesinnung der Literatur auf das Individuuman; ausihrer Sichtsollte ihre Funktion darin bestehen, einen - wennauch"fiktiven" -Raum für die "Selbstäußerung" des Individuums zuschaffen.

An diesen Debatten waren Partei und Staat, vertretendurchFunktionäreunterschiedlicher Couleur, beteiligt.Ihre"Konzeptualisierungen" derLiteratur, die in der TraditionderAufklärung und der demokratischenKritik des 19. Jahrhundertsverfasst,gleichzeitig aber auch durch diezeitgenössischen,proletarischen wiefuturistischen Gruppen geprägtwaren, postuliertenebenfalls einepolitische und didaktische Funktionder Literatur. Siehatte derErziehung des sowjetischen "neuen Menschen"ebenso zu dienenwie derpolitischen und gesellschaftlichen Integration,der Errichtungeinerneuen Gesellschaftsordnung, einer neuensowjetischen"Zivilisation";der sowjetische Schriftsteller sollte zum"Ingenieur dermenschlichenSeele" werden. Die Festlegung der Literaturund desSchriftstellers aufdiese Funktion stellte einenwesentlichenBestandteil der"Verstaatlichung der Literatur" um die Wendevon den1920er zu den1930er Jahre dar; sowohl in der Stalin-Zeit selbstalsauch in denJahrzehnten danach war sie allen anderenBestimmungenübergeordnet.

4. In den 1920er Jahren zeichnete sichdierussische Literatur noch durcheine bemerkenswerte Vielfalt aus.Wennauch politisch loyal gegenüberPartei und Staat, nahmendieverschiedenen literarischen Gruppen inthematischen und erst rechtinpoetischen und ästhetischen Fragen starkdivergierende Positionenein.So fanden sich hier Vertreter desliterarischen Realismus,späteNachfolger des Symbolismus, Imaginistenund Anhängerunterschiedlicheravantgardistischer Strömungen. DieserEntwicklung wurdeAnfang der1930er Jahre mit der Erklärung desSozialistischen Realismuszur"Hauptmethode" der sowjetischen Literatureine Ende gesetzt, indenfolgenden zwei Jahrzehnten hat er das Profildieser Literaturgeprägt.Obwohl die Schlüsselbegriffe seinerProgrammatik, Poetik undÄsthetik imwesentlichen bereits im Zuge derkulturpolitischen Debattender 1920erJahre formuliert wurden, istseine Etablierung in derLiteratur undKunst ein Ergebnis sowjetischerKulturpolitik gewesen.Dabei hat dieStaats- und Parteiführung seitBeginn der 1930er Jahreversucht, ihn alsDoktrin durchzusetzen, mitTerror und geschickterKaderpolitik, mitZensur und Literaturkritik,auch mit Unterstützung ausReihen derKultureliten, wobei sie auch denHinweis auf den Geschmack des"neuenLesers (Zuschauers, Zuhörers)" alsLegitimationsstrategiebenutzte(Günther, Dobrenko).

Der Sozialistische Realismus lässt sich "idealtypisch"alseine"Methode" der Literatur und Kunst (Günther) beschreiben:Siedefiniertesich durch die ideologischen Postulateder"Parteilichkeit","Volkstümlichkeit", der "revolutionären Romantik"unddes "positivenHelden", eine charakteristische Themen- undMotivauswahl,einebestimmte Poetik, StilformationundGattungshierarchie(Produktionsroman, Erziehungsroman,historischerRoman, Roman-Epopöe),einen gesellschaftlichenErziehungsauftrag und diepolitischeIndienstnahme des Schriftstellersals "Ingenieur dermenschlichenSeele". Allerdings waren die Vorgaben unddie KategoriendesSozialistischen Realismus - anders als es dasInterpretationsmodellderTotalitarismustheorie noch vor einigen Jahrenimplizierte -wedereindeutig noch zeitlos, sein Text- und Regelkanonweder starrnochgeschlossen. Denn obwohl der sozialistische Realismusden "mainstream"in der Literatur der Stalin-Zeit bildete, kann vonseiner"totalitärenHerrschaft" nicht gesprochen werden. Jenseitsdieseroffiziellgeförderten Literatur und größtenteils auch jenseitsderliterarischenÖffentlichkeit bestand eine "Literatur im Schatten"fort,die ihreeigenen Themen hatte und ihre eigene Poetik undÄsthetikhervorbrachte.

