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On the German labour movement in Czech lands...(by Horst Ziska)

(In German)

Im Jahre 1989 entschloss sich die "Seliger-Gemeinde", die "Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten", ihr historisches Archiv, das "Seliger-Archiv" in Stuttgart, der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zur weiteren Betreuung zu übergeben. Diesem Archiv ist auch eine historische Bibliothek angegliedert, die eine umfangreiche Sammlung von Primär- und Sekundärquellen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern enthält.
Die Seliger-Gemeinde steht als Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in der Tradition der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) und ihrer Vorgängerorganisationen in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien sowie der vor dem Weg in Exil gegründeten "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten".

1. Die deutsche Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern

Die im Jahre 1863 in Asch, im nordwestlichsten Zipfel Böhmens, als Sektion des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegründete Arbeitervereinigung war die erste sozialdemokratische Organisation im Kaiserreich Österreich überhaupt, denn sie entstand vier Jahre vor der Gründung des ersten Arbeiterbildungsvereins in Wien. Obwohl die böhmische Statthalterei in Prag den Arbeitern von Asch den Beitritt zum ADAV untersagte, setzten sich ihre Aktivitäten in den folgenden Jahren fort. An ihrer Spitze stand der Strumpfwirker Johann Simon Martin, der am 23. Juni 1822 in Asch geboren wurde und dort auch am 14. April 1867 im Alter von 44 Jahren verstarb.
Am Ausgang der 60er Jahre vollzog sich der Aufstieg des nordböhmischen Reichenberg zum Zentrum der frühen deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern, die in der nächsten Generation vor allem mit den Namen Josef Krosch, Josef Hannich, Hugo Schmidt, Josef Schiller, Anna Altmann, Ferdinand Schwarz und Wilhelm Kiesewetter verknüpft war, die alle in den vierziger oder fünfziger Jahren geboren wurden.
Der Tuchmacher Josef Krosch starb - noch nicht dreißig Jahre alt - als Opfer ständiger Verfolgungen am 10. Mai 1870 in der Haft in Prag. Bei seiner Beisetzung in Prag gaben ihm Tausende tschechischer Arbeiter das letzte Geleit. - Josef Hannich machte sich wie sein Schwager Josef Schiller nicht nur als Pionier der nordböhmischen Arbeiterbewegung und Redakteur früher sozialdemokratischer Arbeiterblätter einen Namen, sondern auch als Arbeiterdichter. - Josef Schiller überwarf sich in seinen späten Lebensjahren mit der sozialdemokratischen Partei und wanderte 1896 in die USA aus, wo er schon ein Jahr später starb. Krosch, Hannich und Schiller wirkten vor allem in Reichenberg.
Wurde das Verhältnis zwischen der deutschen und der tschechischen Arbeiterschaft in der Frühzeit der Arbeiterbewegung in Böhmen nicht als nationale, sondern als soziale Frage begriffen, so änderte sich das am Ausgang des 19. Jahrhunderts in dem Maße, in dem nationales Denken und Fühlen auch in die Arbeiterbewegung Eingang fand. Der fortschreitende Zerfall der Habsburger Monarchie war auch vom Zerfall ihrer internationalen Arbeiterbewegung in nationale Bewegungen begleitet.
In dieser Zeit sich verschärfender nationaler Gegensätze begann der Aufstieg Josef Seligers zum unbestrittenen Führer der deutschen Arbeiterbewegung in Böhmen. Der ehemalige Textilarbeiter - am 17. Februar 1870 in Schönborn bei Reichenberg geboren - wurde 1894 Redakteur der Teplitzer "Volksstimme" und 1896 ihres Nachfolgers, der "Freiheit". Es war vor allem sein Verdienst, dass diese Zeitung in einer Zeit, in der die deutsche sozialdemokratische Bewegung in Böhmen über kein Zentralorgan verfügte, überregionale Bedeutung gewann. Auf dem historischen Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1899 in Brünn, auf dem das Brünner Nationalitätenprogramm angenommen wurde, erläuterte der 29jährige Seliger als Referent den Entwurf des Parteivorstandes. Nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts - das freilich so gleich nicht war, denn es schloss Frauen nach wie vor aus - wurde Seliger 1907 und 1911 in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrats gewählt.
