Stefan Troebst, Leipzig

1. Wozu Kulturstudien Ostmitteleuropas?

Kulturstudien Ostmitteleuropas haben zum Ziel, eine spezifische Kultur verstehen zu lernen und dabei zu erfahren, wie das Verstehen fremder Kulturen generell vor sich geht. Zugleich kann das Verstehen einer anderen Kultur zu einem besseren Verständnis der eigenenführen. Wer dergestalt zwischen zwei Kulturen agiert und vermittelt,erwirbt neben Sprach- und Regionalkenntnissen interkulturelle wieinterpersonelle Kompetenz, die in einer Vielzahl von Berufsfeldernnachgefragt wird.

Ostmitteleuropa ist dabei weder ein essentieller noch einstatischer, sondern ein konstruierter sowie fluktuierender Begriff[-> (3)]. Der politischen Geographie nach ist Ostmitteleuropaderzeit die von der Rußländischen Föderation im Osten sowieDeutschland, Österreich und Italien im Westen eingerahmte Gruppe vonStaaten von Estland bis Albanien, von der Ukraine bis zur TschechischenRepublik. Dem war nicht immer so: Das Ostmitteleuropa der frühenNeuzeit hatte deutlich kompaktere Konturen, dasjenige derZwischenkriegszeit ebenfalls, und im Zeitraum 1795-1918 sowie erneut1939-1944 war Ostmitteleuropa als Staatenlandschaft auf der politischenLandkarte Europas nicht existent, da von Imperien überlagert bzw.besetzt. Was gegenwärtig das östliche Mitteleuropa bzw. – je nachPerspektive: – das westliche Osteuropa darstellt, schließt Südosteuropaund weite Teile Nordosteuropas mit ein. Ihnen gemeinsam ist, daß sieheute Schauplatz der Rückgängigmachung des gesellschaftspolitischenExperiments "Sozialismus" sind – ein Prozeß, der in Gestalt einerdoppelten, gar dreifachen Umgestaltung stattfindet: In allen Staatender Region werden die "alten" Eigentumsverhältnisse und politischenSysteme durch "neue" abgelöst, während einige Staaten durch Sukzessionbzw. Sezession ihrerseits neu- bzw. wiederentstanden sind. Indeutlicher Abgrenzung von der primär ökonomischenTransformationsforschung haben Ethnologie und Zeitgeschichtsforschunghierfür den paradigmatischen Begriff "Postsozialismus" geprägt(Postsozialismus 2002).

Kulturstudien ist ein im Umfeld der Philologie entstandenes junges Fach, dessen Untersuchungsgegenstand Kultur in einem breiten, ja alltäglichen Sinne – entsprechend dem französischen Terminus civilisation oder dem englischen way of life– ist (Fisch 1992). Kultur, so ein Definitionsversuch neueren Datums,"umfaßt die Gesamtheit der Gewohnheiten eines Kollektivs" (Hansen 1995,15). Bereiche der eigentlichen Hochkultur wie E-Musik, die Malerei derAvantgarde oder experimentelles Theater spielen entsprechend nur eineuntergeordnete Rolle. Als Untersuchungsrahmen innerhalb derPhilologie stellen Kulturstudien eine beträchtliche Erweiterung überdas Feld literatur- und sprachwissenschaftlicher Themen hinaus inRichtung Politik, Kommunikation, Alltag, Wirtschaft u. a. dar.Vergleichbares gilt auch für das Verhältnis zwischen Kulturstudien undden auf Ostmitteleuropa bezogenen area studies, hier vor allemder Zeitgeschichtsforschung. Während jedoch die klassischenhistorisch-philologischen Universitätsfächer Slavistik undOsteuropäische Geschichte an erster Stelle Verfügungswissen produzieren, ist das "Produkt" der Kulturstudien regulativ und handlungsorientiert, besteht aus Orientierungswissen sowie Orientierungskönnen (Mittelstrass 1991, 37). Die Kombination von interkulturellem tacit knowledgeund aktiver interpersoneller Kommunikationsfähigkeit zielt dabei sowohlauf die Befähigung zu kritischer Analyse als auch zugleich aufdiejenige situativen Handelns (Scholl-Simon 2001). Und persönliches,durch Erfahrung, Übung und Individualität erworbenes Wissen ist dasentscheidende Plus über allgemein zugängliche Information hinaus(Frühwald 2001, 50). Der idealtypische Absolvent des FachesKulturstudien ist folglich ein sozialer Akteur, der über "a range ofskills – lingustic, non-verbal, social – as well as specific knowledgeof a country and society (savoirs) and the capacity to extend that knowledge in new communication situations (savoir-apprendre)"verfügt (Byram 1997, 61). Kulturstudien sind daher ungeachtet ihrer"akademischen" Bezeichnung ein hochgradig praxistauglichesForschungsparadigma und somit berufsqualifizierendes Studienfach. Inder Perspektive des Personal Management multinationaler Firmen etwa istdie Fähigkeit sich mit den Gepflogenheiten eines Landes vertraut machenzu können – neben Fremdsprachenkenntnissen und der Erfahrung, aufeigenen Beinen zu stehen – Hauptkriterium zur Beurteilung derAuslandserfahrung von Bewerbern (Kunkel 2001, 60). Entsprechend hatbeispielsweise die ganz auf Informationstechnologie undWirtschaftswissenschaften spezialisierte private Neugründung International University in Germanyals einziges geisteswissenschaftliches Fach Kulturstudien mit dem Ziel"to enhance students' communicative, cultural and cognitive competence"in ihr Lehrprogramm aufgenommen (Cultural Studies 2001).

