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Erinnertes Leben

Erinnertes Leben: Autobiographien, Memoiren und Oral-History-Interviews als historische Quellen [1]

Anke Stephan, München

1. Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse: Annäherungen an den Menschen in der Geschichte

Quellen, die über das Leben der Menschen erzählen, haben in ihrer Bedeutung stark zugenommen, seitdem durch Alltagsgeschichte, Historische Anthropologie und Mikrohistorie das Individuum mit seinen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Handlungen wieder ins Blickfeld der Historiographie gerückt ist. [2]

Das Interesse für die Rolle des Subjekts in der Geschichte rührte seit Ende der 1970er Jahre vor allem aus der Erkenntnis, dass weder die "Haupt- und Staatsaktionen" noch soziale Strukturen oder theoriegeleitete Gesellschaftsmodelle zur Erklärung historischer Prozesse ausreichen. In Deutschland gab insbesondere die Suche nach den Ursachen für den Faschismus den Anstoß, sich dem Anteil und der Verantwortung der Individuen in der Gesellschaft zuzuwenden. [3] Außerdem verfolgen Historikerinnen und Historiker mit einer "Geschichte von unten" oftmals die Intention, die Geschichte derer aufzuschreiben, die in einer "allgemeinen" Geschichtsschreibung marginalisiert wurden. So sind Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse in der Frauen- und Geschlechtergeschichte eine erstrangige Quelle, da weibliche Lebenswelten und Erfahrungen in den Akten aus Politik und Verwaltung eher wenig dokumentiert sind.

Geschichte vom Individuum aus zu betrachten, bedeutet jedoch nicht, die übergreifenden Strukturen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur außer Acht zu lassen. Neuere Ansätze verfolgen zunehmend das Ziel, anhand individueller Lebensgeschichten die Wechselwirkung zwischen Individuen und Strukturen, zwischen Mikro- und Makroebene herauszuarbeiten.[4] Es geht also darum zu erforschen, auf welche Weise Menschen sich in vorgegebenen Strukturen orientieren, sie wahrnehmen, sie sich aneignen, sie gestalten und verändern. [5]

Die Annäherung an den Menschen in der Geschichte geschieht oftmals durch die Auswertung von Ego-Dokumenten und Selbstzeugnissen. Ersterer Begriff ist weiter gefasst. Er subsumiert alle Texte, "die über freiwillige oder erzwungene Selbstwahrnehmung eines Menschen in seiner Familie, seiner Gemeinde, seinem Land oder seiner sozialen Schicht Auskunft geben" [6]. Um ein Ego-Dokument zu produzieren, muss der Mensch, um den es geht, nicht zwangsläufig Autor der Quelle sein. Auch Personalakten, Nachrufe, Verhörprotokolle, Gerichtsakten, Photographien, Urkunden oder privater Besitz enthalten Informationen über das betroffene Individuum. Selbstzeugnisse sind eine Unter-Kategorie der Ego-Dokumente, sie sind immer autobiographischer Natur. Zu ihnen gehören Autobiographien, Memoiren, Tagebücher, Briefe oder Zeitzeugeninterviews. [7]

Die Frage nach dem Umgang mit Selbstzeugnissen im engeren Sinne steht im Vordergrund dieses Beitrags. Dabei beschränke ich mich auf die Arbeit mit Erinnerungstexten, also Autobiographien, Memoiren und Zeitzeugeninterviews. Diese Quellen werfen spezifische Probleme auf und können daher gut als Einheit betrachtet werden: [8] So wird das Geschehen in schriftlichen wie in mündlichen Erinnerungen zumeist mit großem zeitlichen Abstand wiedergegeben. Ereignisse werden vergessen, verdrängt oder umgedeutet, nachträglich reflektiert und neu interpretiert. Bei der Textgestaltung der Lebensgeschichte kommen fiktionale Elemente und Stilmittel ins Spiel. Biographisches Erzählen, mündliches wie schriftliches, ist durch Kommunikationsregeln und -grenzen vorstrukturiert. Jede Kultur, Gesellschaft oder Gruppe kennt eigene Schreib- und Erzähltraditionen, von der die individuellen Erinnerungen überformt werden. Diesen Traditionen wird im vorliegenden Beitrag vor allem in der russischen beziehungsweise sowjetischen Kultur nachgegangen, auf die sich meine bisherige Forschungserfahrung mit Selbstzeugnissen bezieht. [9]

Im nächsten Abschnitt (2) werde ich einführend auf die Bedeutung von Erinnerungstexten in der Osteuropäischen, insbesondere der Russischen Geschichte eingehen. Danach werden die Textgattungen "Autobiographie" und "Memoiren" definiert sowie in ihrer historischen Entwicklungdargestellt (3). Daran anschließend stelle ich die Frage nach dem Aussagewert dieser Texte für die historische Forschung (4). Nach einer Diskussion der Oral History als Quelle und Methode (5) wird der Zusammenhang von Gegenwart und Vergangenheit, individuellem und kollektivem Gedächtnis in Lebenserinnerungen beleuchtet (6).

2. Zur Bedeutung von Erinnerungen in der Osteuropäischen Geschichte

In der Osteuropäischen Geschichte hat die Arbeit mit Selbstzeugnissen als historische Quellen in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Seit der Perestroika sind neben den veröffentlichten Autobiographien, Memoiren oder Tagebüchern auch unveröffentlichte persönliche Aufzeichnungen, Erinnerungen oder Briefe aus Archivbeständen wie Privatbesitz zugänglich geworden. Seit der Perestrojka wurde es zudem möglich, mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen offene Gespräche zu führen, die früher nur heimlich, häufig unter Gefährdung der Befragten stattfinden konnten. [10]

In den osteuropäischen Nationalkulturen hat die Beschäftigung mit Selbstzeugnissen, insbesondere Erinnerungen, aber auch eine spezifische Tradition und Bedeutung: In der Sowjetunion gab es beispielsweiseverschiedene Wellen des – teilweise organisierten – Memoirenschreibens, Angehörige der revolutionären Bewegungen verfassten nach 1917 ihre Memoiren, später wurden Erinnerungen an die "Aufbauzeit" oder den "Großen Vaterländischen Krieg" gesammelt. Diese Texte haben ihren festen Platz im nationalen Gedächtnis. Aber auch für ein "inoffizielles" Geschichtsverständnis hatten Selbstzeugnisse Schlüsselcharakter: Vor der Wende waren siezumeist die einzigen Quellen, um die "weißen Flecken" (Gorbačev) in derVergangenheit auszufüllen. So begannen entlassene Lagerhäftlinge nachdem Ende der Stalin-Ära, ihre Erinnerungen zu erzählen undaufzuschreiben. Einige wenige durften ihre Geschichten während der"Tauwetter"-Periode publizieren. [11] Nach 1965 erschienen Memoiren der"Repressierten" und Regime-Kritiker nur noch im Samizdat.[12] Im Rahmen dieser Untergrund-Presse entstand in den 1970er und1980er Jahren eine Art alternative Geschichtsschreibung, die in ersterLinie auf persönlichen Erinnerungen basierte. Dissidentinnen undDissidenten nahmen Gespräche mit Lager-Überlebenden auf Tonband auf[13] und gaben ab Anfang der 1980er Jahre die historischenUntergrund-Zeitschriften Pamjat’ (Gedächtnis) [14] und Minuv šee(Vergangenheit) [15] heraus. Mit Hilfe von Erinnerungen –beispielsweise an die Kollektivierung, die trotzkistische Oppositionoder studentische Untergrundgruppen aus den 1940er Jahren – versuchtensie, offizielle Darstellungen zu korrigieren oder in anderem Licht zubetrachten. Mit der Perestrojka setzte Ende der 1980erJahre schließlich ein regelrechter Boom der Memoiren-Publikation ein.Zu Beginn der 1990er Jahre machten sich zudem zivilgesellschaftlicheOrganisationen daran, Erinnerungen aus der Sowjet-Zeit zu archivierenoder Zeitzeugenbefragungen durchzuführen, so dieBürgerrechtsvereinigung "Memorial", die Gesellschaft Vozvraženie (Wiederkehr) oder das Narodnyj Archiv (Volksarchiv) Moskau.

Das Aufzeichnen, Sammeln und Rezipieren von Erinnerungen hat inRussland also einen besonderen Stellenwert im Nachdenken über und imUmgang mit Geschichte. Im folgenden Abschnitt soll daher näher auf dieTradition des Verfassens von Memoirenliteratur eingegangen werden.

3. Autobiographien und Memoiren in der russischen und sowjetischen Kultur

Autobiographien und Memoiren bilden literarische Gattungenmit spezifischen Strukturen. Sie nehmen eine Zwitterstellung zwischenFaktenbericht und literarischem Kunstwerk ein. Für die Interpretationmüssen diese Quellen also zunächst als Texte gelesenwerden. Dabei ist es wichtig, die jeweiligen Gattungstraditionen undStrukturmerkmale zu berücksichtigen. [16] Eine erste Annäherung an diebeiden Genres liefert die literaturwissenschaftliche Definition:

Demnach ist eine Autobiographie die "Biographie einer Person,von ihr selbst geschrieben". [17] Der "autobiographische Pakt" [18]zwischen Autor und Leser besteht im Anspruch des Autors, Zeugnis überwahre Begebenheiten abzulegen, und dem Einverständnis des Lesers, diegeschilderten Erlebnisse sowie die Identität zwischen Autor, Erzählerund Protagonist als Tatsachen anzuerkennen. Die gegebene Definition istebenso gültig für Memoiren. In der Literaturwissenschaft werdendie beiden Textgattungen typologisch dahingehend unterschieden, dassMemoiren den Werdegang einer Person in ihrer gesellschaftlichen Rolleschildern, während im Mittelpunkt der Autobiographie die Entwicklungder individuellen Persönlichkeit steht. [19] Die Autobiographie gibtsomit "das Leben eines noch nicht sozialisierten Menschen" wieder, "dieGeschichte seines Werdens und seiner Bildung, seines Hineinwachsens indie Gesellschaft". [20] Memoiren thematisieren dagegen eher die sozialeFunktion einer Person: die Berufslaufbahn, die politische Karriere, dasKünstlerleben oder die Kriegserlebnisse. Ferner umfasst eineAutobiographie in der Regel das gesamte Leben, Memoiren beschreibenoftmals nur einen Lebensabschnitt. [21]

Die literarischen Wurzeln der Autobiographie gehen auf die Confessiones des Augustinus (397) zurück. Für die jüngere Zeit gelten Rousseaus Bekenntnisse (1782-1787) und Goethes Dichtung und Wahrheit(1811-1833) als "klassische" Vorbilder der Gattung. [22] In Westeuropaist ihre charakteristische Ausprägung eng mit der Herausbildung desBürgertums im 18. und 19. Jahrhundert verknüpft. DieAutobiogra­phie war das ideale Genre, um bürgerlichesSelbstbewusstsein und bürgerliche Identität gegenüber dem Adel zuunterstreichen. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt daher auf derpersönlichen Entwicklung, Bildung und Leistung.