Das Scheitern des Versuchs, nach dem Zerfall der Doppelmonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs bei Deutsch-Österreich zu verbleiben und sich mit Österreich dem republikanischen Deutschland anzuschließen - auf die Problematik einer Loslösung der mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete Böhmens, Mährens und Österreichisch-Schlesiens hat Josef Seliger schon in dem Aufsatz "Das selbständige Deutschböhmen" (In: "Der Kampf", Bd. 11(1918), S. 719-723) hingewiesen -, stellte die Deutschen in Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien vor eine ganz neue Situation. Waren die Deutschen in der Donau-Monarchie Angehörige der herrschenden Nation gewesen, so wurde ihnen nun im Nationalstaat der Tschechen und Slowaken der Status einer Minderheit zugewiesen. Diese aus der Doppelmonarchie mit vertauschten Rollen übernommene Situation sollte den neuen Staat in seiner zwei Jahrzehnte währenden Existenz nicht zur Ruhe kommen lassen, weil die nationalistischen Kräfte auf beiden Seiten sich unversöhnlich zeigten.
Die deutsche Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei als Partei konstituierte sich im September 1919 in Teplitz-Schönau als Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Zu ihrem Vorsitzenden wurde Josef Seliger gewählt.
Ein Jahr später stand der zweite Parteitag im Oktober 1920 in Karlsbad im Zeichen der Auseinandersetzungen mit der "Reichenberger Linken" um Karl Kreibich, aus der im Frühjahr 1921 die deutsche Abteilung der KPC hervorging. Die große Mehrheit des sozialdemokratischen Jugendverbandes verließ die Partei und schloss sich der kommunistischen Bewegung an.
Der Tod Josef Seligers nur wenige Tage nach dem Karlsbader Parteitag im Alter von nur 50 Jahren bedeutete für die Partei einen überaus schweren Verlust. Zu seinem Nachfolger wurde der Führer der mährischen Landesorganisation, der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Czech gewählt. Wie Seliger im Februar 1870 geboren, verfügte er in keiner Weise über die Ausstrahlung seines Vorgängers.
Das Verhältnis zwischen der deutschen und der tschechischen Sozialdemokratie war in den Anfangsjahren der Tschechoslowakischen Republik durch Distanz gekennzeichnet, die sich vor allem aus den unterschiedlichen Positionen zur nationalen Frage in Böhmen ergab. Während die DSAP in den ersten Jahren der Republik wie alle anderen deutschen Parteien eine Beteiligung an der Regierung ablehnte, gehörte die tschechische Sozialdemokratie allen tschecho-slowakischen Regierungskoalitionen an. Erst als die tschechischen Sozialdemokraten nach der verheerenden Wahlniederlage bei den Parlamentswahlen im November 1925 im darauffolgenden Jahr in die Opposition gingen und es zu einer rein bürgerlichen Regierung unter Beteiligung deutscher "aktivistischer" Parteien kam, die zum Unterschied von den "negativistischen" deutschen Parteien zu einer loyalen, "aktiven" Zusammenarbeit mit dem tschechoslowakischen Staat bereit waren, entwickelte sich eine allmähliche Annäherung zwischen den deutschen und den tschechischen Sozialdemokraten. Nach einem gemeinsamen Kongress aller sozialdemokratischen Parteien des Landes im Januar 1928 traten nach den Parlamentswahlen vom Oktober 1929 beide Parteien in die neue Regierung ein. Dabei übernahm der Vorsitzende der DSAP, Dr. Ludwig Czech, das Ministerium für soziale Fürsorge.