2. Was sind Kulturstudien Ostmitteleuropa?

Die auf Ostmitteleuropa fokussierte philologische Forschung in ihrerdominierenden slavistischen Ausprägung operiert mit einem breitenVerständnis dessen, was ihre Gegenstände sind und was ihreUntersuchungsregion ist. Die slavische Literaturwissenschaft beziehtdabei Gesellschaftsgeschichte, intellectual history undPhilosophie ebenso ein wie die slavische Sprachwissenschaft Fragen vonSprachkontakt, Sprachpolitik, Sprachnationalismus und entsprechendSprachkonflikt behandelt. Wenn die Kulturstudien dennoch nicht bloßeauxiliare Landeskunde der Slavistik sind, dann liegt dies an ihremgänzlich anders gearteten inhaltlichen, methodischen, regionalen und disziplinären Zugriff:

In inhaltlicher Hinsicht fragen die Kulturstudien unterAnwendung eines weiten, dynamischen und disziplinenübergreifendenKulturbegriffs in historischer Perspektive nach den Bestimmungsfaktorenfür das gegenwärtige "Aussehen" der Untersuchungsregion sowie für dieunterschiedlichen Arten diese wahrzunehmen. Zentraler Ansatzpunkt istdabei das "Scharnier" zwischen Vergangenheit und Gegenwart, also dieFrage, was das eine mit dem anderen, gar mit der Zukunft, zu tun hat.Dabei wird Ostmitteleuropa in "entorientalisierender" Perspektivebetrachtet sowie die "Entokzidentalisierung" dessen betrieben, was in"abendländisch"-patronisierenden Sicht als die Elle "EU-Europas" gilt.

In methodischer Hinsicht basieren Kulturstudien auf denSäulen von Vergleich, Vielfalt und Multidisziplinarität. Diekomparative Methode schließt dabei sowohl kontrastive Vergleiche wiedie Untersuchung trans- bzw. interferentieller kultureller Prozesseein. Vielfalt, also Methodenpluralismus, meint ein breites Spektrum anVorgehensweisen, das von empirischer Feldforschung über Text- undDiskursanalyse bis hin zu Theoriebildung reicht. Multidisziplinaritätschließlich heißt, daß im Prinzip alle geistes-, staats- undsozialwissenschaftlichen Fächer für die Zielsetzung der Kulturstudienaktivierbar sind. Die Methode, Vorgefundenes wie Vorgestelltes durchVergangenes und Vergleich vielfältig zu erklären, bietet zudem auf demWeg der "Schubumkehr" – und bei aller gebotenen Vorsicht! – dieMöglichkeit partieller Extrapolation in die Zukunft hinein. Nichtzufällig hat die US-amerikanische Sozialanthropologin Katherine Verderyihre gesammelten Aufsätze über das in Transition befindlicheOstmitteleuropa unter den Titel What Was Socialism and What Comes Next?gestellt (Verdery 1996). Dabei ist nicht nur die letzgenannte, sonderngerade auch die erste Frage dieses Buchtitels bislang weitgehendunbeantwortet. Dasselbe gilt für die Frage danach, was die prägendenMerkmale der Transformationsdekade waren bzw. weiter sein werden.