Für historische Untersuchungen ist eine literaturwissenschaftlicheUnterteilung autobiographischer Werke in Autobiographien und Memoirennur begrenzt sinnvoll. Viele Texte lassen sich nicht eindeutig dereinen oder anderen Gattung zuordnen, sondern stellen Mischformen dar.[23] Für den russischen kulturellen Kontext macht dieUnterscheidung dennoch Sinn, allein weil sich die Begriffe nichteinfach übersetzen lassen. Die literaturwissenschaftliche Definitionverdeutlicht hier die unterschiedlichen Traditionen autobiographischenSchreibens: Avtobiografija bedeutet im Russischen nicht "Autobiographie", sondern "Lebenslauf". Autobiographische Erinnerungen werden dagegen als vospominanija (Erinnerungen), als memuary (Memoiren) oder allgemein als zapiski(Aufzeichnungen) bezeichnet. [24] Das Fehlen eines Begriffes für dieAutobiographie im westlichen Sinne weist darauf hin, dass die meistenautobiographischen Werke in Russland eher dem Genre der Memoirenzuzuordnen sind, was mit einer unterschiedlichen Entwicklung undFunktion autobiographischen Schreibens zusammenhängt:

Als es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Westeuropa schon en vogue war,Autobiographien zu verfassen, existierten in Russland erst wenigeautobiographische Texte, zu den prominentesten zählten die Memoiren derZarin Katharina II. [25] Dies änderte sich erst mit den Napoleonischen Kriegen.Durch das Vorrücken der russischen Armee in den Westen und dieBesatzung der französischen Hauptstadt kamen breitere Kreise derBevölkerung mit der westeuropäischen Kultur in Kontakt. Anscheinendwuchs bei den Zeitgenossen ein Bedürfnis, Erinnerungen festzuhalten,weil der "Vaterländische Krieg" als Ereignis bedeutender historischerTragweite wahrgenommen wurde, das es zu dokumentieren galt. [26] Zwargewann autobiographisches Schreiben im Zuge dieser Ereignisse merklichan Umfang, im Gegensatz zur westlich geprägten bürgerlichenAutobiographie stand im Vordergrund der russischen Erinnerungstextejedoch weniger die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit als dieDokumentation der Zeitläufte. Aufgrund ihres dokumentarischen Charakters wird die Textgattung seit dem 19. Jahrhundert im Russischen neben memuary und vospominanija folglich auch als dokumental'naja prozabezeichnet. [27]

Die Tradition des Zeugnisablegens über bedeutende historischeEreignisse setzt sich bis in die offizielle Autobiographik derSowjetzeit fort. Wie schon erwähnt, erschienen Erinnerungen an die"unvergesslichen Tage" der Revolution, den "Kampf für die Errichtungder Sowjetmacht" und den "Aufbau des Sozialismus" in großer Zahl. [28]In den 1930er Jahren wurden vor allem "Helden der Arbeit" undRepräsen­tanten der "Aufsteigergeneration" (vydvižency) dazu ermuntert, ihre Memoiren zu verfassen. Sie folgten dabei bestimmten formalen und inhaltlichen Regeln,die noch lange nach der Stalinzeit prägend waren und sich bis heute inErinnerungstexten finden lassen. [29] In der Sowjetzeit wurdeautobiographisches Erzählen darüber hinaus durch das Verfassenausführlicher formalisierter Lebensläufe beeinflusst, die für dieBewerbung um Parteimitgliedschaft oder Stellen notwendig waren. [30]

Neben affirmativen, staatstragenden autobiographischen Texten existiert in Russland eine "regimekritische" Memoirentradition,die ebenfalls auf das 19. Jahrhundert zurückgeht: Unter der vonRepression und Zensur gekennzeichneten Regentschaft Nikolaus' I.(1825-1855) wurden Memoiren als Gegen-Öffentlichkeit gegenüber eineroffiziellen Geschichtsschreibung genutzt. Sie thematisiertenEreignisse, die durch den Eingriff der Obrigkeit verfälscht dargestelltoder verschwiegen wurden, und enthielten politische Kommentare,Polemiken oder Gesellschaftskritik. [31] Beispiele hierfür sind dieMemoiren der Dekabristen und Dekabristenfrauen [32] oder AlexanderHerzens (1812-1970). [33] Das Genre der "oppositionellenAutobiographie" erreichte mit dem Aufkommen der revolutionärenBewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit.[34] Allerdings wurden die meisten Texte erst ab 1905 oder 1917veröffentlicht. Sehr bekannt sind bis heute die Erinnerungen derSozialrevolutionärinnen Vera Figner (1852-1943) und Vera Zasulič(1849-1919). Fortgesetzt wurde diese Tradition in der späten Stalinzeitund während des "Tauwetters", als die Opfer der stalinistischen"Säuberungen" begannen, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. [35] Injüngster Zeit schließlich verfassten Dissidentinnen und Dissidentenihre Memoiren, sie erschienen in der Regel entweder im Exil der 1970erund frühen 1980er Jahre oder nach der Perestroika. [36]

Gemeinsam haben fast alle russischen und sowjetischenErinnerungstexte, gleichgültig welcher politischen Färbung, dass sichihre Autorinnen und Autoren in erster Linie als Chronistinnen und Chronisten der Zeit begreifen. Die Gliederung der eigenen Lebensabschnitte entlang politischer Ereignisse ist daher ein wichtiges Strukturmerkmal.

Neben der politischen Biographie enthalten autobiographische Texteim russischen Kontext aber noch eine tiefere Schicht: Auch dieTradition der Heiligenviten hat auf die spezifische Ausprägungder Memoirenliteratur eingewirkt. [37] Zumindest weisenautobiographische Texte oftmals ähnliche dialektischeKonstruktionsmuster auf. [38] Die Erzählungen stellen häufig"Konversionsgeschichten" dar, der Schwerpunkt der Darstellung liegt aufder Selbstaufopferung oder dem Martyrium im Interesse der "gutenSache". [39]

Für die Verwendung von Autobiographien und Memoiren als Quelle gilt also, sie zunächst in ihren jeweiligen literarischen und kulturellen Kontext einzuordnen. Es stellt sich die Frage, in welcher Zeit und unter welchen Umständen dieTexte geschrieben wurden. Welche Intention verfolgen Autorinnen undAutoren? Wollen sie Zeugnis über zeithistorische Begebenheiten ablegen,aufklären, enthüllen oder bestimmte Ereignisse dem Vergessen entreißen?Welche literarischen Vorlagen wurden benutzt und was hat dies möglicherweise für eine Bedeutung? Welches sind die Leitliniendes Erzählens? Dominieren politische Ereignisse oder fungierenpersönliche Erlebnisse wie Liebe, Heirat oder die Geburt der Kinder alsGliederungsprinzipien? Beinhaltet die Erzählung den Bildungsweg oderdie Berufslaufbahn? Ist die Geschichte chronologisch aufgebaut? Aufwelche Weise werden Textabschnitte miteinander verbunden? Gibt es Vor-und Rückblenden? Welche persönliche Epocheneinteilung nimmt derErzähler vor? Korrelieren diese Epochen mit denen der "allgemeinenGeschichte"? Schließlich ist auch zu hinterfragen, auf welche Weisesich das Geschlecht der Autorin oder des Autors in den Textenniederschlägt, wie Geschlechterrollen in Memoiren konstituiert undverhandelt werden.