Die Rede von der "Verstaatlichung der Literatur" undder"Durchsetzungdes Sozialistischen Realismus" meinte vor allemdieliterarischeKommunikation auf der Ebene der "hohenLiteratur".Zwischen 1917 und 1953war jedoch auch der Bereich dersogenannten"Massenliteratur" einemtiefgreifenden Wandel unterworfen.Seit den1920er Jahren hatten Parteiund Staat die "Massenliteratur"vehementbekämpft. Werke dieser Literaturaus vorrevolutionärer Zeitgehörtennach der Oktoberrevolution zu denersten Opfern derliterarischenZensur. Im literarischen Diskurs derdarauffolgendenJahrzehntenspielte die Polemik gegen die "bourgeoiseMassenliteratur"des"kapitalistischen Westens" eine erhebliche Rolle.Dabei handelteessich zugleich um eine Negativfolie des SozialistischenRealismus,dersich als "Literatur für die Massen""und""Nicht-Massenliteratur"präsentierte. Die schärfste Vorwurfdersowjetischen Schriftsteller undder Literaturkritik gegendieMassenliteratur war, dass sie dieUnterhaltungsfunktion derdidaktischenFunktion überordnete und zur"Verdummung des Lesers" führte.Trotzseines Anspruches, "hoheLiteratur" zu sein und zu ihrem Kanonzugehören, wies derSozialistische Realismus in WirklichkeitzahlreicheZüge von"Massenliteratur" auf; dazu gehörte seinAuftragscharakter,dieauffallende Überpräsentation der kanonischen undklischeehaftenFormenin seiner Sprache und Poetik, die Rezeption seinereinzelnenWerke, dievon einem Massenpublikum gekauft, gelesen und zuseinen"Kultbüchern"wurden, und nicht zuletzt ihre - wenn auchnichtbeabsichtigte -Unterhaltungsfunktion (!).

5. Zwar hattendieBolschewiki zuBeginn der 1920er Jahre fast alle InstitutederliterarischenVermittlung unter ihren Einfluss gebracht, undmittelsZensur versucht,die literarische Kommunikation zu kontrollieren;docheinen "masterplan" (Fitzpatrick), wie die neue"proletarischeLiteratur" zu schaffenund das Verhältnis zwischen derLiteratur und demStaat zu regeln sei,besaß sie offensichtlich nicht.Allediesbezüglichen Vorstellungen derStaats- und Parteiführung warenzuBeginn der 1920er Jahre nochreichlich vage. So kooperierte sie baldmitder einen bald mit deranderen literarischen Gruppe; erst gegen dasEndeder 1920er Jahre, alsihr eigenes literaturpolitisches KonzeptKonturengewann, ging sie dazuüber, einige, in erster Linie die RAPPbewusst zufördern. Bis dahinblieb der Schriftsteller in der Wahl derThemen, derSprache und derpoetischen Verfahren weitgehendunbeeinflusst. Dasprivate Verlagswesenim Inland, das infolge derReprivatisierungswelleder NÖP kurzfristigeinen Aufschwung erlebte, undVerlage der russischenEmigration imAusland stellten eine - zwarbescheidene, aber auch ausstaatlicherSicht durchaus legitime -Alternative zum Gosizdat dar.

Dies sollte sich seit dem Beginn der 1930er Jahre radikaländern.AufSeiten der Produktion fand die "VerstaatlichungdesSchriftstellers"statt: Der Schriftsteller wurde in den DienstdesStaates gestellt, zum"Ingenieur der menschlichen Seele" erklärtundmit der Erziehung des"Sowjetmenschen" beauftragt. Er hatte denInhaltund die Form seinesSchaffens an den aktuellen politischenundliteraturpolitischen Vorgabenvon Partei und Staat sowie an derneuen"Literaturmethode" ("metodliteratury") auszurichten, als welchederSozialistische Realismus zuBeginn der 1930er Jahre "erfunden" undaufdem I. Kongress dersowjetischen Schriftsteller 1934 proklamiertwurde.Obwohl sich dieAufrufe von Partei- und der Staatsfunktionären andieSchriftstellerhäuften, ihre literarische Produktion an den"Interessendes Lesers"auszurichten, bestand für sie in der Tat kaumeineMöglichkeit, dies zutun. Denn bei den "Interessen der Leser", diederStaat gegenüber demSchriftsteller vorbrachte, handelte es sich inderRegel nicht umtatsächliche Leserinteressen, die durchrepräsentativeErhebungenermittelt worden wären, sondern um"Wunschvorstellungen" desStaates;und die Interessen der Leser wiederum,die in Briefen andieSchriftsteller artikuliert wurden, konnten nurberücksichtigtwerden,wenn sie mit den Interessen des Staatesübereinstimmten. DerBuchmarktund die Literaturkritik hatten ihreeigenständige Rolleebenfalls sogut wie verloren, fungierten alsVertreter der Interessenvon Parteiund Staat, als Instrumente derKontrolle und Lenkung. ZumbestimmendenFaktor der literarischenProduktion wurde die literarischeZensur: Alsadministrativer Eingriff,um die geltenden politischen,poetischen,ästhetischen Normendurchzusetzen, wie als mentaler Akt,alsAntizipation "möglicher Norm"durch den Schriftsteller selbst. Inden1930er Jahren gingen die Parteiund der Staat zur regelrechten"Formungdes sowjetischen Schriftstellers"(Dobrenko) über. DieseAufgabe oblagnicht nur Literaturkritik undSchriftstellerverband,sondern auch denspeziell dafür eingerichtetenInstitutionen; diebekannteste unterihnen war die Gork'ij-Hochschule fürLiteratur(Literaturnyj institutimeni Gor'kogo), die 1932 auf Beschlussdes Ratesder Volkskommissare(SNK) gegründet wurde. Die politischeKonformitätdes Schriftstellersentsprach auch seinen ökonomischenInteressen. Dennunter denBedingungen der staatlichen Planwirtschaft,die den StaatzumArbeitgeber des Schriftstellers machten, war dieZusammenarbeitmitdiesem Staat Vorbedingung für materiellen WohlstandundsozialenAufstieg. Umgehend belohnte der Staat WohlverhaltendurchdieVerleihung der Stalinpreise für Literatur, durchZuteilungvonWohnungen und Datschen und andere Vergünstigungen.