In regionaler Hinsicht gehen Kulturstudien Ostmitteleuropasproblemorientiert, d. h. mit flexiblen, gleichsam pulsierendenAbgrenzungen vor, die über Kategorien wie "Sprache", "Nation" oder"Staat" hinaus greifen. Im Vordergrund stehen dabei von der sozialen,ökonomischen, demographischen, rechtlichen, ethnischen, religiösen oderkulturellen Struktur abgeleitete Regionalisierungen. Der vorgefundenewie vorgestellte Raum mit seinen multiplen und potentiellkonfliktträchtigen territorialen Bezügen und die diesen Raumausfüllenden Gesellschaften und Ökonomien mit ihren spezifischenEntwicklungspfaden in die Moderne sowie der frappanten Fähigkeit zunachholender Entwicklung und Adaption an Transition sind zentraleUntersuchungsgegenstände. Der Bildung von Wir-Gruppen und derKonstruktion von Territorialität in der ostmitteleuropäischenBinnensicht, also den entlang von Inklusion und Exklusion gezeichnetenkognitiven Karten der Akteure, kommt dabei besondere, mesoregionale, d.h. national(staatlich)e Bedeutung zu. Anders die von den Kulturstudienselbst angelegte Außensicht: Mikroregion und Makroregion sind hierebenso Vergleichsgrößen wie die politisch-historische RegionOstmitteleuropa als ganze in ihrem Verhältnis zu anderen GroßregionenEuropas – hier vor allem zu angrenzenden wie "Rußland", dem"Ostseeraum", oder "Westeuropa" –, aber auch zu vergleichbaren anderenmetageographischen Einheiten wie etwa der "Levante", "Skandinavien"oder zu "Europa" selbst.

In disziplinärer Hinsicht stoßen KulturstudienOstmitteleuropas in die Lücke, die vor allem in den Staats- undSozialwissenschaften bezüglich Osteuropas klafft. Anders alsgeisteswissenschaftliche Disziplinen wie Philologie und Geschichtehaben Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie,Rechtswissenschaft, Geographie, Ethnologie oder Religionswissenschaftkeine regional ausgerichteten Subdisziplinen ausgebildet bzw. diese mitdem Ende des Kalten Krieges institutionell wieder abgebaut. Sicher sindpolitisch gesehen so zentrale Parameter wie Rechtskultur, sozialeStruktur und Eigentumsverhältnisse an der Elle des acquis communautaireder EU zu messen – historisch zu "erklären", mittels Empathie zu"verstehen" und kulturell zu "re-konstruieren" sind sie mit diesemMaßstab jedoch nicht. Dazu bedarf es unbedingtregionalwissenschaftlicher Spezialisierung.

3. Ostmitteleuropa – le mot et la chose

Die Ereignisse des Epochenjahrs 1989 in Polen, Ungarn und andernortshaben, wie schon angedeutet, eine doppelte, partiell gar dreifacheUmwälzung zur Folge gehabt: In allen Staaten der Region erfahrenseitdem Eigentumsverhältnisse und politisches System eine zwischenRevolution und Reform oszillierende "Refolution" (Garton Ash 1989), unddie jugoslawischen, sowjetischen und tschechoslowakischen Föderationenzerfielen – und zerfallen wohl weiter – in eine Vielzahl neuer Staaten.Diese multiplen Transitionen haben die Konturen eines bei alleroffenkundigen Diversität doch durch "subkutane", da historisch bedingteGemeinsamkeiten geprägten Raumes deutlich hervortreten lassen.Terminologisch hat sich dies im deutschen Sprachraum in Begriffen wie"Zentraleuropa", "Mitteleuropa", "östliches Mitteleuropa","Ostmitteleuropa", "Ost-Mitteleuropa", "Ost- und Mitteleuropa","Mittelosteuropa", "Mittel- und Osteuropa" oder – gemäß der Diktion desAuswärtigen Amtes: – "MOE-Staaten" niedergeschlagen. Während imEnglischen mit "East Central Europe" bzw. dem bedeutungsgleichen"Central and Eastern Europe" ein in Medien und Politik gleichermaßengebrauchter Konsensterminus gefunden wurde, ist dies in Deutschland,Österreich und der Schweiz nicht geschehen: Wer den besagten Raumzwischen EU und RF meint, verwendet nicht unbedingt denOstmitteleuropa-Begriff, und wer dies explizit tut, kann durchauslediglich eine Teilmenge meinen – etwa die sogenannten Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die Slowakei. Allerdings findet das anglogermanische Begriffstandem "East Central Europe"/"Ostmitteleuropa"trotz seiner beschriebenen Viskosität ein sprachliches wie inhaltlichesGegenstück nicht nur in den russischen, französischen und italienischenRegionalbegriffen Central'naja i Jugo-Vostočnaja Evropa, Europe centrale et orientale und Europa centro-orientale,sondern partiell auch in Ostmitteleuropa selbst, wie die polnischen,ungarische, litauischen, lettischen, estnischen und rumänischenTerminie Europa Środkowo-Wschodna, Közép-Keleteurópa, Vidurio Rytu Europa, Vidus un Austrumeiropa, Kesk- ja Ida-Euroopa und Europa Est Centrală belegen. Tschechen und Slowaken hingegen präferieren den Begriff "Mitteleuropa” (Střední Europa bzw. Stredná Európa),meinen damit aber im wesentlichen dasselbe wie ihre Nachbarn mit"Ostmitteleuropa". Entsprechend zählt die 1989 von der damaligenTschechoslowakei, Polen und Ungarn aus der Taufe gehobene"Mitteleuropäische Initiative" (Central European Initiative) zu ihren 16 Mitgliedsstaaten mittlerweile auch Albanien, Makedonien und Belarus’.