Besondere Merkmale weiblichen autobiographischen Schreibenssind in der Literatur­wissenschaft der letzten Jahre zunehmenderforscht und diskutiert worden. [40] Allerdings ist die Forschung nochweit davon entfernt, ein umfassendes Bild zeichnen zu können. Zumindestfür das 19. Jahrhundert Westeuropas scheint festzustehen, dass dasGenre der Autobiographie von bürgerlichen, weißen, westlichen undmännlichen Subjekten geprägt wurde, die sich durch die Präsentationihrer Erinnerungen ihres sozialen Status und ihrer gesellschaftlichenVerdienste vergewisserten. Demgegenüber schrieben Frauen auseiner marginalisierten Stellung heraus. Autobiographinnen befanden sichin einem Dilemma: Einerseits war die soziale Rolle der Frau auf dieEhe, die Familie und das Haus beschränkt, das weibliche Selbst konntesich also nicht in einer öffentlichen Rolle präsentieren. Andererseitswar innerhalb der Genreregeln und -grenzen kein Raum, um privateErfahrungen zu schildern. Da Frauen rechtlich an den Ehemann und dieFamilie gebunden waren, taten sich viele Schreiberinnen schwer,jenseits eines Mannes eine eigene Identität und Subjektivität zubeanspruchen, was sie durch die Präsentation der Autobiographie aberautomatisch taten. [41] So wirken Autobiographien von Frauen häufig alsImitationen männlicher Vorbilder. Das weibliche Selbsterscheint brüchig, verschlüsselt und nur in der Tiefenstruktur desTextes. [42] Um das eigene Schreiben zu rechtfertigen, wird die eigenePerson häufig in Beziehung zu einem männlichen Protagonisten undrechtlichen Vormund wie dem Vater oder dem Ehemann dargestellt. [43]

Diese aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts hervorgegangenen Grundmuster treffen zwar für eine Reihe autobiographischer Schriften von Frauenauch aus anderen Epochen zu. Es mangelt aber an epochenübergreifendenvergleichenden Untersuchungen, die verschiedene Schichten und Regionenmiteinbeziehen. Dies gilt umso mehr für den osteuropäischen Kontext.Erste Untersuchungen aus dem russischsprachigen Raum deutendarauf hin, dass sich dortige Autobiographinnen quer durch alle Epochenweniger schwer tun, sich selbst als öffentliche Person darzustellen. Inihrer Konzentration auf ihre soziale Rolle unterscheiden sie sich kaumvon ihren männlichen "Kollegen". Allerdings lassen die Gattungsgrenzenaufgrund der oben beschriebenen Charakteristika russischerErinne­rungsliteratur anscheinend auch wenig Raum fürspezifisch weibliche Erfahrungen. [44] Gender kommt in denLebensgeschichten nur implizit zum Ausdruck. [45] Es ist also eineAufgabe weiterer Forschungen herauszuarbeiten, auf welche Weise inautobiographischen Texten Geschlecht konstruiert und konstituiert wird,welche Männlichkeits- und Weiblichkeitsdiskurse hierbei prägend waren.[46]

4. Quellen wofür? Zum Aussagewert von Autobiographien und Memoiren

Nachdem wir gesehen haben, dass Autobiographien und Memoiren in hohem Maße von Erzähltraditionen und Gattungsmerkmalengeprägt sind, stellt sich die Frage, ob es überhaupt legitim ist, dieseTexte als historische Quellen heranzuziehen, und wenn, dann für welcheInformationen.

Die Diskussion um die Konstruktion und Struktur vonErinnerungstexten lässt bisweilen vergessen, dass autobiographischeZeugnisse wichtige Quellen für Sachinformationen sind. Damitist weniger die Datierung und Chronologie von Ereignissen gemeint, denndiese müssen aufgrund der Lückenhaftigkeit des Gedächtnisses stetsnachgeprüft werden. Oftmals sind jedoch – schriftliche wie mündliche –Lebensgeschichten die einzigen Quellen, die uns über die Lebensweltbestimmter Gruppen oder Schichten informieren. Sie enthalten Auskünfteüber soziale und materiellen Verhältnisse oder kulturelle Praktiken.So können wir erfahren, in welchem sozialen Umfeld die Menschenaufwuchsen, wie sie wohnten, welche Werte in der Familie gepflegtwurden, welche Bildungsinstitutionen sie durchliefen, wie sie ihreFreizeit gestalteten, wie der Arbeitsalltag aussah oder wie derHaushalt organisiert wurde. Ebenso wie Tagebücher oder Briefe erlaubenuns Lebenserinnerungen wie kaum eine andere Quelle Innenansichten vomalltäglichen Zusammenleben der Menschen.

Autobiographien und Memoiren sind ferner zentrale Quellen, um Einblicke in Erfahrungen, Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmusterhistorischer Subjekte zu gewinnen. Aus autobiographischen Texten lassensich Wertesysteme, Normen, Mentalitäten und Weltbilder rekonstruieren.Aus den vorangegangenen Ausführungen wird ersichtlich, dass der Umgangmit autobiographischen Quellen zahlreichen Einschränkungen unterliegt.Keineswegs haben wir es mit der "direkten Umsetzung von individuellemund kollektivem Leben in Literatur" [47] zu tun. Fiktionale Elementefließen in die Interpretation ebenso mit ein wie Genremerkmale,Erinnerungsstrukturen und Diskurse. [48] Mit allen Fiktionen,überindividuellen Erinnerungsmustern, Beschönigungen oder Verdrängungenist die Lebensgeschichte ein Entwurf des eigenen Ich. [49] Ebendiese "narrative Selbstpräsentation" [50] kann Gegenstand derInterpretation sein. Das Ich ist ohne seine Lebensgeschichte nichtdenkbar. Sie dient der Herstellung einer stabilen Identität.[51] Das heißt im menschlichen Bewusstsein muss die Fülle von Erlebtemund Erinnertem zu einem Ganzen zusammengefügt und integriert werden.Das Schreiben und Erzählen stellt also einen Prozess derSubjektkonstitution dar.

Auch das Aufgreifen literarischer Muster kann zurSelbstdefinition und Selbstvergewisserung dienen. Durch die Anknüpfungan literarische Vorbilder wird die eigene Geschichte in eine kulturelle Traditioneingeordnet. Aus dem Umgang mit Vorlagen kann man schließen, mitwelchen Elementen sich das Subjekt identifiziert oder wovon es sichabgrenzt. Aus diesem Befund können wiederum Rückschlüsse auf dasSelbst- und Weltbild von Individuen und Gruppen abgeleitet werden.Folgendes Beispiel aus meiner eigenen Forschungsarbeit soll diesverdeutlichen: In der Auseinandersetzung mit den Erinnerungen von Dissidentinnen und Dissidenten,die eine zeitlang im Gefängnis oder im Lager inhaftiert waren, stellteich fest, dass die dissidentischen Texte nicht nur untereinander eineerstaunliche Homogenität aufweisen, sondern auch frappierendeParallelen zu den Memoiren von Häftlingen aus der Stalinzeit, sowohl inder Struktur als auch in der Auswahl der Themen. Zum Teil sind sich dieErinnerungssequenzen so ähnlich, dass die Vermutung naheliegt, eshandele sich um literarische Topoi, die immer wieder reproduziertwerden, zumal die Dissidenten die Memoiren aus der Stalinzeit in derRegel gut kannten. Aber selbst wenn hier bestimmte Geschichten von denVorlagen "abgeschrieben" wurden, so können aus den Quellen dennochAussagen über das Selbst- und Weltbild ihrer Verfasser gewonnenwerden. Die Anknüpfung an die Memoiren aus der Stalinzeit war, wie ichvermute, Teil dissidentischer Sinnstiftung. Die Dissidentinnen undDissidenten ordneten sich in eine lange Reihe politisch Verfolgter ein.Durch ihre Auseinandersetzung mit den Memoiren der Stalin-Opfer erhieltdas Lager einen besonderen Stellenwert in ihrem politischenBewusstsein. Ihre kollektive Identität konstituierte sich durch dasLeiden am System, woraus sie positive Motivationsfaktoren für dieFortsetzung des Kampfes um Recht und Freiheit bezogen. Die Anknüpfungan literarische Vorbilder ist hier folglich nicht nur ein Stilmittel,sondern hat sowohl für das Selbstverständnis der Verfasser als auch fürunser Verständnis ihrer Texte eine Bedeutung. [52]

Die Deutung autobiographischer Texte beinhaltet demnach sowohl die Frage nach dem, was erzählt wird als auch wieder Autor oder die Autorin es tut und auf welche Weise das Ich sich inder Lebensgeschichte präsentiert. Für den Umgang mit mündlichenErinnerungen gilt dies ebenso wie mit schriftlichen, wie es im nächstenAbschnitt über die Oral History verdeutlicht werden soll.

5. Oral-History-Interviews

Der Begriff Oral History, wörtlich "mündlicheGeschichte", bezieht sich auf die Arbeit mit Zeitzeugeninterviews alshistorische Quellen. Zwar gibt es dabei zahlreiche Überschneidungen mitder Autobiographieforschung, so lassen sich schriftliche und mündlicheErinnerungstexte nebeneinander und für dieselben Fragestellungenbenutzen, bei der Oral History haben wir es jedoch nicht nur mit einem bestimmten Quellentypus, sondern gleichzeitig auch mit einer Methode der historischen Forschungzu tun. Sie bezeichnet sowohl das eigentliche Interview als auch seineVorbereitung, Durchführung, Aufbereitung und Interpretation. Daherbedürfen sowohl die Quellen selbst einer gesonderten Betrachtung alsauch die Technik, Interviews zu führen und auszuwerten. [53]

Lange Zeit sah sich die Oral History mit dem Vorwurf konfrontiert, sie arbeite mit "subjektiven" Quellen,deren Aussagen sich nicht verallgemeinern lassen. Mittlerweile setztsich in der Geschichtswissenschaft immer mehr die Erkenntnis durch,dass im Grunde genommen kein Text nach den Kriterien "subjektiv" oder"objektiv" beurteilt werden kann. Schließlich sind auch sorgloserbenutzte "harte" Quellen wie Chroniken, Polizeiberichte undstatistische Untersuchungen niemals objektiv, sondern geprägt von einerIdeologie, Intention oder einem bestimmten Blickwinkel. Diemethodischen Probleme bei der Arbeit mit Zeitzeugeninterviews gleichenin vielen Punkten also denen der üblichen Quellenkritik. [54]

Bei der Interpretation von Oral-History-Interviews als Texten müssen ähnliche Besonderheitenberücksichtigt werden wie bei der Auswertung schriftlicherErinnerungen: Auch mündliche Lebensgeschichten setzen sich ausEreignissen sowie subjektiv Gedeutetem und nachträglich erworbenemWissen zusam­men. Sie enthalten fiktionale Elemente,"importierte" Erinnerungen Dritter, [55] Beschöni­gungen,Verklärungen, Vergessenes und Verdrängtes. Die Erzählung ist immer vonder gegenwärtigen Lebenssituation des Erzählers bestimmt, dieGegenwartsperspektive prägt den Rückblick auf die Vergangenheit. [56]Die Formulierung der Lebensgeschichte wird durch die Erzähl- undKommunikationssituation geprägt. So wie ein Buchautor die künftigeLeserschaft vor Augen hat, spricht auch der Informant nicht nur zumInterviewer, sondern auch mündlich vorgetragene Erinnerungen richtensich an ein "Publikum". [57] Das Moment der Selbstpräsentation undSelbstvergewisserung kommt hier zum Tragen. [58] Schließlichunterliegen auch mündliche Erzählungen bestimmten"Gattungskonventionen". Biographische Kommunikation, egal ob mündlichoder schriftlich, ist vorstrukturiert und an Formtraditionen gebunden.Hierzu zählen Lebensläufe, Vorstellungsgespräche, in der Literaturgeschilderte Lebensbilder oder eben Autobiographien. [59] Einemündliche Lebensgeschichte ist ebenso komponiert und konstruiert wieein schriftlich abgefasster autobiographischer Text. Das Interviewsollte daher ähnlich gelesen werden wie eine Autobiographie: nicht alsSpiegel gelebter Erfahrung, sondern als Versuch, das eigene Leben imRückblick zu ordnen, zu deuten und ihm einen Sinn zu geben.