Schienen damit die Weichen für eine bessere Lösung der sozialen und nationalen Probleme gestellt, so leiteten der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, die die deutschen Gebiete wegen ihrer Wirtschaftsstruktur besondert hart traf, und der Aufstieg und schließliche Triumph des Nationalsozialismus in Deutschland eine neue, verhängnisvolle Entwicklung ein. Die gnadenlose und grausame Verfolgung aller Gegner durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland war den deutschen Bürgern der Tschechoslowakischen Republik aus der sozialdemokratischen und liberalen bürgerlichen Presse bekannt. Die erste Veröffentlichung über ein deutsches Konzentrationslager war Gerhart Segers 1934 in der Karlsbader Verlagsanstalt Graphia, dem Exilverlag der reichsdeutschen Sozialdemokratie, erschienenes Buch "Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten". Dennoch gaben bei den Parlamentswahlen vom 19. Mai 1935 1.240.530 Wähler der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins ihr Stimme und machten damit diese Partei zur stimmenstärksten Partei der Tschechoslowakischen Republik, die mit 44 Sitzen im Abgeordnetenhaus nach der tschechischen Agrarpartei, die 45 Mandate errang, die zweitstärkste Fraktion stellte. Die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei musste herbe Verluste hinnehmen und errang nur 11 Mandate gegenüber 21 bei den Parlamentswahlen 1929.
In der DSAP wurden nach diesem katastrophalen Wahlergebnis die Rufe nach einer neuen Politik und einem neuen Parteivorsitzenden lauter. Den Bemühungen aber, durch eine Lösung der nationalen Frage und durch wirtschaftliche Maßnahmen bei der Mehrheit der deutschen Bevölkerung eine Identifizierung mit dem tschechoslowakischen Staat zu erreichen und die Gefahren abzuwenden, war am Ende kein Erfolg beschieden. Die Republik scheiterte aber sicher nicht am Nationalismus der tschechischen Rechten und bestimmten Versäumnissen und Halbherzigkeiten der tschechischen Politik, sondern an der Außenpolitik des nationalsozialistischen Deutschland und seiner Entschlossenheit, den tschechoslowakischen Staat zu beseitigen, an den Sympathien eines großen Teils der deutschen Bevölkerung in der Tschechoslowakei für das nationalsozialistische Regime und an der Appeasement-Politik der Westmächte.
In der DSAP konnte der Wechsel im Parteivorsitz von Ludwig Czech zu Wenzel Jaksch auf dem 11. (und letzten) Parteitag vom 26./27. März 1938 in Prag keine praktische Bedeutung mehr gewinnen. Inzwischen hatte Hitler am 12. März seine Truppen in Österreich einmarschieren lassen und im Zuge seiner expansionistischen Politik den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich vollzogen.
Als nach dem Münchener Abkommen die deutschen Truppen am 1. Oktober 1938 mit der Besetzung des Sudetenlandes begannen, wurden sie von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung ebenso jubelnd begrüßt wie in Österreich. Ein Teil der antifaschistischen Opposition konnte sich in die Rest-Tschechoslowakei retten, für viele aber begann der Leidensweg durch die deutschen Konzentrationslager und die Folterkeller der Gestapo.
Am 22. Februar 1939 beschloss der Vorstand der DSAP die Einstellung aller Aktivitäten der Partei auf dem Territorium der Tschechoslowakischen Republik und die Fortsetzung der Arbeit im Ausland unter dem Namen "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten". Am 15. März 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Rest-Tschechoslowakei ein und errichtete dort das "Protektorat Böhmen und Mähren".
Im Exil kam es in der Treuegemeinschaft bald zu divergierenden Ansichten über die einzuschlagende Politik. Dabei ging es vor allem um die politische Ordnung in Mitteleuropa nach dem Kriege, um das Verhältnis zur tschechoslowakischen Exilregierung und um den Eintritt von Mitgliedern der Treuegemeinschaft in die tschechoslowakische Exilarmee. Vor allem beharrte die Gruppe um Wenzel Jaksch für den Fall der Wiederherstellung der Tschechoslowakei in ihren alten Grenzen auf bindenden staatsrechtlichen Zusagen für die Sudetendeutschen. Die Meinungsverschiedenheiten wurden unüberbrückbar und führten am 18. Oktober 1940 zur Spaltung der Treuegemeinschaft und Gründung der "Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (Auslandsgruppe)", auch "DSAP-Auslandsgruppe" oder "Zinner-Gruppe" nach ihrem Gründungsmitglied Josef Zinner genannt, der von 1933-1938 Vorsitzender (Obmann) der "Union der Bergarbeiter in der CSR" war.