Mit dem Geographiehistoriker Hans-Dietrich Schultz ist bei alldiesen Raumvorstellungen und -begriffen darauf hinzuweisen, daß "diematerielle Ding-Welt und die immaterielle Sinn-Welt sichnicht wie Realität und Abbild, sondern wie zwei verschiedenen Weltenverhalten" (Schultz 2001). Ihm zufolge "sind" Räume nicht, sondern"werden gemacht", und entsprechend erscheint die besagte "Ding-Welt"nur als sozial gedeutete Welt von Belang (Schultz 1997 & 2000). MitBlick auf historische Räume kommt auch dieGeschichtswissenschaft zu dem Ergebnis, daß diese weder durch Natur undGeographie noch durch die geschehene Geschichte eindeutig determiniertsind, sondern mit ihren Grenzen und Konnotationen Produkte kognitiverAkte sind, mit denen Historiker vergangene Wirklichkeit räumlichordnen, ja "kartographieren" (Kocka 2000, 164).

Der mainstream der historischen Osteuropaforschung indes sieht dies anders: In dieser Perspektive ist "Ostmitteleuropa" eine Kontakt-, Transfer- und Übergangszonesui generis zwischen europäischem Westen und Osten – neben"Südosteuropa", "Nordosteuropa" und "Rußland" – und damit eine der viergroßen Regionen osteuropäischer Geschichte, (Zernack 1977, 33-41). Dasöstliche Mitteleuropa nimmt sich in dieser Sicht nicht als bloßesKonstrukt von Historikern, Geographen oder Kulturmorphologen, sondernals eine "Realität" aus, die sich an markanten strukturellenGemeinsamkeiten dingfest machen läßt (Schramm 2000, 122). Unter den vomFrühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert postulierten raumspezifischenStrukturelementen, die Ostmitteleuropa zu einer Geschichts- undKulturregion machen, werden dabei genannt: Christianisierung, Bildungvon Nationes-Staaten, deutscher Landesausbau und jüdische Besiedlung imMittelalter; libertäre Ständegesellschaften der "langen" frühenNeuzeit; Großmachtdominanz und Sprachnationalismus des 19.Jahrhunderts; sowie Kleinstaatenwelt und Sowjetisierung im 20. (Bahlcke1999, 59). Diese Sichtweise hebt vor allem auf einmittelalterlich-frühneuzeitliches Ostmitteleuropa ab, das die Länderder ungarischen Stephanskrone, die böhmischen Länder sowie denpolnischen Teil des polnisch-litauischen Unionsstaats umfaßte. Einweiterer Begründungsanker ist das zwischen der UdSSR und dem DeutschenReiches gleichsam eingeklemmte "Zwischeneuropa" der Zwischenkriegszeit.