Ein grundlegender Unterschied zwischen schriftlichen Erinnerungstexten und Oral-History-Interviews besteht jedoch darin, dass es sich bei Zeitzeugengesprächen wohl um die einzige Quellengattung handelt, die erst durch das Interesse der Forschenden produziertwird. [60] Zeitzeugen werden gezielt gesucht. Das Gespräch und damitder Text kommen erst zustande, wenn sie sich bereit erklären,Forschenden Auskunft über ihr Leben und ihre Erfahrungen zu geben.Deshalb gebührt der Technik des Interviewens besondere Aufmerksamkeit:[61] Um die Lebensgeschichte einer Person zu rekonstruieren, wirdheutzutage zumeist die Erhebungsmethode des "narrativen Interviews"angewandt. [62] Diese versucht, den Gesprächspartnern möglichst vielGestaltungsfreiheit zu lassen, Inhalt und Struktur der zu erzählendenLebensgeschichte nicht durch Fragen vorzugeben. Selbst wenn nur einAbschnitt aus der jeweiligen Biographie interessiert, umfasst dasInterview oftmals das gesamte Leben, damit erkennbar wird, wie derAutobiograph diesen Abschnitt in den Gesamtzusammenhang seinerLebensgeschichte einordnet. [63]

Das Interview gliedert sich in verschiedene Phasen. Zunächstwerden die Zeitzeugen mit einer offenen Frage darum gebeten,zusammenhängend und ohne Unterbrechung ihre Lebensgeschichte zuerzählen. Der Interviewer/die Interviewerin hat in diesem Teil nur dieAufgabe, aufmerksam zuzuhören. [64] Erst danach besteht Raum fürFragen. Auch der Frageteil kann nochmals aufgegliedert werden: Sosollten unmittelbar im Anschluss an die Erzählung in Form von"narrativem Nachfragen" [65] Anregungen zur weiteren Erzählung gegebenwerden. Der Interviewer nimmt also Bezug auf eine erzählte Begebenheitund bittet um weitere Ausführungen, beispielsweise: "Sie haben vorhineinen Eklat bei Ihrer Abitursfeier erwähnt. Könnten Sie dazu bitte nochetwas mehr erzählen?" Erst in einer dritten Phase können reine Wissens-und Verständnisfragen gestellt werden, nach Ortsangaben,Personenkonstellationen, Jahreszahlen, Lücken im Lebenslauf. NachAbschluss des Gesprächs wird das Interview Wort für Wort transkribiert,wobei der Text keine redaktionelle Bearbeitung erfahren sollte.

Durch das zusammenhängende, durch Fragen wenig gesteuerte Erzählenlässt sich die narrative Struktur eines Interviews in die Nähe einerAutobiographie rücken. Manche sprechen daher auch von einer "Erzählungin Gesprächsform" [66] oder "autobiographischen Erinnerungen" [67].Selbst wenn die Erzähler ihre Lebensgeschichte selbst gliedern und dieThemen selbst auswählen, muss beim Umgang mit Interviews als Quellenjedoch berücksichtigt werden, dass die Erzählung von der Fragestellungeines Forschungsprojektes und dem Erkenntnisinteresse des Zuhörersbeeinflusst wird. Dadurch dass die Zeitzeugen vor dem Gespräch über dasProjekt informiert werden, in dessen Zusammenhang ihre Geschichte vonInteresse ist, sehen sie sich mit einer bestimmten Erwartungshaltungder Interviewer konfrontiert. Es liegt nahe, dass sie aus ihremErinnerungsschatz vor allem die Begebenheiten auswählen, die ihrerMeinung nach für die Forschung interessant sein könnte. Das wirdalleine daran ersichtlich, dass manche Zeitzeugen von vornhereinZweifel hegen, dass ihre persönliche Geschichte für die Wissenschaftirgendeine Bedeutung haben könnte. [68] Die Frage nach denwechselseitigen Erwartungshaltungen sollte bei der Auswertung derInterviews also mitberücksichtigt werden.

Diese Begleitumstände eines Interviews können beispielsweisein einem Arbeitstagebuch festgehalten werden. Beobachtungen zumGesprächsverlauf, zur Atmosphäre oder zum Umfeld desInterviewpartners/der Interviewpartnerin sind ebenfalls wichtigeAnhaltspunkte für eine Bewertung: Wie lebt er oder sie? Wie ist dieWohnung eingerichtet? Welche Andenken finden sich darin? Welche Bilderhängen an der Wand? Welche Bücher stehen im Regal? Welche Fotos werdengezeigt? Auch Auftreten und Aussehen der Gesprächspartner könnenaufschlussreich sein oder metasprachliche Äußerungen wie Gestik, Mimik,Lachen, Weinen oder Schweigen. Das Arbeitstagebuch ist auch der Ort, andem Forschende ihre eigenen Gefühle, Eindrücke, Vorbehalte undSympathien im Umgang mit den Gesprächspartnern "archivieren" können.

Bei der Reflexion der eigenen Rolle im Interview sollten sichWissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergegenwärtigen, dass ihrErkenntnisinteresse vom eigenen kulturellen Hintergrund oderErfahrungshorizont bestimmt ist. Im Interview sitzen sich in der RegelMenschen aus unterschiedlichen Generationen, mit unterschiedlichemErfahrungen und Prägungen gegenüber. Häufig kann dies im Fragen undAntworten auch zu Missverständnissen und "Übersetzungsschwierigkeiten"führen. In manchen Interviews entsteht ein Vertrauensverhältnis, inanderen bleiben Fremdheit und Distanz bestehen. Die Beziehung zwischenForschenden und Gesprächspartnern kann deshalb ebenfalls eineInformationsquelle sein und in die Interpretation der Interviewsmiteinfließen. [69] Die eigene Persönlichkeit in die Deutung der Quelleeinzubeziehen und in der Darstellung der Forschungsergebnisse vorkommenzu lassen, scheint mir eine besondere Herausforderung fürHistorikerinnen und Historiker zu sein, die mit Oral Historyarbeiten. Möglicherweise muss hier eine subjektivere Schreibweisegewählt werden, als dies in der deutschen Wissenschaftskultur üblichist. [70]

Wenn schließlich die Kommunikationssituation im Interview indie historische Analyse einbezogen wird, so stellt sich auch die Fragenach kulturellen Faktoren, die biographi­sche Kommunikationprägen. Im Gegensatz zur Autobiographieforschung gibt es für denrussischen oder allgemein osteuropäischen Kontext erst sehr wenigForschungsar­beiten, die sich Traditionen mündlichen Erzählenswidmen. [71] Es ist bislang erst in Ansätzen erforscht, inwieweitInterviews Parallelen zu schriftlichen autobiographischen Textenaufweisen oder ob es eigene mündliche Überlieferungsbestände gibt. [72]Wurde in diesem Beitrag eingangs darauf verwiesen, dass Selbstzeugnisseim Geschichtsbewusstsein der ehemals sozialistischen Länder einebesondere Rolle spielen, so ist auch hier der Stellenwert mündlicherTradierung noch unzureichend untersucht. [73]

6. Vergangenheit und Gegenwart, Individuum und Kollektiv: der Prozess des Erinnerns

Stand bisher die Erzählung der Lebensgeschichte im Zentrum der Betrachtung, so sollen abschließend Erinnerungsprozesse beleuchtetwerden, die bei der Interpretation autobiographischer Texte ebenso insSpiel kommen. Es geht also um das Abspeichern, Abrufen, Vergessen,Umformen und Wiedergeben von Ereignissen und Erlebnissen.

Wie gut sich Vorgänge in unser Gedächtnis einprägen, hängtsowohl von den Bedin­gungen für ihre Speicherung ab als auchvon der Situation des Vergegenwärtigens. So scheinen wir alltägliche,sich wiederholende Vorgänge aus der Vergangenheit weniger deutlich vorAugen zu haben als einmalige Ereignisse, die in unserem Leben einebesondere Bedeutung hatten oder ihm eine neue Wendung gaben. Forschungen zu Erinnerungsvorgängenwerden derzeit verstärkt von Seiten der Neurowissenschaften,Psychologie, Kommunikationsforschung, aber auch Soziologie, Ethnologieund Geschichtswissenschaft betrieben. [74] In den letzten Jahren wurdenviele neue Erkenntnisse gewonnen. So zeigte sich zum Beispiel, dassbesonders farbige und detaillierte Erinnerungen, die deshalb lange Zeitfür "authentisch" gehalten wurden, aus dem Gedächtnis Dritter stammenkönnen, vor allem wenn es sich um Erlebnisse handelt, die eineSchockwirkung oder ein Trauma erzeugten. [75] Unser Gedächtnis ist aufkreative Weise danach bestrebt, Erinnerungslücken zu schließen, esbedient sich dabei Erzählungen anderer, Lektüreerfahrungen, Bildern,Fotographien, Filmen, Fernsehberichten. [76] Diese Kreativität desGedächtnisses liefert bereits einen wichtigen Anhaltspunkt für dasFunktionieren der Erinnerung. Früher nahm man an, das Gedächtnisbestehe aus einer Aneinanderreihung von gespeicherten Erfahrungen, diezwar verdrängt werden oder nicht abrufbar sein können, aber prinzipiellerhalten bleiben. [77] Neuere Forschungen zeigen hingegen, dassGedächtniscodes ein Leben lang Modifizierungen, Umstrukturierungen,Transformationen und Neuinterpretationen erfahren. [78] In derErinnerung wird also Erlebtes durch neu gewonnene Erkenntnisse undveränderte Lebensumstände ständig umgeformt und an neueLebenssituationen und Selbstbilder angepasst.