An den Interessen des Staates waren auch Buchmarkt,ZeitschriftenundBibliothekswesen ausgerichtet. Der Staat und dieZensurkontrolliertendie Verlags- und Zeitschriftenpläne; siebestimmten,welche Autoren,welche Titel und in welcher Auflageerscheinen dürfen;sie konnten dieVeröffentlichung eines Buches odereiner Zeitschrift inder Druckphaseaussetzten; sie führten regelmäßigSäuberungen imBuchhandel durch. DerStaat machte Vorgaben hinsichtlichderBeschaffung und Katalogisierungder Bücher in den Bibliotheken;dieBibliothekszensur sorgte für dieReinhaltung ihrer Beständevonpolitisch, moralisch und anderweitig"schädlichen" Literatur undnahmSäuberungen vor. Das gesamteliterarische Buchangebot orientiertesichan den allgemein- undkulturpolitischen Zielen; WerkerussischerKlassiker, sofern den neuenAnforderungengenügten,"kritisch-realistischen" ausländische LiteraturundsowjetischeLiteratur des Sozialistischen Realismus dominierten(Beyrau).Einbestimmter Teil dieser BuchproduktionentsprachtatsächlichLeseinteressen der sowjetischen Bevölkerung, ihremWunschnachUnterhaltung. Doch die typische Erscheinung der Stalin-Zeitwar,dassinfolge der politischen Lenkung, desPlansystems,seiner"Tonnenideologie", seiner Selbstgefälligkeit Angebotund dieNachfrageauf dem Buchmarkt weit auseinander klafften.

4. Versuchte "Re-autonomisierung" und "Leserboom". Literarische Kommunikation im Tauwetter und Stagnation (1953-1985)

1. Der Wandel in Gesellschaft und Kultur, der sichnach1953abzeichnete, schuf Bedingungen, unter denen sichdasLiteratursystem,die Funktionsbestimmungen der Literatur, ihreThemen,Poetik undÄsthetik, das Grundmodell der literarischenKommunikationveränderten.