In Kontrast dazu problematisiert ein anderer Teil der historischenOsteuropaforschung mit Blick auf das genannte Wechselverhältnis vonBefund und Konstruktion vor allem die letztgenannte Komponente. Der priëm "Ostmitteleuropa" wird entsprechend als eine artifizielle Wortschöpfung bzw. als ein wissenschaftlicher Kunstbegriff charakterisiert(Müller 1990, 2), dessen Reichweite auf einem mittleren Niveau zuveranschlagen ist (Jaworski 1992, 45). Der Gefahr, bei der Formulierungvon Fragestellungen und der Auswahl von Untersuchungsgegenständen indie Falle der Selbstreferentialität zu tappen, ist sich dieser Teildurchaus bewußt. Auch die heuristische Funktion desOstmitteleuropa-Terminus als Rahmen inter- wie innerregionalhistorisch-vergleichender Forschung und damit implizites tertium comparationiswird hinterfragt. Diese Strömung innerhalb der historischenOstmitteleuropaforschung rückt dabei von der Vorstellung ab, ihreGegenstände in typologische Gebäude von Formationen und Großregioneneinordnen zu müssen (Müller 1999, 81), und entsprechend wird derAnalyserahmen komparativer historischer Untersuchungen auf das gesamteEuropa ausgeweitet sowie nach Kategorien von Zentrum und Peripheriestatt nach Himmelsrichtungen gegliedert. Historische Prozesse wie dieDurchsetzung des Bürgertums oder der Partizipations- bzw.Zivilgesellschaft, die sich nicht in "West" und "Ost" sortieren lassen,sind gute Gründe für ein solches Vorgehen. Dasselbe gilt auch undgerade für Entwicklungen im sozioökonomischen Bereich. In derGeschichte der europäischen Protoindustrialisierung, so eines dervorgebrachten Argumente, gehören Böhmen und Bulgarien typologisch indieselbe Kategorie wie Südwestdeutschland und Flandern, während man dasostelbische Deutschland und den Großteil Skandinaviens zuOstmitteleuropa zählen müßte (Müller 1999, 84). Zu ganz ähnlichenBefunden dafür, wie traditionalistische Ost-West-Einteilung indie Irre führen kann, kommen auch andere Forschungsrichtungen wie etwadie Kunstgeschichte und die Ethnologie, aber auch diedisziplinenübergreifende Forschung zur Rechtskultur. Auf den erstenBlick ist etwa die Strafzumessungspraxis von Gerichten impostsowjetischen Norden und Osten Ostmitteuropas wesentlichdrakonischer als diejenige von Gerichten in Nordeuropa, Deutschland,Frankreich oder den Benelux-Staaten. Nimmt man indes dieVergleichszahlen des Celtic fringe und der iberischen TeileEU-Europas dazu, die durchaus postsowjetisches Niveau erreichen(Ashworth 2000, 24), besteht Europa nicht aus zwei Hälften, sondern auseinem Zentrum und mehreren, einander ähnlichen Peripherien.

Der Untersuchungsausschnitt "Ostmitteleuropa" macht aus der Sichtder Kulturstudien daher in mindestens vierfacher Hinsicht Sinn:

 

 

4. Kulturstudien Ost(mittel)europas in Forschung und Lehre

Das in der Bundesrepublik nur marginal vertretene Fach ist mit zwei grundlegenden Problemen konfrontiert:

(1) Die methodischen Grundlagen der Teildisziplin müssen erst nochgelegt werden. Dabei kann bislang lediglich an die beschriebenegeschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit Ostmitteleuropa alseuropäischer Teilregion angeknüpft werden. Aufgrund ihrer explizitnicht-regionalen, sondern linguistischen Prämissen behandeln dieklassischen Philologien deutlich größere Einheiten – so etwa die primärauf die GUS sowie diejenigen Staaten Ostmitteleuropas, derenStaatssprachen slavische sind, ausgerichtete Slavistik – oderbeschränken sich auf deutlich kleinere Untersuchungsregionen, wie diesz. B. der östliche Zweig der Romanistik tut, der Moldova, Rumänien, denBalkan und den Südwesten der Ukraine abdeckt. Überdies sind die aufOstmitteleuropa bezogenen Kulturstudien im Unterschied etwa zu"Schwesterfächern" wie den British/Cultural Studies oder derFrankophonieforschung einem sicherlich produktivem, aber eben auchanstrengenden Zwang zur Selbstreflektion aufgrund permanenterNotwendigkeit zur Begründung des eigenen Regionalkonzeptes ausgesetzt.