Für die Arbeit mit Erinnerungstexten leitet sich aus diesem Befund die Frage ab, ob Erinnerungstexte ausschließlich die Gegenwartsperspektive des Erzählers widerspiegeln oder ob auch frühere Wahrnehmungsmusterzutrage treten können, was für uns als Historikerinnen, die sich ja mitVergangenheit beschäftigen, besonders aufschlussreich wäre. Bei genauerLektüre von Erinnerungstexten lassen sich zumeist verschiedeneErinnerungsschichten erkennen, die mehr oder weniger vonspäteren Deutungsmustern überformt sind. Allerdings ist dieWissenschaft noch weit davon entfernt, katalogartig Merkmalezusammenfassen zu können, die für eine besondere Nähe oder Ferne derErzählung im Verhältnis zur Erlebnisebene sprechen. Indizien für ältereSchichten können Spuren zeitgenössischer Diskurse liefern, die sich inden Texten wiederfinden, aber auch textimmanente sprachliche Elementewie Verdichtung der Erzählung, Episoden, die sich nicht in dengewöhnlichen Erzählduktus einfügen lassen, oder auch Schweigen. [79]

Überformt werden individuelle Erinnerungen aber nicht nur durch spätere Erlebnisse und Erfahrungen, sondern auch durch Muster kollektiven Erinnerns.Erinnerung ist zwar ein Vorgang, der sich in einem Individuumvollzieht, gleichzeitig geschieht dieser Prozess in Kommunikation undInteraktion mit anderen Menschen. [80] Diese soziale Seite derErinnerung steht im Zentrum der Arbeiten des französischen SoziologenMaurice Halbwachs zum "kollektiven Gedächtnis". [81] Halbwachs stelltdie These auf, dass sich jedes individuelle Gedächtnis innerhalb vonsozialen Rahmenbedingungen (cadres sociaux) herausbildet, diesowohl Wahrnehmungen als auch Erinnerungen steuern. Verbunden ist daskollektive Gedächtnis mit einer Gruppe von Trägern("Gedächtnisgemeinschaft"). [82] Als Repräsentant einerGedächtnisgemeinschaft kann uns ein Mensch mit seinenLebenserinnerungen Hinweise auf kollektive Verarbeitungs- undDeutungsmuster geben. Zu den sozialen Bezugsrahmen des Gedächtnissesgehören das Sprechen über Vergangenheit in der Familie, inGeschichtsbüchern, im Verfassen von Memoiren, aber auch dieVergegenwärtigung des Vergangenen in Riten, Bräuchen, Festen, Orten,Sitten.

In den letzten Jahren wurden die Ideen Halbwachs', dessen Werkunvollendet blieb, wieder aufgegriffen. Auf breite Resonanz stieß vorallem Jan Assmanns Konzept des "kulturellen Gedächtnisses", das sich als Weiterentwicklung der Ansätze Halbwachs' versteht. [83] Im Zuge des linguistic turnwurde die kollektive Seite des Erinnerns zudem durch diskursanalytischeZugänge ergründet. [84] Mit dem Zusammenhang von individuellenGedächtnisvorgängen und sozialer Interaktion beschäftigte sich inletzter Zeit vor allem Harald Welzer. [85]

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle diese Ansätzeausführlich zu diskutieren. [86] Trotz zahlreicher neuer Arbeiten sindviele Fragen noch nicht abschließend geklärt. Weiterer Forschungenbedarf insbesondere das Wechselverhältnis zwischen kollektiven und individuellen Wahrnehmungsmustern,zwischen den Geschichtsbildern einer Gemeinschaft oder Gruppe und dereigenen Lebensgeschichte, zwischen dem öffentli­chen Umgang mitGeschichte und den persönlichen Erinnerungen der Mitlebenden. [87] Anden derzeitigen Forschungsdiskussionen fällt auf, dass wenigVerständigung zwischen Erinnerungsforschung und Vertretern derDiskursanalyse stattfindet. Auch werden Erkenntnisse ausliteraturwissenschaftlicher Autobiographieforschung,Ethno­logie oder Psychologie noch wenig in derGeschichtswissenschaft verwandt. Die Formulierung einer Synthese ausverschiedenen Ansätzen bleibt eine der Herausforde­rungen fürdie Arbeit mit Erinnerungstexten als historische Quellen. Für dieTextana­lyse weiterführend könnten ferner linguistischeMethoden, beispielsweise aus der Sprachpragmatik sein. [88]

Der Quellenwert erzählter Erinnerungen geht jedenfalls weitüber Einsichten in subjek­tive Wahrnehmungen der Menschenhinaus. Autobiographische Quellen enthalten Informationen überLebensverhältnisse und Alltagshandlungen, überKommunikations­tradition und Erzählkultur, über Prozesse derIdentitätsbildung und Geschlechtskon­struktion. Sie gebenEinblicke in Erinnerungsvorgänge, Verarbeitungsmuster,Bewälti­gungsstrategien und Handlungsdispositionen. Schließlichwird auch die Wirkung von Geschichtsbildern und ihre Bedeutung für eineGruppe oder Gemeinschaft sichtbar. Durch die Arbeit mitSelbstzeugnissen können wir uns sowohl den einzelnen Menschen annähernals auch den sozialen Strukturen, in denen sie agieren.

7. Literatur 

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Stand: November 2004
Letzte Änderung: 20.11.2004
Mail-Adresse der Autorin: anke.stephan@lrz.uni-muenchen.de
Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas (www.vifaost.de/geschichte/handbuch)

 

 

 


 

 

 