2.Für die Entwicklung desLiteratursystems nach1953 waren folgendeTendenzen kennzeichnend. Diezunehmende"Liberalisierung" deroffiziellen Literaturpolitik, die dieallgemeinepolitische Wende mitsich brachte, schuf die Voraussetzungenfür denAufbruchunterschiedlicher Gruppen und Strömungen in derliterarischenSzene.Zwar stellten sie das Primat der offiziellenIdeologie nicht inFrage,doch ihre Positionen bezüglich der Thematik,der Poetik undÄsthetikder Literatur, ihrer Funktionsbestimmung in derGesellschaftwichennicht nur sehr stark voneinander, sondern auch vondenen derPartei unddes Staates ab. Der weitere Anstieg desBildungsniveaus,dieEtablierung des "Lesens von Literatur" alskultureller Norm durchdassowjetische Projekt der "kul'turnost'" und dassoziale Prestige,dassich mit dieser Tätigkeit verband, führten dazu,dass der KreisderLeser sich in dieser Zeit permanent erweiterte; in denzweiJahrzehntennach Stalins Tod, so zeigten die statistischenErhebungenderLeserforschung, fand ein wahrer "Leseboom" statt(Lovell).Gleichzeitigdamit schritt die Ausdifferenzierung nachLesergruppen,nachLektüreinhalten, -erwartungen und -haltungen voran(Lovell).Währendsich die Landschaft des literarischen Verlagswesensnach 1953wenigveränderte, war im Buch- und Zeitschriftenwesen eindeutlicherTrend zuWachstum und Ausdifferenzierung zu verzeichnen. ZuBeginn der1960erJahre zerfielen die literarischen "dickenZeitschriften" in zweiLagergespalten; "Westler"-Zeitschriften (wie"Novyj mir") liefertensich mitden "Slavophilen"-Zeitschriften, wie("Naš sovremennik") eineregePolemik über die Zukunft der russischenKultur. Die Zahl allerTitel(Broschüren und Bücher) ist zwischen 1950und 1986 von 43.000auf83.500, die Gesamtauflage aller Bücher undBroschüren von 821 Mio.auf2,2, Milliarden. [18] Betrug der Anteil derschöngeistigen Literaturanden gesamten Buchproduktion 1956 noch 30%, sobelief es sich1986bereits auf 50%. [19] Die Auflagen der "dickenZeitschriften"stiegenzwischen den 1950er und 1980er Jahren jeZeitschrift von etwa100.000Exp. auf 250.000 ("Naš sovremennik") und650.000 ("Molodajagvardija")Exp. [20] Auch die Zahl der öffentlichenBibliotheken nahmnach 1953nahm weiterhin zu; ihre Bedeutung für dieVermittlung vonLiteraturging allerdings zurück (Lovell). Eine wachsendeZahl dersowjetischenBürger begann, ihre eigenen Bibliotheken anzulegen;einespäteFolgeerscheinung der staatlich lanciertensowjetischen"kul'turnost'"war, dass die Privatbibliothek zumStatussymbol dessowjetischenBürgers wurde. In der gleichen Zeit fandauch dieBibliophilie großeVerbreitung (Lovell). In der LiteraturkritikundderLiteraturwissenschaft wurden diePositionendermarxistisch-leninistischen Methodologie zunehmenderschüttert unddietheoretische und methodische Differenzierung schrittvoran.

3.WährendStaat und Partei auch nach 1953 die politischeund didaktischeFunktionder Literatur und die Rolle des Schriftstellersals "Ingenieurdermenschlichen Seele" in den Vordergrund stellten,warenSchriftstellerund Literaturkritik bereits dabei,alternativeKonzeptionen zur Funktionder Literatur und desSchriftstellers zuentwickeln. Während die einendie Funktion derLiteratur in der"kritischen Analyse der Gesellschaft",im "Dienst" fürsie entdeckten,wobei sie die Gesellschaft nicht mehrmit dem Staatgleichsetzten, undden Schriftsteller wiederum als den"Diener derGesellschaft"betrachteten, hatten andere Autoren (z.B.dieLianozovo-Gruppe)versucht, ihre eigene Rolle und die FunktionderLiteratur jenseits vonderen politischen, gesellschaftlichenunddidaktischen Bezuges zuergründen; sie strebten danach, dieLiteraturvon anderengesellschaftlichen Teilbereichen abzukoppeln,fordertenihre"Individualisierung" und stellten ihre besondere,d.h.ästhetischeFunktion in den Vordergrund.

4. Folgt mandemsowjetischenLiteraturdiskurs, der von der LiteraturkritikundLiteraturwissenschaftgestützt wurde, so blieb derSozialistischeRealismus nach 1953 die"Hauptmethode derSowjetliteratur". Doch in derTat setzte mit dem TodeStalins derlangsame Abschied vomSozialistischen Realismus ein; imGegenzug schrittihre thematische undformale Ausdifferenzierungunaufhaltsam voran. NebenAutoren, derenWerke in der Tradition des"klassischen Realismus" des 19.Jahrhundertsstanden, machten radikaleNeurer auf sich aufmerksam, dieeinen Bruchnicht nur mir dem Sprach-,Poetik- und ÄsthetikmodelldesSozialistischen Realismus, sondern jedesRealismus vollzogen; ineineraktiven Rezeption der russischenAvantgarde und ihrerExperimente,entwarfen sie innovative ästhetischeKonzepte, Sprachformenundpoetische Verfahren: Sie gelten alsWegbereiter derrussischenPostmoderne. In den drei Jahrzehntenzwischen 1953 und 1985entwickeltesich auch eine neue sowjetische"Massenliteratur", unteranderemvertreten durch die Gattungen desKriminalromans und sciencefiction.