In dem Kreis um Edvard Beneš verdichteten sich im Laufe des Krieges erste Erwägungen über eine teilweise Aussiedlung von Deutschen aus der wiederherzustellenden Tschechoslowakei nach und nach zu dem Plan ihrer nahezu völligen Vertreibung aus dem Lande. Bei der Entwicklung dieser Pläne spielten die aus der besetzten Tschechoslowakei ins Ausland gelangenden Nachrichten über die von Deutschen begangenen Verbrechen eine nicht unwesentliche Rolle.
Als der Krieg mit der totalen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland zu Ende ging, wurden die Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus dem Lande unter dem alten und neuen Staatspräsidenten Edvard Beneš und der von dem Sozialdemokraten Zdenek Fierlinger geführten ersten Nachkriegsregierung Wirklichkeit. Für die meisten deutschen sozialdemokratischen Antifaschisten, die das Land 1939 verlassen hatten, wurde das Exil zur Emigration.

2. Zur Historiographie der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern

Eine umfassendere Gesamtdarstellung der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern existiert bis heute nicht. Martin K. Bachstein hat unter dem Titel "Die Sozialdemokratie in den böhmischen Ländern bis zum Jahre 1938" in dem vom Collegium Carolinum herausgegebenen Sammelband "Die Erste Tschechoslowakische Republik als multinationaler Parteienstaat", München - Wien 1979, einen Überblick gegeben, der auch die tschechische Sozialdemokratie einschließt. Friedrich G. Kürbisch hat in seiner "Chronik der sudetendeutschen Sozialdemokratie 1863-1938", Stuttgart: Seliger-Archiv 1982, in außerordentlich verdienstvoller Weise zahlreiche weit verstreute Daten zusammengetragen.
Für die Geschichte der deutschen sozialdemokratischen Bewegung in den böhmischen Ländern bis zum I. Weltkrieg ist die zweibändige, in den Jahren 1925 und 1926 im Verlag des Parteivorstandes der DSAP in Prag erschienene Darstellung von Emil Strauß, "Die Entstehung der deutsch-böhmischen Arbeiterbewegung. Geschichte der deutschen Sozialdemokratie Böhmens bis 1888" und "Von Hainfeld bis zum Weltkriege. Geschichte der deutschen Sozialdemokratie Böhmens, zweiter Band (1889-1914), Nachdruck: Verlag Detlef Auvermann 1970", nach wie vor das Standardwerk und ebenso unentbehrlich wie die gleichfalls in den zwanziger Jahren erschienene fünfbändige "Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie" von Ludwig Brügel.
Emil Strauß, Historiker, Redakteur verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen, zuletzt Chefredakteur des Zentralorgans "Sozialdemokrat", entstammte einer alten jüdischen Prager Familie. Brügel war Mährer und wurde in Groß-Meseritsch bei Brünn geboren. Beide kamen in einem deutschen Konzentrationslager um, Brügel in Theresienstadt, Strauß in Auschwitz.
Für die Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik ist vor einigen Jahren eine amerikanische Arbeit erschienen: Nancy Merriwether Wingfield, "Minority Politics in a Multinational State. The German Social Democrats in Czechoslovakia, 1918-1938", New York 1989.