[1]  Dieser Beitrag ist infolge meiner Beschäftigung mitmündlichen und schriftlichen Lebensgeschichten im Rahmen meinesDissertationsprojektes entstanden: Anke Stephan: Von der Küche auf denRoten Platz: Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen, Zürich 2005[Basler Studien zur Kulturgeschichte Osteuropas, Bd. 13], erscheintvoraussichtlich im September 2005. Für Korrekturen und Anregungen dankeich Eva Maeder (Zürich), Julia Obertreis (Freibug), Carmen Scheide(Basel) und Elisabeth Vogel (Graz).
[2]  Aus der Fülle derLiteratur hier eine enge Auswahl: Dirk van Laak: Alltagsgeschichte, in:Michael Maurer (Hg.): Neue Themen und Methoden derGeschichtswissenschaft, Stuttgart 2003 [Aufriss der HistorischenWissenschaften, Bd. 7], S. 14-78; Michael Maurer: HistorischeAnthropologie, in: ebenda, S. 294-387; Hans Medick: Quo vadisHistorische Anthropologie? Geschichtsforschung zwischen HistorischerKulturwissenschaft und Mikro-Historie, in: Historische Anthropologie 9(2001), S. 78-92; Alf Lüdtke: Alltagsgeschichte, Mikro-Historie,historische Anthropologie, in: Hans-Jürgen Goertz (Hg.): Geschichte.Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, S. 557-578; Ders. (Hg.):Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen undLebensweisen, Frankfurt/New York 1989; Winfried Schulze (Hg.):Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikrohistorie, Göttingen 1994;Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Alltagskultur, Subjektivität undGeschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994;Peter Borscheid: Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zurVergangenheit?, in: Wolfgang Schieder/Volker Sellin (Hg.):Sozialgeschichte in Deutschland, Bd. 3, Göttingen 1987, S. 78-100; GerdZang: Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen überden theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- undAlltagsgeschichte, Konstanz 1985.
[3]  Siehe insbesondere diedrei Bände des Projekts Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet1930-1960, hg. von Lutz Niethammer, Berlin/Bonn 1983-1985.
[4] Siehe insbesondere das Konzept der "Lebenswelt": Heiko Haumann:Lebensweltlich orientierte Geschichtsschreibung in den JüdischenStudien: Das Basler Beispiel, in: Klaus Hödl (Hg.): Jüdische Studien.Reflexionen zu Theorie und Praxis eines wissenschaftlichen Feldes,Innsbruck 2003, [Schriften des Centrums für Jüdische Studien, Bd. 4],S. 105-122; Heiko Haumann/Martin Schaffner: Überlegungen zur Arbeit mitdem Kulturbegriff in den Geschichtswissenschaften, in: uni nova.Mitteilungen aus der Universität Basel 79 (1994), S. 19-34; RudolfVierhaus: Die Rekonstruktion historischer Lebenswelten. Problememoderner Kulturgeschichtsschreibung, in: Hartmut Lehmann (Hg.): Wege zueiner neuen Kulturgeschichte, Göttingen 1995, S. 7-28.
[5]  Lüdtke: Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, historische Anthropologie, S. 563.
[6] Winfried Schulze: Ego-Dokumente: Annäherungen an den Menschen in derGeschichte? Vorüberlegungen für die Tagung 'Ego-Dokumente', in: Ders.(Hg.): Ego-Dokumente. Annäherungen an den Menschen in der Geschichte,Berlin 1996, S. 11-30, hier S. 28.
[7]  Benigna vonKrusenstjern: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische undquellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17.Jahrhundert, in: Historische Anthropologie 2 (1994), S. 462-471.Zentral für die Kategorisierung eines Textes als "Selbstzeugnis" istfür sie die "Selbstthematisierung". Das heißt "die Person desVerfassers oder der Verfasserin tritt in ihrem Text selbst handelndoder leidend in Erscheinung oder nimmt darin explizit auf sich selbstBezug" (S. 463).
[8]  Für die Arbeit mit anderen Gattungen vonSelbstzeugnissen verweise ich insbesondere auf die Beiträge JochenHellbecks für den Umgang mit Tagebüchern: Jochen Hellbeck: Writing theSelf in the Time of Terror: the Diary of Aleksandr Afinogenov, in:Laura Engelstein/Stefanie Sandler (Hg.): Self and Story in RussianHistory, Ithaca 2000, S. 69-93; ders.: Fashioning the Stalinist Soul:The Diary of Stepan Podlubnyi (1931-1939), in: Jahrbücher fürGeschichte Osteuropas 44 (1996), S. 344-373; für den Umgang mit Briefenals historische Quelle: Stefan Weiß: "Briefe", in: Einführung in dieInterpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Neuzeit, hg. v.Bernd-A. Rusinek/Volker Ackermann/Jörg Engelbrecht, Paderborn u.a.1992, S. 45-60.
[9]  Mit Erinnerungstexten aus dem russischenKulturraum habe ich mich vor allem im Rahmen meinesDissertationsprojektes Stalins rebellische Töchter. Lebenswegesowjetischer Dissidentinnen der 1960er bis 1980er Jahre beschäftigt. ImRahmen dieser Arbeit wurden schriftliche Erinnerungen von etwa 60Personen ausgewertet und 15 Oral-History-Interviews geführt.
[10] Ein eindrucksvolles Beispiel eines solchen heimlich durchgeführtenInterviewprojekts ist: Carola Hansson/Karin Liden: Unerlaubte Gesprächemit Moskauer Frauen, München 1983.
[11]  Das bekanntesteBeispiel ist sicherlich die autobiographisch geprägte ErzählungAleksandr Sol'enicyns Ein Tag im Leben des Ivan Denisovič, die 1962 inder Zeitschrift Novyj Mir erschien. Deutsche Ausgabe: AlexanderSolschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, München/Zürich1963.
[12]  Samizdat bezeichnet die im Selbstverlag herausgegebene Untergrund-Literatur.
[13] Beispielsweise führte Irina Šerbakova seit den 1970er Jahren Interviewsmit Überlebenden der stalinistischen Lager: Irina Sherbakova: The Gulagin Memory, in: Luisa Passerini (Hg.): Memory and totalitarism, Oxford1992; Irina Scherbakowa: Nur ein Wunder konnte uns retten. Leben undÜberleben unter Stalins Terror, Frankfurt am Main 2000.
[14] Pamjat': Istoričeskii sbornik, Moskau, Samizdat 1976-1981, Nachdruck:New York 1976-. Die dissidentische Gruppe, die sich in den 1970er und1980er Jahren um die Zeitschrift Pamjat' bildete, ist nicht identischmit der rechtsnationalen Gruppierung im heutigen Russland.
[15]  Minuvšee. Istoričeskii al'manach, St. Petersburg und Moskau 1986-1999.
[16] Zum Genre der Autobiographien und Memoiren: Paul John Eakin: Fictionsin Autobiography. Studies in the Art of Self-Invention. Princeton 1985;Dagmar Günther: 'And now for something completely different'.Prolegomina zur Autobiographie als Quelle der Geschichtswissenschaft,in: Historische Zeitschrift 272 (2001), S. 25-61; Jürgen Lehmann:Bekennen – Erzählen – Berichten. Studien zu Theorie und Geschichte derAutobiographie, Tübingen 1988; Bernd Neumann, Identität undRollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie, Frankfurt. 1970; JamesOlney: Autobiography and the Cultural Moment. A Thematic, Historicaland Bibliographical Introduction, in: Ders. (Hrsg): Autobiography.Essays Theoretical and Critical, Princeton 1980, S. 3-27; MartinaWagner-Engelhaaf: Autobiographie, Stuttgart/Weimar 2000.
[17] Definition nach Georges May: L'Autobiographie, Paris 1979, zitiert nachJane Gary Harris: Diversity of Discourse: Autobiographical Statementsin Theory and Praxis, in: dies. (Hg.): Autobiographical Statements inTwentieth-Century Russian Literature, Princeton 1990, S. 3-35, hier S.26.
[18]  Philippe Lejeune: Le pacte autobiographique, Paris 1975.
[19] Diese Differenzierung zwischen Memoiren und Autobiographien wird in derLiteraturwissenschaft allerdings immer häufiger kritisiert, vor allemvon Seiten derjenigen, die sich mit Gender-Konzepten beschäftigen.Siehe beispielsweise Elisabeth Cheauré: 'Dass ich in der Welt nichtsmehr hasse als Mutterschaft...' Weiblichkeitskonstruktionen undAusbruchsphatasien in den Erinnerungen von Ljubov' DmitrievnaMendeleeva-Blok, in: Ina Brueckel u.a. (Hg.): Bei Gefahr desUntergangs. Phantasien des Aufbruchs. Festschrift für Irmgard Roebling,Würzburg 2000, S. 241-259.
[20] Neumann, Identität und Rollenzwang, S. 25.
[21] Siehe beispielsweise Jörg Engelbrecht: Autobiographien, Memoiren, in:Einführung in die Interpretation historischer Quellen. SchwerpunktNeuzeit, hg. v. Bernd-A. Rusinek/Volker Ackermann/Jörg Engelbrecht,Paderborn u.a. 1992, S. 61-80, hier S. 63f.
[22]  ZurGeschichte der Autobiographie in Westeuropa siehe beispielsweiseLehmann: Bekennen – Erzählen – Berichten, Wagner-Engelhaaf, S. 100-200.
[23]  Harris, Diversity of Discourse, S. 10.
[24] Einleitung zu Marianne Liljeström/Arja Rosenholm/Irina Savkina (Hg.):Models of Self. Russian Women’s Autobiographical Texts, Helskinki 2000,S. 5-14, hier S. 6f. [25]  Katharina II.: Memoiren. Von ihr selbstgeschrieben. Mit einer Vorrede von Alexander Herzen, Hannover 1859;Neuauflage: Ekaterina II. Memoiren, hg. v. Annelies Graßhoff, 2 Bde.,München 1993. Zur Geschichte der russischen Autobiographie: TobyClyman/Judith Vowles: Introduction, in: dies. (Hg.): Russia ThroughWomen's Eyes. Autobiographies from Tsarist Russia, Chelsea/Michigan1996, S. 1-46. Ulrich Schmid: Ichentwürfe: die russische Autobiographiezwischen Avvakum und Gercen, Zürich/Freiburg i.Br. 2000 [Basler Studienzur Kulturgeschichte Osteuropas, Bd. 1]; Beth Holmgren (Hg.): TheRussian Memoir. History and Literature, Evans­ton/Illinois2003. Alois Schmücker: Anfänge und erste Entwicklung der Autobiographiein Russland (1760-1830), in: Günther Niggl (Hg.): Die Autobiographie.Zur Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Darmstadt 1989, S.415-458. Einen fundierten Überblick über Geschichte und Struktur derrussischen Autobiographie liefert auch Isabel Schmidt, deren exzellenteMagisterarbeit leider nicht veröffentlicht wurde. Ich danke der Autorinfür die Überlassung des Manuskripts: Isabel Schmidt: Zur literarischenBewältigung der Lagererfahrung im autobiographischen Text: EvgenijaGinzburgs "Krutoj maršrut". Mit einem Exkurs zu Irina Ratušinskajas"Seryj – cvet nadeždy". Unveröffentlichte Magisterarbeit, UniversitätFreiburg i. Br., Seminar für Slavistik, SS 1999.