5.Zwar blieb die offizielleIdeologie für die Literaturnach wie vorverbindlich; beanspruchtenPartei und Staat weiterhin dieFührungsrolleauf dem Feld derLiteratur; blieben alle InstitutionendesLiteratursystems - dieSchriftsteller, die Leser, dasBuch-,Zeitschriften- undBibliothekswesen, die LiteraturkritikundLiteraturwissenschaft - derKontrolle und Lenkung durch dieZensurunterworfen; wurde weder die"Formung des Schriftstellers" nochdie"Formung des Lesers" aufgegeben,wurden abtrünnige SchriftstellermitPublikationsverboten, mitHaftbefehlen undGerichtsverurteilungen(Brodskij-Prozess,Sinjavskij-Daniėl'-Prozess) und- als neue Form derVerfolgung - mitder Landesausweisung (FallSolženicyn u.a.) geahndet;blieb der Anteilder politisch opportunenLiteratur unter allenBuchpublikationen nachwie vor hoch; wurde derWiderspruch zwischenAngebot und Nachfrage aufdem Buchmarkt nichtbehoben. Doch auf deranderen Seite waren Zeichendes Neuen unübersehbar.Dazu gehörten: Die"Liberalisierung" deroffiziellen Literaturpolitik;die allmählicheEmanzipation desSchriftstellers von der Partei und demStaat, dieZurückdrängung ihresEinflusses auf die literarischeProduktion; dieEntwicklung einer neuenLiteratur, die sowohl bisherverbotene Themenzur Sprache brachte alsauch, wovon bereits oben dieRede war, mit demSprach- und Formenkanondes Sozialistischen Realismusbrach; dieNeubestimmung der Funktion derZeitschriften und derLiteraturkritik inder literarischenKommunikation, ihr Wandel vombloßenVermittlungsmedium und einemInstrument der staatlichenLiteraturlenkungzu einem im Vergleich zurStalin-Zeit relativ autonomenForum fürpolitische, gesellschaftlicheund literarische Debatten; dieAnsätze zurUmstrukturierung derliterarischen Buchproduktion nach demökonomischenLeistungsprinzip undihre zunehmende Ausrichtung an denInteressen desSchriftstellers unddes Lesers; die Wiederbelebung einersoziologischorientiertenLeserforschung; das Entstehen vonalternativen"staatsfreien" Formender Literaturvermittlung, wie"Samizdat" und"Tamizdat" und Schaffungvon Voraussetzungen für dieVerbreitung deroffiziell verbotenenLiteratur in der sowjetischenGesellschaft; derwachsende Anteil dersowjetischen "Massenliteratur"(Kriminalromane überdie Miliz, sciencefiction) unter allenBuchpublikationen; der Rückgangdes Interesses ander Literatur desSozialistischen Realismus auf Seitender Leser undihr steigendesInteresse für eine Literatur, die denwestlichenStandards für"Massenliteratur" entsprach. DieseErscheinungen undTendenzen zeigten,dass sich die literarischeKommunikation nach 1953von einer "fremd"- zueiner "selbstgesteuertenKommunikation"entwickelte.

6. Nach 1953erhielt die Literatureinen hohengesellschaftlichen Status. Doch ihrefunktionale Bestimmunghat sichzumindest in einer Hinsicht grundsätzlichverändert: UnterdenBedingungen des "Tauwetters" und der "Stagnation"wurde dieLiteratur -wie die Literatur des 19. Jahrhunderts zur TrägerinderOpposition -der Gesellschaft gegen den Staat, des IndividuumsgegendieGesellschaft.

 

5. "Entstaatlichung" und zweite "Leserrevolution": Literarische Kommunikation während der Perestrojka und des Zusammenbruchs (1985-2000)

1. Perestrojka und Glasnost', der Zerfall dersozialistischenStaats-,Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, dieallmählicheDurchsetzung derpolitischen Demokratie und der freienMarktwirtschaftzogen grundlegendeVeränderungen in der literarischenKommunikationnach sich.2. Diewichtigste dieser Veränderungen bestanddarin, dassseit der Mitte der1980er Jahre die kommunistische Parteiund dersowjetische Staat ihreBedeutung als Subjekte derliterarischenKommunikation verloren. DasSystem der Literaturkontrolleund -lenkungzerfiel; mit dem Verbot derkommunistischen Partei 1991verlor seineoberste Behörde - dieideologische Abteilung des CK KPSS -jeglichenEinfluss. Noch im gleichenJahr wurde nach fast siebzig JahrenseinesBestehens Glavlit aufgelöst.Vieles spricht dafür, dass sichJustiz-,Gerichts- undStaatssicherheitsorgane aus dem literarischenProzessweitgehendzurückzogen. Zu Beginn der 1990er Jahre war derbisherigeVerband dersowjetischen Schriftsteller zerfallen; die anseiner StelleentstandenenSchriftstellervereine warenInteressenvertretungen derSchriftsteller undnicht länger Instrumenteder Literaturlenkung.