Unter den umfassenderen Darstellungen zur deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern ist weiter vor allem auf zwei Veröffentlichungen zu verweisen, die nach dem II. Weltkrieg erschienen sind: Martin K. Bachstein, "Wenzel Jaksch und die sudetendeutsche Sozialdemokratie", München - Wien 1974 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 29), und Klaus Zeßner, "Josef Seliger und die nationale Frage in Böhmen. Eine Untersuchung über die nationale Politik der deutschböhmischen Sozialdemokratie 1899-1920", Stuttgart: Seliger-Archiv 1976. Eine entsprechende Arbeit über den Nachfolger Seligers als Vorsitzenden der DSAP, Ludwig Czech, der ebenfalls im Konzentrationslager Theresienstadt umkam, fehlt leider. Hier sei auf die Veröffentlichung von Johann Wolfgang Brügel, dem langjährigen Sekretär von Ludwig Czech, "Ludwig Czech. Arbeiterführer und Staatsmann", verweisen, die 1960 im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung erschienen ist. Sie enthält darüber hinaus Erinnerungen an Ludwig Czech von Angelica Balabanoff, Julius Deutsch und anderen Vertretern der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.
Hinzuweisen ist außerdem auf die im Jahre 1963 erschienene Veröffentlichung von Hans Mommsen, "Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im Habsburgischen Vielvölkerstaat" und auf die Veröffentlichung von Karl Obermann, "Zur Geschichte der deutschen und der tschechischen Sozialdemokratie und ihren freundschaftlichen Beziehungen im 19. Jahrhundert" (In: Aus 500 Jahren deutsch-tschechoslowakischer Geschichte, hrsg. von Karl Obermann und Josef Polišensky, Berlin 1958).
Ältere Aufsätze zur deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg findet man vor allem in der ab 1907 erschienenen Theoriezeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie "Der Kampf", z.B.: Josef Seliger, "Die Parteiorganisation in Deutschböhmen". In: Der Kampf, Bd. 2 (1908/09), S. 207-210; Matthias Eldersch, "Die deutschmährische Parteiorganisation". In: Der Kampf, Bd.2 (1908/09), S. 299-302; Gustav Kränkel, "Aus der Parteigeschichte Westböhmens". In: Der Kampf, Bd. 3 (1909/10), S. 428-432; Anton Schäfer, "Aus der Geschichte der nordböhmischen Arbeiterbewegung". In: Der Kampf, Bd.3 (1909/10), S. 84-87; Heinrich Wissiak, "Parteischule in Bodenbach". In: Der Kampf, Bd. 4 (1910/11), S. 14-21; Anton Kühnel, "Aus der Parteigeschichte des Karbitzer Gebietes". In: Der Kampf, Bd. 4 (1910/11), S. 184-188; Adolf Reitzner, "Wie es einst war". In: Der Kampf, Jg.5 [sic!] (1911/12), S. 176-182; Anton Behr "Aus den Anfägen der Arbeiterbewegung in Nordböhmen". In: Der Kampf, Jg. 5 (1911/12), S. 468-470; Oswald Hillebrand, "Die erste sozialdemokratische Organisation in Österreich" [über den lassalleanischen Arbeiterverein in Asch]. In: Der Kampf, Bd. 6 (1912/13), S. 350-356; Anton Schrammel, "Aus der nordwestböhmischen Arbeiterbewegung". In: Der Kampf, Bd.6 (1912/13), S. 116-119; Karl Cermak, "Kulturelle Leistungen der Arbeiterbewegung". In: Der Kampf, Bd. 7 (1913/14), S. 427-430.
Auf das in den Jahren der Ersten Tschechoslowakischen Republik im Verlag des Parteivorstandes der DSAP erschienene Standardwerk von Emil Strauß wurde bereits oben hingewiesen.
Von den monographischen Veröffentlichungen, die in diesem Zeitraum erschienen sind, seien hier noch zwei Titel genannt: Josef Hofbauer/Emil Strauß, "Josef Seliger. Ein Lebensbild." Prag: Verlag des Parteivorstandes der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik 1930, und Alfred Kleinberg/Fanni Blatny, "Das Denkmal der unbekannten Proletarierin. Die sudetendeutsche Arbeiterinnenbewegung bis zum Weltkrieg", Karlsbad 1937.