[26]  Isabel Schmidt, S. 25.
[27]  Ebenda, S. 17.
[28] Susanne Schattenberg: Stalins Ingenieure. Lebenswelten zwischen Technikund Terror in den 1930er Jahren, München 2002 [Ordnungssysteme. Studienzur Ideen­geschichte der Neuzeit, Bd. 11], S. 23-33; YuriSlezkine: Lives as Tales, in: Sheila Fitzpatrick/Yuri Slezkine (Hg.):In the Shadow of Revolution: Life Stories of Russian Women from 1917 tothe Second World War, Princeton, New Jersey 2000, S. 18-30, hier S. 21;
[29] Zur Tradition des Memoirenschreibens in den 1930er Jahren und ihrerWeiterentwicklung in den 1950er und 1960er Jahren: Schattenberg, S.23-33.
[30]  Claude Pennetier/Bernard Pudal (Hg.):Autobiographies, autocritiques, aveux dans le monde Communiste, Paris2002; Brigitte Studer/Berthold Unfried: Der stalinistische Parteikader.Identitätsstiftende Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre,Köln 2001.
[31]  Isabel Schmidt, S. 26.
[32]  Beispiele sind die Memoiren Ivan Jakuškins, der Brüdern Bestušev, Sergej Volkonskijs und Marija Vol'konskajas.
[33]  Aleksandr Gercen: Byloe i dumy, London 1854-1858.
[34] Beth Holmgren: For the Good of the Cause: Russian Women's Autobiographyin the Twentieth Century, in: Toby W. Clyman/Diana Greene: WomenWriters in Russian Literature, Westport 1994, S. 127-148; HildeHoogenboom: Vera Figner and Revolutionary Autobiographies: theInfluence of Gender on Genre; in: Rosalind Marsh (Hg.): Women in Russiaand Ukraine, Cambridge 1996, S. 78-92.
[35]  Bekannte Beispielesind die Werke Evgenija Ginzburgs, Aleksandr Sol'enicyns, NadeždaMandel'štams, Anna Larina Bucharinas. Siehe auch den Sammelband Dodnes'tjagoteet. Vypusk 1: Zapiski vašej sovremennicy, hg. von SemenVilenskij, Moskau 1989 (englische Übersetzung: Till my Tale is Told.Women's Memoirs of the Gulag, hg. v. Simeon Vilensky, Bloomington,Indiana 1999).
[36]  Aus der Fülle der vorliegendenErinnerungen: Ljudmila Alexeyeva/Paul Goldberg: The Thaw Generation.Coming of Age in the Post-Stalin Era, Boston 1990; Andrej Amalrik:Unfreiwillige Reise nach Sibirien, Hamburg 1970 (russ. Neželannoeputešestvie v Sibir', N.Y. 1970); Ders.: Aufzeichnungen einesRevolutionärs, Berlin 1983 (russ. Zapiski dissidenta, Moskau 1991);Jelena Bonner: Mütter und Töchter. Erinnerungen an meine Jugend 1923bis 1945, München/Zürich 1992 (Originalausgabe: Elena Bonnėr: Dočki –materi, New York 1991); Dies.: In Einsamkeit vereint: meine Jahre mitAndrei Sacharow in der Verbannung, Mün­chen 1991 (russischeAusgabe: Elena Bonnėr: Postskriptum: kniga o gor'kovskoj ssylke, Moskau1990); Lev Kopelev: Aufbewahren für alle Zeit, Hamburg 1976 (russ.Ausgabe: Chranit' večno, Ann Arbor 1975); Ders.: Und schuf mir einenGötzen. Lehrjahre eines Kommunisten, München 1981 (russ. Ausgabe: Isotvoril sebe kumira, Ann Arbor 1979); Raissa Orlowa: EineVergangenheit, die nicht vergeht. Rückblicke aus fünf Jahrzehnten,München und Hamburg 1985. (russ. Vospominanija o neprošedšem vremeni,Ann Arbor 1983); Andrei Sacharow: Mein Leben, München 1991 (russ.Vospominanija, New York 1990). Für die Interpretation derdissidentischen Erinnerungen: Stephan: Von der Küche auf den RotenPlatz. .
[37]  Holmgren, S. 129; Hoogenboom, S. 79.
[38] Holmgren; Hoogenboom; Schattenberg, S. 31f.; Igal Halfin: From Darknessto Light: Student Communist Autobiography During NEP, in: Jahrbücherfür Geschichte Osteuropas 45 (1997), Heft 2, S. 210-236; Reginald EZelnik: Before Class: The Fostering of a Worker Revolutionary, theConstruction of his Memoir, in: Russian History 20 (1993), S. 61-80;Barbara Alpern Engel: Mothers and Daughters: women of theIntelligentsia in Nieneteenth-Century Russia, Cambridge 1983, S. 141f.,173 und 181ff.
[39] Holmgren, S. 129; Hoogenboom, S. 79.
[40] Katherine R. Goodman: Weibliche Autobiographien, in: HiltrudGnüg/Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte. SchreibendeFrauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart 1999 (2. Aufl.), S.166-176, Michaela Holdenried: Autobiographie, Stuttgart 2000, S. 62-78;Dies (Hg.): Geschriebenes Leben. Autobiographik von Frauen, Berlin1995; Mary G. Mason: The Other Voice: Autobiographies of Women Writers,in: Olney (Hg): Autobiography, S. 207-235. Karin Tebben: LiterarischeIntimität: Subjektkonstitution und Erzählstruktur in autobiographischenTexten von Frauen, Tübingen 1997.
[41]  Siehe R. Goodman sowie Holdenried: Autobiographie, S. 62-78.
[42]  Goodman, S. 172; Wagner-Engelhaaf, S. 94-99; Holdenried, Autobiographie, S. 66f.
[43]  Mason: The Other Voice, Albrecht Lehmann, S. 51.
[44] Holmgren; Hoogenboom; Toby W. Clyman: Women Physicians' Autobiographyin the Nineteenth Century, in: dies./Diana Greene (Hg.): Women Writersin Russian Literature, Westport/London 1994, S. 111-125. Für eine ersteAnnäherung an weibliche Memoiren aus der Sowjetunion siehe auch: SheilaFitzpatrick, Lives and Times, dies./Slezkine (Hg.): In the Shadow ofRevolution, S. 3-17.
[45]  Dazu Stephan, Von der Küche auf den Roten Platz, insbesondere Kapitel 2, 3 und Schlusswort.
[46] Interessante Impulse liefern hier Holmgren, Hoogenboom sowie ArjaRosenholm, Gendering Awakening. Femininity and the Russian WomanQuestion of the 1860s, Helsinki 1999. Rosenholm beschäftigt sich zwarvornehmlich mit literarischen Texten von Frauen, ihre Beobachtungenkönnen meines Erachtens aber auch auf Autobiographischen und Memoirenübertragen werden.
[47]  Günther, S. 27.
[48]  Freilich enthalten auch "nicht-fiktionale" Texte Fiktives.
[49]  Für folgendes siehe Ulrich Schmid, Ichentwürfe, S. 9-17.
[50]  Ebenda, S. 13.
[51] Für eine Definition des Begriffs in der Psychologie siehe JürgenStraub: Personale und kollektive Identität. Zur Analyse einestheoretischen Begriffs, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.):Identitäten, Frankfurt 1998 [Erinnerung, Geschichte, Identität, Bd. 3],S. 73-104. Nach Straub ist Identität die "Einheit und Nämlichkeit einerPerson, welche auf aktive, psychische Synthetisierungs- oderIntegrationsleistungen zurückzuführen ist, durch die sich diebetreffende Person der Kontinuität und der Kohärenz ihrer Lebenspraxiszu vergewissern sucht (S. 75). Zum Identitätsbegriff siehe auch JanAssmann, Kulturelles Gedächtnis, S. 130ff.
[52]  Siehe Stephan,Von der Küche auf den Roten Platz, Kapitel 6.3, den Abschnitt:"Hierarchie nach Leidensgrad": Lager und Gefängnis in derWahrneh­mung der Dissidentinnen und Dissidenten".
[53] Zur Einführung in die Oral History exemplarisch: Dorothee Wierling,Oral History, in: Michael Maurer (Hg.): Neue Themen und Methoden derGeschichtswissenschaft, Stuttgart 2003 [Aufriss der HistorischenWissenschaften, Bd. 7], S. 81-151; Roswitha Breckner: Von denZeitzeugen zu den Biographen. Methoden der Erhebung und Auswertunglebensgeschichtlicher Interviews, in: Berliner Geschichtswerkstatt(Hg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte: zur Theorie undPraxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 199-222; Franz JosephBrüggemeier: Aneignung vergangener Wirklichkeit. Der Beitrag der OralHistory, in: Wolfgang Voges (Hg.): Methoden der Biographie undLebenslaufforschung, Opladen 1987, S. 145-169. Lutz Niethammer: Fragen– Antworten – Fragen. Methodische Erfahrungen und Erwägungen zur OralHistory, in: Lutz Niethammer/Alexander von Plato (Hg.): "Wir kriegenjetzt andere Zeiten". Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes innachfaschistischen Ländern, Berlin/Bonn 1985, S. 392-445; Ders. (Hg.):Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis: die Praxis der "oralhistory", Frankfurt 1985 (2. Aufl.).
[54]  Heiko Haumann:Rückzug in die Idylle oder ein neuer Zugang zur Geschichte? Problemeund Möglichkeiten der Regionalgeschichte, in: Alemannisches Jahrbuch1984/86 (1988), S. 7-22, hier S. 18; Ronald J. Grele, ZielloseBewegung. Methodologische und theoretische Probleme der Oral History,in: Niethammer, Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis, S. 143-161,hier S. 146. Grundsätzlich: Otto Gerhard Oexle: Was ist einehistorische Quelle?, in: Rechtsgeschichte 4 (2004), S. 165-186.
[55]  Dazu Welzer, Kommunikatives Gedächtnis, insbesondere das zweite Kapitel, S. 19-45.
[56] Hierzu besonders Gabriele Rosenthal: Die erzählte Lebensgeschichte alshistorisch-soziale Realität. Methodologische Implikationen für dieAnalyse biographischer Texte, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.):Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte: zur Theorie und Praxis vonAlltagsgeschichte, Münster 1994, S. 125-138, hier S. 130, ausführlichin: dies., Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Strukturbiographischer Selbstbeschreibungen, Frankfurt am Main/New York 1995,S. 70-98; Albrecht Lehmann: Erzählstruktur und Lebenslauf.Autobiographische Untersuchungen, Frankfurt am Main 1983.
[57]  Grele, Ziellose Bewegung, S. 151.
[58]  Gregor Spuhler, Oral History in der Schweiz, in: Vielstimmiges Gedächtnis, S. 7-20, hier S. 9.
[59] Herwart Vorländer, Mündliches Erfahren von Geschichte, in: ders. (Hg.)Oral History – mündlich erfragte Geschichte, Göttingen 1990, S. 7-28,hier S. 15; Rosenthal, Erlebte und erzählte Lebensgeschichte, S.100ff.; Ulrike Jureit: Erinnerungsmuster. Zur Methodiklebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations-und Vernichtungslager, Hamburg 1999, [Forum Zeitgeschichte, Bd. 8], S.87.