Der Zerfall des sowjetischen Systems derLiteraturkontrolle-und-lenkung bedeutete jedoch nicht, dass sichdieliterarischeKommunikation von nun an "staats- und zensurfreien"Raumvollzog. Seitdem Beginn der 1990er Jahre ist die Rolle, diedieInstitutionen desneuen russischen Staates, die politischen ParteienundGruppierungen inder literarischen Kommunikation spielen,wiedergewachsen. Bereits 1991erfolgte die Gründung einer ReiheneuerBehörden, die zwar nach außenhin suggerieren, keine ideologischundpolitisch motivierte Zensur mehrauszuüben, sondern lediglichdie"Wahrung der Staatsgeheimnisse" zugewährleisten, in WirklichkeitaberZensurfunktionen wahrnehmen. Sobestand seit 1990 dieHauptverwaltungfür die Wahrung desStaatsgeheimnisses in der Presse undanderenMasseninformationsmedien(Glavnoe upravlenie po ochranegosudarstvennojtajny v pečati i drugichsredstvach massovoj informacii(GUOT)); 1991wurde an ihrer Stelle dieAgentur zum Schutz derStaatsgeheimnisse indenMasseninformationsmedien beim Ministerium fürInformation undPresseder UdSSR (Agentstvo po zaščite gosudarstvennychtajn v SMIpriMinisterstve informacii i pečati SSSR) gegründet. 1992wurde dieneueGesetzgebung über das Staatsgeheimnis verabschiedet.Darüberhinausbesitzt der neue russische Staat bis in die Gegenwarthineindiegrößten Eigentumsanteile in der Druckindustrie; seit 1992tritt ermitFörderprogrammen als Sponsor privater Verlage auf. Beideseröffnetihmdie Möglichkeit, Zensur in Form von ökonomischemDruckauszuüben.Dennoch kann nicht davon gesprochen werden, dassdiepolitische Führungdes heutigen Russlands einen Führungsanspruch aufdemBereich derLiteratur erhoben hätte, der mit dem der BolschewikinachderOktoberrevolution vergleichbar wäre.

Die wachsende Bereitwilligkeit der politischen Führung,dieeinstigen"Ingenieure der menschlichen Seele" in die Freiheitzuentlassen, unddie Emanzipationsbestrebungen der Schriftstellerführtendazu, dass esihnen in den fast zwei Jahrzehnten seit dem BeginnderPerestrojkagelungen ist, ihre Autonomie in der Gesellschaftundgegenüber dem Staatdurchzusetzen. Im gleichen Maße, in demderpolitische Druck auf dieLiteratur nachließ, konnte sich inRusslandein vielfältigesliterarisches Leben wieder entfalten; der BerufdesSchriftstellerswurde tatsächlich zu einem freien Beruf. Aufderanderen Seite führtedie Aufkündigung der ökonomischen Verhältnisseunddie Entstehung einesprivatwirtschaftlich organisiertenliterarischenBuchmarktes dazu, dassder Schriftsteller vom Markt undseineraktuellen Konjunktur abhängigwurde; die "KommerzialisierungderTätigkeit des Schriftstellers" (Berg)wurde zu einer weiterentypischenErscheinung der 1990er Jahre. Siebrachte eine ernsthafteGefährdungdes materiellen und sozialen Statusmit sich. Gleichzeitigdamitentstanden neue literarische Gruppen undGruppierungen, diedieliterarische Szene in drei große Parteien,die"Prowestlichen","Prorussischen" und "Apolitischen" spaltete.

Die Situation des Lesers seit der Mitte der 1980er Jahrewarvonfolgenden Tendenzen gekennzeichnet. Während die Zahl der Leserindenersten Jahren der Perestrojka, als sich das BücherangebotdurchTitelzu brisanten Themen der Geschichte und Gegenwartpermanenterweiterte,zunächst wuchs, war seit dem Beginn der 1990erJahre einrückläufigerTrend zu verzeichnen. Das sinkende LebensniveauderBevölkerung, derkulturelle Wandel, greifbar auch im PrestigeverlustdesLesens, derSiegeszug der neuen Medien, wie HiFi, Video, Computer,dieeinalternatives Kulturangebot darstellten, führten dazu, dasssichdieZahl der Leser verringerte. Zugleich hielt jedoch die alteTendenzzurAusdifferenzierung verschiedener LesergruppennachLektüreinhalten,-erwartungen und -haltungen an, wodurch fürdenBuchmarkt neueHerausforderung entstanden.