Darüber hinaus sei hier auf eine vielzitierte tschechische Veröffentlichung zur frühen Arbeiterbewegung in Böhmen verwiesen: Zdenek V. Tobolka, "Pocátky delnického hnutí v Cechách," Prag 1923. In seinem Aufsatz "Die Spaltung der tschechischen Sozialdemokratie vor vierzig Jahren", (In: Der Kampf, Bd. 15 (1922), S. 51-54) stellt Emil Strauß diese Veröffentlichung in ihrem wissenschaftlichen Wert und ihrer Lesbarkeit über die fünfbändige Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie von Ludwig Brügel. Tobolka war Direktor der Bibliothek des tschechoslowakischen Abgeordnetenhauses.
In den Jahrgängen der Zeitschrift "Der Kampf" zwischen dem Ende des I. Weltkrieges und 1934 sind vor allem Emil Strauß und Johann Polach mit Beiträgen über Probleme der Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei vertreten. Johann Polach war Gymnasialprofessor in Brünn und gehörte von 1920 bis 1935 als Vertreter der DSAP dem Senat des tschechoslowakischen Parlaments an. Auch er kam im Konzentrationslager Theresienstadt um.
Weitere Beiträge zur Arbeiterbewegung findet man in der von der DSAP ab 1928 herausgegebenen Zeitschrift "Tribüne". 1934 vereinigte sie sich unter dem Titel "Der Kampf" mit der theoretischen Zeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie, die nach der Niederschlagung des Schutzbundaufstandes im Februar 1934 in Österreich nicht mehr erscheinen konnte.
Als weitere wichtige Veröffentlichung sei hier außerdem das von der DSAP ab 1928 herausgegebene "Arbeiter-Jahrbuch" genannt, das bis 1938 erschien. (Als Vorgänger erschien 1922 das Freiheit-Jahrbuch.)
Von den nach dem II. Weltkrieg erschienenen Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern sind bereits oben mehrere Titel genannt worden. Mit der Geschichte der Arbeiterorganisation in Asch vom Jahre 1863 hat sich der tschechische Historiker Zdenek Šolle in dem Aufsatz "Die ersten Anhänger der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Böhmen" beschäftigt, der in der Zeitschrift "Historica", 7 (1963), S. 154-184, erschienen ist. In größeren thematischen Zusammenhängen haben Šolle und Jirí Koralka die Arbeiterbewegung in Böhmen in mehreren Aufsätzen behandelt, die in den Bänden V bis VIII (1965-1969) des "Archivs für Sozialgeschichte" erschienen sind. Jirí Koralka hat auch in dem obengenannten, von Karl Obermann und Josef Polišensky herausgegebenen Sammelband einen Aufsatz "Über die Anfänge der Zusammenarbeit zwischen der Arbeiterbewegung in Deutschland und in den böhmischen Ländern" veröffentlicht.
Mit der Situation der deutsch-böhmischen Sozialdemokratie am Ende des I. Weltkrieges hat sich Klaus Zeßner in einem Aufsatz unter dem Titel "Die Haltung der deutschböhmischen Sozialdemokratie zum neuen tschechoslowakischen Staat 1918/1919" beschäftigt, der in dem vom Collegium Carolinum 1973 herausgegebenen Sammelwerk "Die ‚Burg'. Einflussreiche politische Kräfte um Masaryk und Beneš", Bd. 1, S. 161-175, erschienen ist. Der Geschichte der DSAP in der Ersten Tschechoslowakischen Republik sind drei Aufsätze von Martin K. Bachstein gewidmet: "Programmdiskussion und Krise in der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik" (In: Bohemia, Jg. 11 (1970), S. 308-323), "Der Volkssozialismus in Böhmen: nationaler Sozialismus gegen Hitler" (In: Bohemia, Bd. 14 (1973), S. 340-371) und "Die Jugend- und Bildungspolitik der DSAP als Beispiel deutscher aktivistischer Bemühungen" (In: "Kultur und Gesellschaft in der Ersten Tschechoslowakischen Republik", München - Wien 1982, S. 179-189).