(2) Die weitgehende Unausgefülltheit des Konzeptes "Ostmitteleuropa"korrespondiert mit einem detaillierten Katalog überwiegend negativerStereotype über die Region außerhalb derselben. "Europas bequemesVorurteil", das die US-bulgarische Historikerin Maria Todorova amBegriff "Balkan" festmacht (Todorova 1999), bzw. der von demslowenischen Philosophen Slavoj Žižek diagnostizierte "Balkan imeigenen Auge" (Fetscher 2001) verstellen den durch die Vielfalt derRegionalsprachen ohnehin schwierigen Zugang zu Ostmitteleuropa. Diesgilt verstärkt seit dem Epochenjahr 1989, das die Flächenhaftigkeit undMehrdimensionalität konkurrierender Nationalismen in dieser Region insZentrum des Interesses der außerregionalen Öffentlichkeiten rückte.Gespannte interethnische Beziehungen, "heiße" ethnopolitische Konflikteund "ethnische", d. h. mit dem Argument kultureller, religiöserund/oder linguistischer Differenz begründete und begonnene Bürger- undStaatenkriege werden neben postulierten zivilisatorischen Bruchlinienzwischen West- und Ostkirche, Christentum und Islam, gar "Europa" und"Rußland" bzw. – wahlweise – "Asien" als zentrale sowie "zeitlose"Strukturmerkmale der Großregion hervorgehoben. Daß innerhalb der in derTat regionalspezifischen Konfliktkultur dem Konsens ein historischgesehen hoher Stellenwert zukam, wurde und wird dabei übersehen (King2000). Denn metaphorisch gesprochen stand die "Wiege" fast allermodernen Konzepte von innerstaatlichem Interessenausgleichinterethnischem power-sharing und innerer Selbstbestimmung mittels Autonomie, devolution,Föderation u. a., ja selbst äußere Selbstbestimmung in Form voneinvernehmlicher Sezession, Staatenbund o. a. in Ostmitteleuropa. Aufden ersten Blick mag dies erstaunen, da es dem gängigen ethnoregionalenStereotyp zuwider läuft; auf den zweiten Blick jedoch ist naheliegend,daß dort, wo akuter Bedarf an solchen Konzepten bestand, diese auchvorrangig entwickelt werden.

Im universitären Alltag hierzulande kommt den Kulturstudien Ostmitteleuropas eine doppelte Transmissionsriemenfunktion zu, nämlich zum einen zur Untersuchungsregion, zum anderen zur Berufswelt. Kulturstudien als Schnittstellezwischen Studium und den Transformationsprozessen vor Ort manifestierensich in einer Reihe von Formen. Es sind dies (1) organisierteFelderkundung, z.T. auch Feldforschung, mittels seminarmäßig vor- undnachbereiteter Exkursionen und Studienaufenthalten; (2) Referenten- undGastwissenschaftleraustausch mit Ostmitteleuropa sowie mitostmitteleuropabezogenen Institutionen außerhalb der Region, hier vorallem mit multilateralen Organisationen staatlicher wienichtstaatlicher Observanz; und (3) die Einbeziehung von Graduiertenaus Ostmitteleuropa in die Graduiertenausbildung im Rahmen derSOKRATES-, ERASMUS- und ERASMUS Mundus-Programme der EU, des Programmes"Promotion an deutschen Hochschulen" von Deutschem AkademischemAustauschdienst und Deutscher Forschungsgemeinschaft sowie vonGraduiertenkollegs. Brücken zur Berufswelt stellen Berufspraktika beisolchen internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationendar, die sich mit Ostmitteleuropa befassen und/oder vor Ort tätig sind.Hier sind neben der Weltbank aus der einschlägigen "Buchstabensuppe"vor allem BSEC, CEI, CF, CoE, CPN, CPSRI, EAR, EBRD. ECMI, EIB, ERRC,EU, GUS, GUUAM, HCNM, ICG, ICRC, IFRC, IHF, IMF, KFOR, MRG, NATO,ODIHR, OECD, OHR, OIC, OMIK, OSI, OSZE, PER, PHARE, SECI, SEECP, SFOR,UNDP, UNESCO, UNHCHR, UNHCR, UNICEF, UNMIK, UNPO, VN, WEU, WHO und WTOzu nennen [-> Abkürzungen]. Ringvorlesungen und Gastvorträge mitReferenten aus diesem Arbeitsmarkt oder mit speziellen Kenntnissen überihn bieten dabei die Möglichkeit zu Anbahnungsgesprächen.