Der Entstehung eines auf privatwirtschaftlicherBasisorganisiertenBuchmarktes ging ein langjähriger Prozess voraus, derinder zweitenHälfte der 1980er Jahre einsetzte und in den ReformendesBuchmarktes,die die Gorbačev-Führung in Angriff nahm,seinenAusgangspunkt hatte.Auf die Druckkultur, darunter die Literatur,beiden avisiertenpolitischen und gesellschaftlichenUmgestaltungangewiesen, versuchtedie Regierung, Verlagswesen undBuchhandelteilweise aufprivatwirtschaftliche Grundlagen umzustellen,ohne dasstaatlicheMonopol bereits grundsätzlich aufzugeben. Die KluftzwischenAngebotund Nachfrage sollte zunächst durch ErweiterungderSelbständigkeit derStaatsbetriebe, erst in der FestlegungderPublikationspläne (1986),dann der Buchpreise (1991) geschlossenwerden,durch Zulassung privaterUnternehmen und Öffnung derBuchproduktion zumrealen Leser, durchsoziologische Ermittlungen vonLeseverhalten undLeserinteressen. Alsdiese Reformen jedoch Anfang der1990er Jahre anihre Grenzen stießenund es immer offensichtlicher wurde,dass dasstaatliche Monopol aufden Buchmarkt eine Stabilisierung aufDauerverhinderte, sah man sichdazu veranlasst, der Privatisierungvölligfreie Hand zu geben. Imheutigen Russland ist der Buchmarkteinwichtiges Faktor dersogenannten "ökonomischen Zensur"(Žirkov).Vergleichbares gilt für dasZeitschriftenwesen. Auf der anderenSeitemachten sich im Buch- undZeitschriftenwesen seit dem Beginn der1990erJahre Zeichen einerbeunruhigenden Entwicklung bemerkbar. War dieZahlallerveröffentlichten Titel und ihre Gesamtauflage in derzweitenHälfte der1980er Jahre um mehrfaches gestiegen, so begann siejetzt zustagnierenund schließlich rasant zu sinken. Dafür sprachenfolgendeZahlen: 1992fiel die Zahl aller veröffentlichter Titel auf28.000 undlag somitunter dem Niveau von 1913; für die Gesamtauflagenaller Bücherwarzwischen 1991 und 1995 ein Rückgang von 2 Billionen auf470Millionenzu verzeichnen. [21]  Auch der AnteilderschöngeistigenLiteratur ging ständig zurück; 1992 bildete sielediglich19,8% allerveröffentlichten Titel. [22]  Schließlichhattefür dieliterarische Kommunikation in Russland nochschwerereKonsequenzen.dass zwischen 1991 und dem letzten Quartal 1992der Anteilder imOriginal russischsprachigen Literatur an denGesamtauflagen von40,6%auf 15,1% zurück ging. [23]  Erst umdie Mitte der1990erJahre gelang es wieder, ihren Anteil zu heben. Hinzukam eingroßesGefälle zwischen Zentrum und Provinz. So wurden 1998 über50%allerTitel und 70% aller Auflagen in Moskau publiziert, und 80%allerinMoskau produzierten Bücher, wurden inMoskauauchverkauft. [24] 3. Eine neue ErscheinungdesliterarischenLebens nach 1985 war, dass Partei und StaatnachanfänglichenVersuchen, die Literatur und den Schriftsteller fürdiePerestrojka zugewinnen, keine weiteren Klimmzüge machten, ihreFunktionzudefinieren. Schriftsteller und Literaturkritiker hattenjedochnochEnde der 1980er Jahre an die Literatur appelliert, siesolleeinerseitsder kritischen Aufarbeitung der Vergangenheitdienen,andererseits denWeg zu einer neuen, reformiertenSowjetgesellschaftöffnen. Hiermitwurde zum wiederholten Male in derrussischen Geschichteversucht, dieLiteratur auf eine gesellschaftliche,didaktische undmoralischeFunktion festzulegen. In der gleichenTradition steht A.Solženicyn,der die Literatur und die Schriftstelleran ihre moralischeFunktionund ihren gesellschaftlichen Auftragwiederholt erinnerte. AufandererSeite hat es in den letzten zweiJahrzehnten an Versuchennichtgefehlt, die traditionsreiche Bindung derÄsthetik an dieEthikaufzulösen und ein literarisches Schreiben jenseitsseinespolitischen,gesellschaftlichen und moralischen Dienstes zubegründen.Damit gingeine Überschreitung der thematischen und formalenTabus indenliterarischen Texten einher, wurden geistige Behinderung,Gewaltundpervertierte Sexualität unverhohlen zur Sprachegebracht.AndereSchriftsteller entdeckten die Alternative zumgesellschaftlichenimIndividuellen, Privaten und Intimen (Lauer).4. Diethematischeundformale Differenzierung in der russischen Literatur, dienach1985weitere Impulse erhielt, macht sie mit der Literatur um dieWendevom19. zum 20. Jahrhundert vergleichbar. Spätestens seit demEndeder1980er Jahre existiert der Sozialistische Realismus nur nochindenpoetischen Verfremdungen der Postmoderne und inder"Massenliteratur";das Bild der Literatur prägen stattdessenverschiedene, von denprogrammatischen Ansätze her sichwidersprechendeliterarischeStrömungen, vom Realismus bis zur"Konzeptkunst". Setztedie Literaturder Perestrojka noch mit Werken ein,die sich derkritischenBetrachtung der Vergangenheit und der Gegenwartwidmeten unddemRealismus verpflichtet waren (Astaf'ev, Ajtmatov,Rybakov,Pristavkin),so hat nur wenige Jahre später ein Umbruch imästhetischenParadigmastattgefunden (Lauer). Die sogenannte "andereProsa" (Popov,Sorokin,Pelevin, Jerofeev) meldete sich mit neuen Themenzu Wort, dieallebisherige politische, moralische, sexuelle Tabusverletzten.IhrProtest richtete sich auch gegen die ästhetischeTradition; sobrachsie nicht nur mit den Klischees des sozrealistischenErzählens,sondernauch mit denen des Realismus, der zum WegbereiterdesSozialistischenRealismus erklärt und somit für ihnmitverantwortlichgemacht wurde.Vertreter der sogenannten "Konzeptkunst"(Sapgir, Cholin,Nekrasov,Rubinštejn, Prigov) gingen soweit, den Autorals SinnschöpferdesTextes, die abbildende Funktion der Sprache unddenüberkommenenTextbegriff in Frage zu stellen; sie sprengtendensprachlichenZeichenrahmen eines literarischen Textes, indem sie inihnoptische undvisuelle Zeichen einbauten. Von der politischengagiertenLyrik(Jevtušenko) zur Dichtung der "neuen Welle" undschließlichzurreligiösen Dichtung, von den traditionellen poetischenFormenzurZerstörung des überkommenen Reimen und Metren, zum verslibre(Ajgi)und zur visuellen Dichtung (Kedrov, Nikonova) - damit istderWegangedeutet, den die russische Dichtung seit den1980erJahrenzurücklegte. Vergleichbare Tendenzen sind imTheaterdramazubeobachten, wo sich seit Beginn der 1980erJahrePublizistik,Psychologismus und "absurdes Theater"nacheinanderablösten. Einanderer markanter Zug der literarischenEntwicklung seitdem Beginn derPerestrojka ist das sogenannte "weiblicheSchreiben",vertreten durchAutorinnen wie Tokareva, Petruševskaja,Tolstaja undUlickaja; dabeibleibt nach wie vor die Frage offen, worindie besondere"weiblicheQualität" dieses Schreibens besteht.