[60]  Vorländer, S. 20.
[61]  Zur Planung,Vorbereitung und Durchführung eines Interviewprojektes sieheinsbesondere Wierling, Oral History, Breckner, Von den Zeitzeugen zuden Biographen sowie Barbara W. Sommer/Mary Kay Quinlan: The OralHistory Manual, Walnut Creek u.a. 2002; Donald A. Ritchie: Doing OralHistory. A Pracitical Guide, Oxford 2003, (2. Aufl.). Auf die genannteLiteratur verweise ich auch in bezug auf die technischenVoraussetzungen sowie rechtliche und ethische Fragen, die mit einemInterviewprojekt verbunden sind.
[62]  Das Konzept des"narrativen Interviews" wurde vom Soziologen Fritz Schütze entwickelt.Fritz Schütze: Die Technik des narrativen Interviews inInteraktionsfeldstudien. Arbeitsberichte und Forschungsmaterialien Nr.1 der Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie 1977, ders.:Biographieforschung und narratives Interview, in: Neue Praxis 3 (1987),S. 283-294. Zur Umsetzung siehe insbesondere Rosenthal, Erlebte underzählte Lebensgeschichte, S. 186-207; Jureit, Erinnerungsmuster, S.60-71; Breckner, Von den Zeitzeugen zu den Biographen, Wierling, OralHistory, S. 105-124.
[63]  Rosenthal, Erlebte und erzählte Lebensgeschichte, S. 198.
[64] Über das Zuhören schrieb unlängst Barbara Duden in Auseinandersetzungmit der indischen Anthropologin Veena Das einen inspirierenden Artikel:Barbara Duden: Mitfühlende Ohren – Auf der Suche nach dem Hörsinn desForschers: Ein Kommentar zu den Studien einer indischen Anthropologin,in: Daniela Münkel/Jutta Schwarzkopf (Hg.): Geschichte als Experiment.Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert,Frankfurt am Main 2004, S. 169-179.
[65]  Breckner, Von denZeitzeugen zu den Biographen, S. 207. Eine andere Phaseneinteilungnimmt Alexander von Plato vor: Zeitzeugen und die historische Zunft.Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives Gedächtnis in derqualitativen Geschichtswissenschaft – ein Problemaufriss, in: Bios 13(2000), S. 5-29, hier S. 21-23.
[66]  Grele, S. 205.
[67]  Bertaux/Bertaux-Wiame, in: Niethammer, Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis, S. 146.
[68] Besonders deutlich wird dies oftmals in Interviews mit Frauen. Siehebeispielsweise Karen Hagemann, "Ich glaub' nicht, dass ich Wichtiges zuerzählen hab'...". Oral History und historische Frauenforschung, in:Vorländer, Oral History, S. 29-48; Albrecht Lehmann, S. 51, DanielBertaux/Isabelle Bertaux-Wiame: Autobiographische Erinnerung undkollektives Gedächtnis, in: Lutz Niethammer, Lebenserfahrung undkollektives Gedächtnis, S. 146-165, hier S. 155.
[69]  FlorenceWeiss: Eine Beziehung als Kontext der Datengewinnung.Ethnopsychoanalytische Geschichtspunkte im Forschungsprozess, in:Spuhler, Vielstimmiges Gedächtnis, S. 23-47.
[70]  Einegelungene Darstellung ist in meinen Augen: Marc Roseman: In einemunbewachten Augenblick Eine Frau überlebt im Untergrund, Berlin 2002.
[71] Siehe beispielsweise Sabine R. Arnold: Stalingrad im sowjetischenGedächtnis. Kriegserinnerung und Ge­schichtsbild im totalitärenStaat, Bochum 1998; Schattenberg, Stalins Ingenieure; Julia Obertreis:Die Tränen des Sozialismus. Wohnen in Leningrad zwischen Alltag undUtopie 1917-1937, Köln/Weimar/Wien 2004; Eva Maeder: Career andPunishment: The Life of a Communist in a Siberian Old Believers'Village during Collecivization, in: Heiko Haumann/Brigitte Studer(Hg.): System and Individual in Stalinism (im Druck); dies.: "Man bliebnicht ohne Arbeit": Frauenalltag in Ostsibirien und dem SchweizerPrättigau, in: Ingrid Miethe u.a. (Hg.): Geschlechterkonstruktionen inOst und West. Biographische Perspektiven, Münster 2004 [Soziologie:Forschung und Wissenschaft, Bd. 8], S. 259-282.
[72]  In meinemeigenen Forschungsprojekt konnte ich deutliche Affinitäten zwischenmündlichen und schriftlichen Erinnerungstexten feststellen. Das lagmöglicherweise aber auch daran, dass die Gruppe der Dissidentinnen undDissidenten eine hohe Schreib- und Lesekultur pflegten und sichintensiv mit Memoirenliteratur auseinandersetzten. Susanne Schattenbergkonstatiert, dass auch mündliche Erzählungen von den eingeübten Musterndes Lebenslauf- und Memoirenschreibens geprägt sind: Schattenberg,Stalins Ingenieure, ebenso Obertreis, Tränen des Sozialismus. Es istallerdings noch nicht umfassend untersucht, welche Muster undStrukturen mündlichen Erzählens in unterschiedlichen sozialen Gruppenund Schichten prägend waren.
[73]  Das liegt möglicherweisedaran, dass Oral History in den postsozialistischen Ländern historischForschenden in erster Linie als Quelle für anderweitig nichtdokumentierte Ereignisse gilt und dem Erzählen selbst daher nur wenigAufmerksamkeit geschenkt wird. Siehe beispielsweise die Beiträge inBios 3 (1990), Heft 1 mit dem Themenschwerpunkt "Oral History in derUdSSR".
[74]  Für einen guten Überblick: Welzer, KommunikativesGedächtnis; Hans J. Markowitsch: Die Erinnerung von Zeitzeugen ausSicht der Gedächtnisforschung, in: BIOS 13 (2000), Heft 1, S. 30-50.
[75]  Welzer, Kommunikatives Gedächtnis, S. 35-39.
[76]  Ebenda, S. 19-45 sowie 171-192.
[77] Jureit, Erinnerungsmuster, S. 47, die hier Freuds Vorstellungwiedergibt, sowie Welzer, Kommunikatives Gedächtnis, S. 20.
[78] Ebenda sowie Rosenthal: Die erzählte Lebensgeschichte alshistorisch-soziale Realität, S. 132f., dies.: Erlebte und erzählteLebensgeschichte.
[79]  In meiner Dissertation habe ich anhandvon Textbeispielen immer wieder versucht, die Frage nach Nähe oderFerne zur Erlebnisebene zu diskutieren: Stephan, Von der Küche auf denRoten Platz, besonders Kapitel 2, 4, 7 und das Schlusswort.
[80]  Dazu insbesondere Welzer, Kommunikatives Gedächtnis.
[81] Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt 1985, 2. Aufl.(frz.: La mémoire collective, Paris 1950); ders.: Das Gedächtnis undseine sozialen Bedingungen, Frankfurt 1985, 2. Aufl. (frz. Original:Les cadres sociaux de la mémoire, Paris 1925).
[82]  Allerdingsist jeder Mensch Vertreter verschiedener Gruppen, der Familie, einerKirchengemeinschaft, politischen Partei, einer Minderheit oder Nation.Insofern kann es zur Interferenz und Konkurrenz verschiedenerkollektiver Deutungsmuster kommen. Hierzu Wierling, Oral History, S.97-99.
[83]  Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift,Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München2002, 4. Aufl. (1. Aufl. 1992). Ders.: Kollektives Gedächtnis undkulturelle Identität, in: ders./Tonio Hölscher (Hg.): Kultur undGedächtnis, Frankfurt am Main 1988, S. 9-19, hier S. 15.
[84] Dabei rückt vor allem der Erfahrungsbegriff ins Zentrum der Diskussion:Joan W. Scott: The Evidence of Experience, Critical Inquiry 17 (1991),S. 773-797; Kathleen Canning: Feminist History after the LinguisticTurn: Historicizing Discourse and Experience, in: Signs 19, 1.2(1993/94), S. 368-404, (in deutscher Fassung leicht abgewandelterschienen als: Problematische Dichotomien. Erfahrung zwischenNarrativität und Materialität, in: Historische Anthropologie 10, 2002,S. 163-182); Ute Daniel: Erfahrung – (k)ein Thema in derGeschichtstheorie?, in: L'Homme 11 (2000), Heft 1, S. 120-123;Marguérite Bos/Bettina Vincenz/Tanja Wirz (Hg.): Erfahrung: Alles nurDiskurs? Zur Verwendung des Erfahrungsbegriffs in derGeschlechtergeschichte; Zürich 2004 [SchweizerischeHistorikerinnentagungen, Band 11]. Die meisten dieser Beiträge beziehensich auf den Diskursbegriff Foucaults. Siehe: Michel Foucault:Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1973, insbesondere S.154-171; Ders.: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 2003 (9.Aufl.). Aus der mittlerweile umfangreichen Literatur zur Diskursanalysein der historischen Forschung: Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaftund Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2003; Achim Landwehr: Geschichtedes Sagbaren. Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen2001.
[85]  Welzer, kommunikatives Gedächtnis.
[86] Ich verweise daher auf die genannten Schriften. Eine guteZusammenfassung der Ansätze Halbwachs' sowie seiner Umsetzung beiPierre Nora, Jan und Aleida Assmann liefert Clemens Wischermann:Geschichte als Wissen, Gedächtnis oder Erinnerung? Bedeutsamkeit undSinnlosigkeit in Vergangenheitskonzeptionen der Wissenschaften vomMenschen, in: ders. (Hg.): Die Legitimität der Erinnerung und dieGeschichtswissenschaft, Stuttgart 1996 [Studien zur Geschichte desAlltags, Bd. 15], S. 55-85, ebenso: von Plato, Zeitzeugen und diehistorische Zunft, S. 9-13.
[87]  Wierling, Oral History, S. 103.
[88] Ein Beispiel für eine sprachpragmatische Herangehensweise, allerdingsnicht in der Oral History wäre: Martin Schaffner: Fragemethodik undAntwortspiel. Die Enquête von Lord Peron in Skibbereen, 10. September1844, in: Historische Anthropologie 6 (1998), S. 55-75.

 

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Inhalt:

1. Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse: Annäherungen an den Menschen in der Geschichte

2. Zur Bedeutung von Erinnerungen in der Osteuropäischen Geschichte

3. Autobiographien und Memoiren in der russischen und sowjetischen Kultur

4. Quellen wofür? Zum Aussagewert von Autobiographien und Memoiren

5. Oral-History-Interviews

6. Vergangenheit und Gegenwart, Individuum und Kollektiv: der Prozess des Erinnerns

7. Literatur

 

   

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