5. Berufsfelder für Absolventen des Faches Kulturstudien Ostmitteleuropas

Das mit einem oder mehreren anderen Fächern kombinierte Studium desFaches Kulturstudien Ostmitteleuropas einschließlichExkursionsteilnahme und Auslandspraktika vermittelt eineZusatzqualifikation, die in einer Vielzahl von Berufsfeldernnachgefragt wird. Insbesondere sind zu nennen:

 

6. Zitierte Literatur

Ashworth, A. (2000): Strafzumessung in Europa, in: Neue Kriminalpolitik 12, H. 4, S. 21-25.

Bahlcke, J. (1999): Ostmitteleuropa, in: H. Roth (Hg.),Studienhandbuch Östliches Europa, Bd. 1: Geschichte Ostmittel- undSüdosteuropas, Köln, Weimar, Wien, S. 59-72.Bericht (2001): Bericht derSächsischen Hochschulentwicklungskommission, Dresden, 27. März 2001(URLhttp://www.smwk.de/studium/shek/Inhalt/Gesamtbericht.pdf).

Byram, M. (1997): Cultural Studies and Foreign Language Teaching, in: Bassnett, S. (Hg.): Studying British Cultures, London, S. 53-64.

Cultural Studies (2001): Cultural Studies at the International University in Germany (URL http://www.i-u.de/departments/sla/cultural.htm).

Fetscher, C. (2001): Balkan-Krise: Die Albaner gibt es nicht.Caroline Fetscher über westliche Balkan-Klischees und deren fataleFolgen, in: Der Tagesspiegel (Berlin) vom 24. März 2001 (URL http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2001/03/24/ak-ku-2213595.html).

Fisch, J. (1992): Zivilisation, Kultur. In: GeschichtlicheGrundbegriffe. Historisches Lexion zur politisch-sozialen Sprache inDeutschland. Hrsg. O. Brunner, W. Conze u. R. Koselleck. Bd. 7,Stuttgart 1992, S. 679-774.

Frühwald, W. (2001): Wissen verpflichtet oder Von derVerantwortung der Eliten in der Wissensgesellschaft, in:Studienstiftung des deutschen Volkes (Hg.): Jahresbericht 2000. Faktenund Analysen. Bonn 2001, S. 40-55.

Garton Ash, T. (1989): Refolution. In: Ders.: The Uses of Adversity. Essays on the Fate of Central Europe. New York, NY, S. 309-324.

Hansen, K. P. (1995): Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. Tübingen, Basel.

Jaworski, R. (1992): Ostmitteleuropa. Zur Tauglichkeit undAkzeptanz eines historischen Hilfsbegriffs, in: W. Eberhard u. a.(Hg.), Westmitteleuropa – Ostmitteleuropa. Vergleiche und Beziehungen,München, S. 37-45.

King, J. (2000): Ausgleiche. A Tradition of PoliticalSettlement in East Central Europe, 1848 to the Present. Vortrag amGeisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und KulturOstmitteleuropas (GWZO), Leipzig, 19. April.

Kocka, J. (2000): Das östliche Mitteleuropa alsHerausforderung für eine vergleichende Geschichte Europas, in:Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 49, S. 159-174.

Kunkel, A. (2001): "Überzeugungskraft zählt". Interview mitChristina Siepe, Dipolompsychologin bei UNILEVER, in: FrankfurterAllgemeine Hochschul-Anzeiger. Zeitung für den Fach- undFührungsnachwuchs Nr. 55, Juni 2001, S. 60-61.

Mittelstrass, J. (1991): Die Geisteswissenschaften im Systemder Wissenschaft, in: Frühwald, W., u. a. (Hg.): Geisteswissenschaftenheute. Eine Denkschrift, Frankfurt/M., S. 15-44.

Müller, M. G. (1990): Ostmitteleuropa: Begriff – Traditionen– Strukturen. Ms. eines Vortrags im Rahmen der Ringvorlesung"Nationalstaat und Demokratie in Ostmitteleuropa zwischen denWeltkriegen", Freie Universität Berlin, 25. April.

Müller, M. G. (1999): In cerca dell’Europa: realtà e rappresentazioni di un continente, in: Contemporanea 2, H. 1, S. 81-87.

Postsozialismus (2002): Postsozialismus. Transformationsprozesse inEuropa und Asien aus ethnologischer Perspektive. Hrsg. v. ChristopherHann. Frankfurt/M., New York, NY.