 

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Stand: Mai 2003
Letzte Änderung: 10. Juni 2003
mail-Adresse des Autors: laantipo@phil.uni-erlangen.de
Digitales Handbuch Geschichte und Kultur Russlands
 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 


[1] Vgl.: Rejtblat, Kak Puškin vyšel v genii, S. 14.
[2] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 10
[3] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 14f.
[4] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 26.
[5] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 15.
[6] Vgl.: Andreeva, Knižnoe delo, S. 414.
[7] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 15.
[8] Vgl. dazu: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 15.
[9] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 16.
[10] Vgl.: Rejtblat, Ot Bovy k Bal'montu, S. 16.
[11] Vgl.: Petrow-Ennker, Russlands "Neue Menschen", S. 268.
[12] Vgl.: Anweiler, Ruffmann, Kulturpolitik der Sowjetunion,S. 42.
[13] Vgl.: Anweiler, Ruffmann, Kulturpolitik der Sowjetunion, S. 50.
[14] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 99.
[15] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 99.
[16] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 310.
[17] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 99.
[18] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 136.
[19] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 139.
[20] Vgl.: Beyrau, Intelligenz und Dissens, S. 139.
[21] Vgl.: Lovell, Russian Reading Revolution, S. 128.
[22] Vgl.: Lovell, Russian Reading Revolution, S. 138.
[23] Vgl.: Lovell, Russian Reading Revolution, S. 134.
[24] Vgl.: Lovell, Russian Reading Revolution, S. 141.

 
   

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