Die Situation der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten im Exil behandelt derselbe Autor in seinem Aufsatz "Die Politik der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten als Hauptrepräsentanz des deutschen Exils aus der Tschechoslowakischen Republik". Der Aufsatz wurde 1971 vom Collegium Carolinum veröffentlichten Sammelwerk "Das Jahr 1945 in der Tschechoslowakei. Internationale, nationale und wirtschaftlich-soziale Probleme", S. 65-100, veröffentlicht. Mit der Situation im Exil beschäftigt sich Martin K. Bachstein auch ausführlich in seinem obengenannten Buch "Wenzel Jaksch und die sudetendeutsche Sozialdemokratie". Mit der Geschichte der Treuegemeinschaft im Exil befasst sich unter dem Titel "Beneš, Jaksch und die Sudetendeutschen" auch eine Veröffentlichung von Friedrich Prinz, die 1975 vom Seliger-Archiv herausgegeben wurde. Genannt sei schließlich noch der von Friedrich Prinz herausgegebene Briefwechsel zwischen Jaksch und Beneš, der 1973 unter dem Titel "Wenzel Jaksch - Edvard Beneš. Briefe und Dokumente aus dem Londoner Exil 1939-1943" im Verlag Wissenschaft und Politik erschienen ist. Alle Veröffentlichungen zur Geschichte der Treuegemeinschaft im Exil widmen natürlich der Entstehung der Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei breiten Raum.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass man zahlreiche Beiträge zur deutschen Sozialdemokratie in den böhmischen Ländern auch in dem von der Seliger-Gemeinde seit 1952 herausgegebenen "Sudeten-Jahrbuch" und in der von ihr herausgegebenen Zeitung "Die Brücke" findet. Auf zahlreiche biographische Beiträge in diesen Publikationen verweist Friedrich G. Kürbisch in der obengenannten Veröffentlichung "Chronik der sudetendeutschen Sozialdemokratie 1863-1938".
Die bibliographischen Hinweise erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und der Kenner der Materie wird sicherlich den einen oder anderen Titel vermissen, der ihm besonders wichtig erscheint. Sie sollen lediglich demjenigen, der sich bisher nicht mit der Geschichte der deutschen sozialdemokratischen Bewegung in den böhmischen Ländern beschäftigt hat, den Einstig in das Thema erleichtern.

3. Zum Bestand der Bibliothek des Seliger-Archivs und seiner Verzeichnung

Zum Schicksal des alten Archivs der DSAP in Prag schreibt Martin K. Bachstein in seiner oben bereits genannten Veröffentlichung "Programmdiskussion und Krise in der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik": "Das Archiv der Partei gelangte 1938, wahrscheinlich nach der Vernichtung von damals politisch gefährdendem Material, an das Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte. Als diese Bestände während des Krieges nach Polen verlagert wurden, verschwand ein Teil der Akten und konnte dem Amsterdamer Archiv von den polnischen Behörden nicht mehr zurückerstattet werden. Auch ein Teil des in die Emigration geretteten Materials ging verloren und erschwert so den seit den 50er Jahren betriebenen Aufbau des sog. Seliger-Archivs in Stuttgart, das von der Seliger-Gemeinde als Traditionsträger der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakischen Republik verwaltet wird."
Nach Auskunft von Herrn Artur Schober, Mitglied des Präsidiums der Seliger-Gemeinde, ist diese Rettung der im Archiv beim Parteivorstand der DSAP lagernden Dokumente Ernst Paul zu verdanken, der bis 1926 Vorsitzender des Jugendverbandes der DSAP war, im Exil an der Spitze der Schweden-Gruppe der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten stand und nach dem Kriege zu den Mitbegründern der Seliger-Gemeinde gehörte.
Unabhängig von der Tatsache, dass nach wie vor Unklarheit darüber zu bestehen scheint, was im einzelnen in das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam gelangte, besteht bei dem Seliger-Archiv, mit dessen Aufbau die Seliger-Gemeinde nach dem Kriege begann, offensichtlich eine dem Parteiarchiv der SPD vergleichbare Situation, d.h. der Bestand setzt im wesentlichen erst mit der Exilzeit ein.