Scholl-Simon, L. (2001): "Die kulturelle Herkunft ist ehernachrangig". Über den Umgang mit Fremden, in: Der Tagesspiegel (Berlin)vom 10. Juni 2001, S. 33.

Schramm, G. (2000): Ein Rundgespräch über "Ostmitteleuropa":Vom sinnvollen Umgang mit einem Konzept für unsere Zunft, in:Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 48, H. 1, S. 119-122.

Schultz, H.-D. (1997): Räume sind nicht, Räume werdengemacht. Zur Genese "Mitteleuropas" in der deutschen Geographie, in:Europa Regional 5, H. 1, S. 2-14.

Schultz, H.-D. (2000): Land – Volk – Staat. Der geografischeAnteil an der Erfindung der Nation, in: Geschichte in Wissenschaft undUnterricht 51, H. 1, S. 4-16 + Abstract, S. 2.

Troebst, S. (2001): Russinen, Lemken, Huzulen und andere. DieKarpaten: Zwischen regionaler Identitätssuche und EU-Ost-Erweiterung.In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 13 vom 16. Januar 2001, S. 9.

Verdery, K. (1996): What Was Socialism and What Comes Next? Princeton, NJ.

Zernack, K. (1977): Osteuropa. Eine Einführung in seine Geschichte, München.

 

Abkürzungen

BSEC Black Sea Economic Co-operation Intiative

CEI Central European Initiative

CF Carpathian Foundation

CoE Council of Europe

CPN Conflict Prevention Network

CPSRI Contact Point for Sinti and Roma Issues

CSCE Conference on Security and Co-operation in Europe

EAR European Agency for Reconstruction

EBRD European Bank of Reconstruction and Development

ECMI European Centre for Minority Issues

EIB European Investment Bank

ERRC European Roma Rights Centre

EU Europäische Union

GUS Gemeinschaft Unabhängiger Staaten

GUUAM Georgien, Ukraine, Usbekistan, Armenien und Moldova-Gruppe

HCNM High Commissioner on National Minorities

ICG International Crisis Group

ICRC International Committee of the Red Cross

IfL Institut für Länderkunde

IFRC International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies

IHF International Helsinki Federation

IMF International Monetary Fund

KFOR Kosovo Force

KSZE Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa

MRG Minority Rights Group International

MOE Mittel- und Osteuropa

NATO North Atlantic Treaty Organization

NGO Non-Governmental Organization

NRO Nichtregierungsorganisation

ODIHR Office of Democratic Institutions and Human Rights

OECD Organization for Economic Co-operation and Development

OHR Office of the High Representative for Bosnia-Herzegovina

OIC Organization of the Islamic Conference

OMIK OSCE Mission in Kosovo

OSCE Organization for Security and Co-operation in Europe

OSI Open Society Institute

OSZE Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa

PER Project on Ethnic Relations

PHARE Poland and Hungary Action for the Reconstruction of the Economy

RF Rossijskaja Federacija/Rußländische Föderation

RGW Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe

SECI Southeast European Cooperative Initiative

SEECP South East European Cooperation Process

SFOR Stabilization Force

SFRJ Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien

UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

UN United Nations Organization

UNDP United Nations Development Programme

UNESCO United Nations Education, Science and Cultural Organization

UNHCHR United Nations High Commissioner for Human Rights

UNHCR United Nations High Commissioner for Refugees

UNICEF United Nations Children’s Fund

UNMIK United Nations Mission in Kosovo

UNPO Unrecognized Nations and Peoples Organization

VN Vereinte Nationen

WEU Western European Union

WHO World Health Organization

WTO World Trade Organization

  

 

 

 

 


 

 

 

 

 
 
Stand: August 2004
Letzte Änderung: 19.8.2004
Mail-Adresse des Autors: stefan.troebst@snafu.de
Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas (www.vifaost.de/geschichte/handbuch)

 

 

 

 

 


Dieser Artikel ist in voller Länge unter www.uni-leipzig.de/~slav/ai/aikultst.htm zu lesen.

 

 

Download als PDF-Datei (237 KB): Download als PDF-Datei

Inhalt:
1. Wozu Kulturstudien Ostmitteleuropas?
2. Was sind Kulturstudien Ostmitteleuropa?
3. Ostmitteleuropa – le mot et la chose
4. Kulturstudien Ost(mittel)europas in Forschung und Lehre
5. Berufsfelder für Absolventen des Faches Kulturstudien Ostmitteleuropas
6. Zitierte Literatur