Für die Rettung von gedruckten Materialien der deutschen Arbeiterbewegung in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und der Zeit der Doppelmonarchie bestanden natürlich unter den dramatischen Umständen, unter denen sich 1938 die Besetzung des Sudetenlandes durch das nationalsozialistische Deutschland vollzog, keinerlei Chancen. Um so mehr verdient es vor dem Hintergrund zweier Katastrophen, der deutschen Okkupation 1938/39 und der Vertreibung am Ende des II. Weltkriegs, uneingeschränkten Respekt, dass es der Seliger-Gemeinde gelungen ist, beim Aufbau eines Archivs und einer Bibliothek zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in Böhmen, Mähren und Schlesien im Bereich gedruckter Quellen die Veröffentlichungen der DSAP, ihrer Vorläuferorganisationen in der Habsburger Monarchie sowie der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung in erheblichem Umfange zusammenzutragen, auch wenn der Historiker manche schmerzliche Lücke feststellen mag. Dies gilt aus naheliegenden Gründen besonders für Zeitungen. So ist zum Beispiel das Zentralorgan der DSAP, der Prager "Sozialdemokrat", in deutschen Bibliotheken nur mit einem Teilbestand vertreten, und noch schlechter sieht die Situation bei den meisten regionalen Parteizeitungen aus. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, deren Bibliothek seit Mitte der siebziger Jahre in erheblichem Umfange Verfilmungen der deutschen und internationalen Arbeiterpresse durchgeführt hat, will deshalb in den kommenden Jahren die wichtigsten, in tschechischen Bibliotheken und Archiven erhalten gebliebenen Zeitungen der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern nach und nach verfilmen, um diese in vielen Fällen vom Zerfall bedrohten Quellen für die historische Forschung zu sichern.
Das hier vorgelegte Bestandsverzeichnis erfasst die in der Bibliothek des Seliger-Archivs vorhandenen gedruckten Veröffentlichungen aus der Zeit bis zum Ende des II. Weltkrieges. Dieser Bestand beläuft sich auf etwa 3.700 monographische und etwa 700 periodischen Veröffentlichungen. Darüber hinaus gehört zur Bibliothek des Seliger-Archivs noch ein Bestand von etwa 5.000 Bänden aus der Zeit nach dem Ende des II. Weltkrieges. An seiner Verzeichnung wird in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet.
Bei der Festlegung der Struktur des Bestandsverzeichnisses haben wir uns von drei Gesichtspunkten leiten lassen:

  1. Das Thema "Deutsche Arbeiterbewegung in Böhmen, Mähren und Schlesien" sollte durch eine zusammenhängende Darstellung so gut wie möglich sichtbar gemacht werden.
  2. Mit der Gliederung des Materials sollte auch ein Stück Organisationsgeschichte der DSAP in der Ersten Tschechoslowakischen Republik abgebildet werden.
  3. Es sollte deutlich gemacht werden, in welchem Maße die deutsche Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern über die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte hinaus auch eine bedeutende Kulturbewegung war. Die Signaturen aller zur Bibliothek des Seliger-Archivs gehörenden Veröffentlichungen beginnen mit der Buchstabenfolge SEL. Zur Erhöhung des Informationswertes dieses Bestandsverzeichnisses und zum Teil auch aus technischen Gründen wurden die entsprechenden Bestände der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung mit aufgeführt. Für monographische und periodische Titel wird so auf zusätzliche Exemplare verwiesen, für periodische Titel aber auch auf ergänzende Bestände.

Die Bearbeiter hoffen, dass dieses Bestandsverzeichnis in einer Zeit veränderter politischer Rahmenbedingungen der Beschäftigung mit der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern und ihrem Verhältnis zur tschechischen Arbeiterbewegung neue Impulse verleihen und auf diese Weise vielleicht auch einen bescheidenen Beitrag zur Aussöhnung zwischen den beiden Völkern leisten wird.
Horst Ziska

 
   

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